Der zweite Bürgerkrieg

Die US-Gesellschaft ist zerstritten und zersplittert. Das Undenkbare wird in diesen Tagen denkbar: dass Amerikaner wieder gegen Amerikaner kämpfen.

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Das Wort fällt irgendwo zwischen dem Parkplatz und der Passhöhe. Stewart Rhodes spricht es aus, und der scharfe Wind packt es, reisst es mit sich und wirbelt es zusammen mit den Schneeflocken über die Felsen davon. Unten im Tal ist es warm und grün, die Touristen drängeln sich auf den Wanderwegen im Glacier National Park, sie tragen kurze Hosen und haben Pfefferspray dabei gegen die Bären. Aber hier oben auf dem Logan Pass, in 2000 Metern Höhe, herrscht auch im Juli noch grauer Winter.

«Ich wünsche mir keinen Bürgerkrieg», sagt Stewart Rhodes. Er wischt sich über das Gesicht, das nass vom Nebel ist. «Bei Gott, ich will keinen Bürgerkrieg», wiederholt er. «Aber wenn es einen Bürgerkrieg gibt, dann werden wir ihn gewinnen. Wir werden denen in den Arsch treten.»

Stewart Rhodes. (Bild: AP/Susan Walsh)

Er ist ein bulliger Mann um die 50. Über dem linken Auge trägt er seit einem Unfall eine schwarze Klappe. Er war Fallschirmjäger in der US Army, er hat für einen Abgeordneten in Washington gearbeitet, später als Anwalt in Nevada. Heute lebt er im Norden von Montana, in der Nähe der Kleinstadt Kalispell.

Von dort aus führt er die grösste und vielleicht gefährlichste rechte Miliz in den USA – die «Oath Keepers»: Nach Rhodes’ Angaben sind es 27'000 Mann, die meisten aktive oder ehemalige Soldaten und Polizisten, alle gut gerüstet mit Waffen und geübt im Umgang damit. Wenn Stewart Rhodes über einen zweiten Bürgerkrieg in Amerika redet und davon, dass er jemandem in den Arsch treten will, dann sollte man zuhören.

Amerika im Sommer 2018. In acht Jahren werden die USA den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern. Doch die hoffnungsvolle Nation, die damals gegründet wurde, wird heute von finsteren Selbstzweifeln geplagt. Die Amerikaner fragen sich, was an ihren Vereinigten Staaten eigentlich noch vereinigt und was längst zerfallen und zersplittert ist. Sie fragen sich, wie es passieren konnte, dass in ihrem Land nur noch gestritten und gehasst wird. Und sie fragen sich, was da noch kommen könnte. Ob das Undenkbare wirklich denkbar wird: dass sie sich noch einmal in «wir» und «die» aufspalten und losziehen, um einander umzubringen.

Links und rechts driften auseinander

Der Schriftsteller und Journalist Omar El Akkad hat auf diese Fragen eine präzise, wenn auch apokalyptische Antwort gegeben. Akkad ist Kanadier, er wurde in Kairo geboren und lebt in Portland, Oregon. Voriges Jahr veröffentlichte er ein Buch: «American War». Akkad kennt sich mit beidem aus, mit Krieg und mit Amerika, er hat als Reporter aus Afghanistan berichtet und aus Ferguson, Missouri. Dort kam es im August 2014 zu wütenden Strassenschlachten, nachdem ein weisser Polizist einen jungen Schwarzen erschossen hatte.

Akkads Buch ist ein Roman, und er beschreibt darin ein verbranntes Amerika, das sich in einem Bürgerkrieg zerfleischt. Teile der USA sind wegen der Erderwärmung im Meer versunken, der Süden hat sich vom Norden losgesagt. Reguläre Truppen, Rebellen und verrohte Milizen kämpfen gegeneinander. Akkad datiert seine Dystopie sehr genau. In seinem Roman beginnt der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg am 1. Oktober 2074 mit der Sezession der «Free Southern States». Er endet am 3. Juli 2095 mit dem Sieg des Nordens.

«American War» ist ein hartes Buch. Vielleicht wies die New York Times in ihrer Besprechung deswegen ausdrücklich darauf hin, dass all das Furchtbare, das da zu lesen sei, «ein Werk der Einbildung ist». Aber ganz wohl war dem Rezensenten dabei offenbar nicht. «Jedenfalls nach dem heutigen Stand», schob er einschränkend nach.

«Treibt Amerika auf einen neuen Bürgerkrieg zu?»

Tatsächlich beschäftigt die Vorstellung, dass es in Amerika irgendwann in den kommenden Jahren zu einem grossen Gewaltausbruch kommen könnte, längst nicht mehr nur Leute, die davon leben, sich Geschichten auszudenken. Die durchweg seriöse Zeitschrift Foreign Policy zum Beispiel fragte im Frühjahr des vergangenen Jahres einige Militärfachleute und Historiker, für wie gross sie die Gefahr eines zweiten Bürgerkriegs in den nächsten 15 Jahren hielten. Die Antworten schwankten, aber unterm Strich sahen die Befragten ein erschreckend hohes Risiko von 35 Prozent, dass in absehbarer Zeit wieder Amerikaner gegen Amerikaner kämpfen.

Der New Yorker griff das Thema im August 2017 wieder auf. Kurz zuvor waren Hunderte Neonazis, Rassisten und Ku-Klux-Klan-Anhänger durch Charlottesville in Virginia marschiert. Es kam zu Schlägereien mit Gegendemonstranten, eine junge Frau wurde getötet, als ein Rechtsradikaler mit seinem Auto absichtlich in eine Gruppe Protestierender raste. «Treibt Amerika auf einen neuen Bürgerkrieg zu?», lautete die Überschrift im New Yorker. Immerhin war das noch als Frage formuliert.

In dem Artikel zitierte die Autorin dann jedoch den Diplomaten Keith Mines, der früher als Elitesoldat in verschiedenen Bürgerkriegsländern im Einsatz war: «Wir reden uns ein, hier bei uns könne es nicht passieren. Aber natürlich kann es auch bei uns passieren.» Das Risiko, dass es in den USA in nicht allzu ferner Zukunft zu einem so massiven Gewaltausbruch kommt, dass nur die Nationalgarde ihn eindämmen kann, bezifferte Mines auf 60 Prozent.

Mines war in Somalia und El Salvador, im Sudan und in Afghanistan, all die giftigen Zutaten, die sich dort zu Bürgerkriegen vermischt haben, sieht er derzeit auch in den Vereinigten Staaten: den Graben, der die Gesellschaft spaltet, den es schon vor Donald Trumps Wahlsieg gab, den dieser aber immer weiter aufreisst; die gegenseitige Verachtung, die Lügen, die Häme, den Hass und die ständige Hysterie; die Hilflosigkeit der Politiker; und den Glauben, dass sich die Probleme mit Gewalt lösen liessen. «Jeder ist wegen irgendwas wütend, und jeder hat eine Waffe», lautete Mines’ Diagnose zum Zustand Amerikas.

Das Wort «Bürgerkrieg» wird ganz selbstverständlich verwendet

Inzwischen hat sich das Wort «Bürgerkrieg» in der Öffentlichkeit und im politischen Jargon festgesetzt. Es wird ganz selbstverständlich verwendet, und je öfter es fällt, desto normaler wird es. Strategen der Demokraten reden vom «neuen Bürgerkrieg», um den politischen Kampf gegen Präsident Trump und die Republikaner zu beschreiben, der für sie keine Waffenruhe, keine Kompromisse und schon gar keinen Friedensschluss zulässt.

Auf der rechten Seite wird jede linke Demonstration gegen den Präsidenten, jeder Protest, jede Unhöflichkeit gegenüber Leuten, die Trump mögen, als Zeichen für einen bevorstehenden Bürgerkrieg gesehen. Wenn linke Studenten an ihren Universitäten Krawall machen, um Auftritte rechtspopulistischer Redner zu verhindern – Bürgerkrieg. Wenn Trumps Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders in einem Restaurant mit dem hübschen Namen «Rote Henne» nicht bedient wird – Bürgerkrieg. «Die Linken versuchen nicht mehr, die zu überzeugen, die anderer Meinung sind. Sie versuchen, sie zu zerstören», twitterte kürzlich der Fox-News-Moderator Tucker Carlson. «Sie meinen es ernst. Das ist Krieg.»

Zahlreiche Szenarien, wie ein Gewaltausbruch beginnen könnte

Der republikanische Kongressabgeordnete Steve King stimmte mit einer historischen Anspielung in das Kriegsgegrummel ein. Nachdem linke Demonstranten in Portland ein Büro der Grenzschutzbehörde ICE besetzt und die amerikanische Flagge durch eine Fahne ersetzt hatten, auf der «Refugees Welcome» stand, twitterte er: «Amerika nährt sich einem zweiten Harpers Ferry. Danach kommt Ft. Sumter.»

Steve King ist als rechtskonservativer Provokateur bekannt. Aber er ist auch ein geachtetes Mitglied der Regierungspartei. Und jedem halbwegs gebildeten Amerikaner war klar, was King meinte: In dem Ort Harpers Ferry im heutigen West Virginia griff am 16. Oktober 1859 der militante Sklavereigegner John Brown ein Waffendepot der Armee an, um einen Aufstand der Schwarzen auszulösen. Browns Überfall war eines der Vorgeplänkel, die zum Bürgerkrieg führten. Dieser fing damit an, dass Soldaten der Südstaaten am 12. April 1861 die Unionstruppen in Fort Sumter unter Feuer nahmen, einer Festung im Hafen von Charleston, South Carolina.

Es gibt zahlreiche Szenarien, wie ein Gewaltausbruch heute beginnen könnte: ein verpatzter Polizeieinsatz gegen einen störrischen Waffenbesitzer, dem rechte Milizen zu Hilfe eilen; ein Zusammenprall von Demonstranten wie in Charlottesville, bei dem Schüsse fallen; ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump, das dessen Anhänger als Putsch ansehen, gegen den sie ihren Präsidenten verteidigen müssen; ein Attentat von Trump-Gegnern auf eine Veranstaltung des Präsidenten. In Las Vegas tötete voriges Jahr ein einzelner Schütze binnen Minuten mehr als 50 Menschen, er feuerte aus einem Hotelfenster auf die Besucher eines Open-Air-Konzerts. Würde so etwas bei einem Trump-Auftritt passieren, wären die Folgen unabsehbar.

Kein Wunder also, dass viele Amerikaner Angst haben: Bei einer Umfrage im Juni sagte jeder Dritte, er halte es für wahrscheinlich, dass in den kommenden fünf Jahren ein Bürgerkrieg ausbricht.

Von 1861 bis 1865 schossen Brüder auf Brüder

Blickt man auf die Geschichte der USA, dann sieht man vor allem eines: Gewalt von Amerikanern gegen Amerikaner. Die Vereinigten Staaten gingen aus einem Revolutionskrieg hervor, in dem nicht nur amerikanische Patrioten gegen britische Rotröcke kämpften, sondern auch Nachbarn gegen Nachbarn. Von 1861 bis 1865 tobte der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten, in dem Hunderttausende starben. Brüder schossen auf Brüder, Väter auf Söhne. Davor und danach – endlose Gewalt: Aufstände, Massaker, Indianerkriege, Lynchmorde, Rassenunruhen, Attentate, Massenschiessereien.

Amerika war nie ein besonders friedliches Land. Warum also sollte die Zukunft friedlich sein?

Ein guter Gesprächspartner, um darüber zu reden, ist Howard Smead. Der Historiker lehrt an der University of Maryland und geht seit Langem der Frage nach, warum die Amerikaner unablässig ihre Landsleute töten. Smead schlägt für das Treffen ein Schlachtfeld aus dem Bürgerkrieg vor, benannt nach einem Fluss, dessen Name für Amerikaner bis heute nach Leid und Tod klingt: Antietam.

Am 17. September 1862 war der Boden hier dunkel und feucht von Blut. 90'000 Soldaten der Nordstaaten standen 40'000 Mann aus dem Süden gegenüber. Das Gemetzel dauerte einen Tag, als es vorbei war, waren fast 23'000 Männer tot oder verwundet. Sie waren in dichten Reihen ins Feuer marschiert, sie hatten sich mit Bajonetten erstochen. Der Norden siegte, aber der Preis war schrecklich. Der Tag der Schlacht am Antietam war der blutigste Tag in der Geschichte der USA.

Norden gegen Süden gibt es so nicht mehr

Heute ist das Schlachtfeld ein stiller Nationalpark. Auf den hügeligen Feldern, wo damals gestorben wurde, wächst Mais. An den Wegen stehen Denkmäler für die Regimenter, die hier verblutet sind. Ein Ranger zieht vor dem kleinen Museum die amerikanische Flagge auf und salutiert. Eine Amsel singt in einer Hecke.

Howard Smead sitzt im Schatten einer grossen Eiche an einem Ort auf dem Gelände, der Mumma Cemetery heisst. Vor 150 Jahren lebte hier die Bauernfamilie Mumma, und hier unter der Eiche begruben sie ihre Toten. «Ich glaube, das Land war seit dem Bürgerkrieg nicht mehr so tief gespalten wie heute», sagt Smead. «Und es ist kein offensichtliches Ende zu erkennen, auf das das alles zuläuft.»

Smead ist eigentlich ein Optimist. Während er dasitzt und nachdenkt, fallen ihm mehr Gründe gegen einen zweiten Bürgerkrieg ein als dafür. Dass ein Teil der USA sich geschlossen abspalte, so wie die Südstaaten es 1861 getan haben und in Omar El Akkads düsterem Roman noch einmal tun, dass wieder zwei amerikanische Armeen gegeneinander ins Feld zögen, das sei doch eher unwahrscheinlich, sagt er.

«Es heisst immer: Eine Landkarte, die die Nord- und Südstaaten im Jahr 1861 zeigt, sieht genauso aus wie eine Karte der heutigen USA, auf der die demokratischen und die republikanischen Bundesstaaten eingezeichnet sind. Aber die politische Trennlinie verläuft heute nicht mehr zwischen Staaten, sondern in ihnen selbst: zwischen den linksliberalen Stadtregionen und dem konservativen Land drumrum. Einen geeinten ,Süden‘ gibt es gar nicht mehr.»

Die neue Trennung: Stadt vs. Land

«Alle sogenannten Sezessionsbewegungen seit dem Bürgerkrieg waren eigentlich Schwachsinn», sagt Smead. «Und selbst wenn sich ein Landesteil abspalten würde – na dann, viel Glück. Wirtschaftlich stünden sie da wie Botswana.»

Aber der Historiker Smead weiss natürlich, dass Gewaltausbrüche wenig mit ökonomischer Logik zu tun haben. Wut, Hass und Angst treiben sie an, und die können jahrelang unter der Oberfläche glimmen, bis sie irgendwann in die Luft gehen wie ein Pulverfass, in das ein Funken fällt. Zwar ballen sich Wut, Hass und Angst derzeit in vielen Ländern zusammen, auch in Europa, zum Beispiel in Deutschland.

Doch von den wütenden, hassenden, ängstlichen Deutschen, die bei Pegida-Demos herumschreien, unterscheiden sich die wütenden, hassenden und ängstlichen Amerikaner in zwei ganz entscheidenden Punkten: Erstens sind die Amerikaner bewaffnet; etwa vier von zehn US-Bürgern besitzen eine Schusswaffe, insgesamt sind im Land mindestens 300 Millionen Gewehre und Pistolen im Umlauf. Zum Zweiten werden die USA von einem Präsidenten regiert, der Andersdenkende öffentlich zu Volksfeinden erklärt. Das ist eine explosive Mischung. Irgendwann fehlt dann nur noch der Funken.

«Ein realistisches Szenario für einen grossen Gewaltausbruch wäre meiner Ansicht nach, dass Trump seine Anhänger dazu aufstachelt», sagt Smead. «Ich könnte mir vorstellen, dass er das tut. Warum? Vielleicht weil er eine Wahl verliert, oder weil er des Amtes enthoben werden soll. Oder einfach, weil ihn ein von den Demokraten kontrollierter Kongress blockiert. Das wäre beispiellos, kein Präsident hat so etwas je gemacht. Aber Trump hat ja schon sehr viele Grenzen überschritten.»

2014: Amerikaner zielten auf Amerikaner

Der gefährlichste Tag in der jüngeren Geschichte der USA, der Tag, an dem Amerika so nahe an den Rand von etwas Bürgerkriegsartigem geriet wie seit den gewalttätigen Sechziger- und Siebzigerjahren nicht mehr, war vermutlich der 12. April 2014. An diesem Samstag standen sich an einer Autobahnbrücke in der Nähe des Städtchens Bunkerville in Nevada die geballte Staatsmacht und mehrere Dutzend schwer bewaffnete Milizionäre gegenüber. Die Interstate 15 kreuzt hier ein trockenes Flussbett, in dem wilder Salbei wächst und die bleichen Knochen verendeter Tiere liegen. Es ist ein einsamer, staubiger Ort.

Die Polizei hatte die Rinder des Ranchers Cliven Bundy beschlagnahmt, um Weidegebühren einzutreiben, die der Viehzüchter nicht bezahlen wollte. Die Milizmänner waren nach Bunkerville gekommen, um dem Rancher zu helfen. Bundy und seine Kämpfer hielten die Beschlagnahmung für einen Willkürakt einer tyrannischen Regierung, welche die Menschen unterdrückt. So, wie sie es sahen, verteidigten sie in Bunkerville die Freiheit und das wahre Amerika gegen eine Diktatur.

Die Polizei war an diesem Frühlingstag mit Einsatzkommandos in gepanzerten Fahrzeugen angerückt, die Milizionäre hatten sich auf der Brücke verschanzt. Scharfschützen lauerten hinter ihrer Deckung, Amerikaner zielten auf Amerikaner. Eine falsche Bewegung, ein Missverständnis, ein nervöser Finger am Abzug und in der Wüste von Nevada wäre eine regelrechte Schlacht losgebrochen.

Die Konfrontation in Bunkerville endete friedlich. Die Staatsmacht gab nach, Bundy bekam seine Kühe zurück.

Dem Staat die Stirn bieten

Doch die Amerikaner mussten am 12. April 2014 voller Schrecken feststellen, dass es gärte in ihrem Land. Dass es im modernen, offenen, bunten Amerika, das den Schwarzen Barack Obama zwei Mal zum Präsidenten gewählt hatte, Menschen gab, die sehr archaische, radikale und gefährliche Vorstellungen von Freiheit und Patriotismus hatten. Und die bereit waren, dafür zu töten und selbst zu sterben.

Unter den Männern, die damals nach Bunkerville reisten, um Cliven Bundy und seine Kühe zu verteidigen, war auch Stewart Rhodes, der Oath Keeper mit der Augenklappe. Aber Rhodes kam nicht wegen ein paar mageren Rindern. Er kam, weil er dem Staat die Stirn bieten wollte.

Forschungsinstitute wie das Southern Poverty Law Center, das die rechtsradikale Szene in Amerika beobachtet, stufen Rhodes und seine Oath Keepers als gewaltbereite rechte Extremisten und Regierungsfeinde ein. Aber das trifft die Sache nicht ganz. Stewart Rhodes ist politisch ein Rechter, er hat Trump gewählt, und ihm gefällt das meiste, was der Präsident tut. Aber er ist keiner jener dumpfen, rechtsradikalen, rassistischen Hinterwäldler, aus denen sich viele Milizen in den USA rekrutieren. Die meisten seiner Ansichten teilt Rhodes mit sehr vielen normalen, konservativen Amerikanern. Und vielleicht macht ihn gerade das so gefährlich.

«Mit den beschissenen Nazis will ich nichts zu tun haben»

Rhodes hat in Yale Jura studiert und für den republikanischen Abgeordneten Ron Paul gearbeitet. Jeden Montag geht er für eine Stunde ins Yogastudio, um zu meditieren. Dann parkt er seinen Pick-up-Truck neben Kleinwagen, auf denen Aufkleber prangen: «Resist»– der Aufruf der Trump-Gegner zum Widerstand; «Coexist» – die Mahnung, friedlich zusammenzuleben. «Die anderen im Meditationskurs sind alle Linke, jedenfalls sehen sie wie Hippies aus», sagt Rhodes. «Aber es sind nette Leute.»

Rhodes will keinen Regierungsumsturz in Amerika, keine weisse Diktatur und keinen Rassenkrieg, wie ihn sich die Neonazis wünschen, die vorigen Sommer in Charlottesville ihre Hakenkreuzfahnen schwenkten. Während andere Milizen damals Spalier standen, hielt Rhodes seine Truppe aus der Stadt fern. «Mit den beschissenen Nazis will ich nichts zu tun haben», sagt er, während er in einem italienischen Restaurant in Kalispell Lasagne isst.

Der Ort liegt in den Rocky Mountains, unter einem hohen, freien Himmel. Prärie und Berge. 30 Meilen nördlich ist der Eingang zum Glacier National Park, wo Rhodes nachher noch wandern will. Seine Mutter stamme aus einer mexikanischen Familie, die vor drei Generationen als Erntearbeiter nach Kalifornien gekommen seien, erzählt er. «Ich bin selbst zu einem Viertel Mexikaner. Diese Scheissnazis würden ja auch meine Kinder umbringen.»

Stewart Rhodes sieht sich als eine Art militanten Verfassungspatrioten. Die Verfassung der Vereinigten Staaten, 1789 in Kraft getreten, noch mehr aber die ersten zehn Zusatzartikel von 1791 sind für ihn gottgegeben, unteilbar, absolut. In dieser sogenannten Bill of Rights sind die Bürgerrechte aller Amerikaner festgeschrieben. Das Recht, sich frei zu versammeln und frei zu reden. Das Recht, Waffen zu tragen. Das Recht, nicht grundlos von der Polizei festgehalten zu werden. Das Recht auf einen fairen Prozess. Vor allem das Recht auf Waffenbesitz, verankert im Zweiten Zusatzartikel, ist für Rhodes nicht verhandelbar. Sollte jemand versuchen, es einzuschränken, sagt er, «dann fliesst Blut.»

Bewahrer des Eides – für immer

Als Rhodes nach der Highschool zur Armee ging, schwor er, wie jeder Soldat oder Polizist in Amerika, einen Eid. Er verpflichtete sich, die Verfassung zu schützen, notfalls mit dem eigenen Leben. Rhodes blieb nur drei Jahre in der Army, dann verletzte er sich bei einem Fallschirmsprung, er verlor ein Auge und wurde entlassen. Doch für ihn gilt sein Eid ewig.

Und weil er die Verfassung immer wieder bedroht sah, durch die eigene Regierung und allerlei andere Gegner, gründete er 2009 eine Miliz, deren Mitglieder alle den gleichen Eid wie er geschworen haben. Oath bedeutet Eid; to keep heisst behalten. Die Oath Keepers sind die Bewahrer des Eides – für immer. «Oath Keepers Till Valhalla» hat sich Rhodes neben einen Totenkopf auf den Oberarm tätowieren lassen. Der Eid gilt, bis der gefallene Krieger in Odins Burg einzieht.

Das ist, wenn man es so nennen will, das theoretische Fundament, auf dem Rhodes’ Miliz steht, und er kann sehr lange, kenntnisreich und eloquent darüber referieren. Er sagt dann zuweilen Dinge, die jeder linke Bürgerrechtsanwalt unterschreiben würde. Dass die Regierung keine amerikanischen Bürger zu «ungesetzlichen feindlichen Kombattanten» erklären und ohne Prozess einsperren oder von einer Drohne abknallen lassen darf; dass die Polizei nicht willkürlich Schwarze auf der Strasse durchsuchen kann; dass die Brutalität der Polizei ohnehin immer weiter ausufere.

Rhodes erzählt dann auch stolz, dass seine Leute nach den Hurrikans in Houston und Puerto Rico wochenlang dort waren, um den Leuten zu helfen. «Da unten haben wir einen sehr guten Ruf», sagt er.

Das Wort Miliz mag Rhodes nicht. «Wir sind eine Freiwilligenvereinigung», sagt er. Die Oath Keepers tragen keine Fantasieuniformen, ihre Anführer verleihen sich auch keine hochtrabenden militärischen Ränge. Doch so harmlos, wie Rhodes tut, ist seine Truppe nicht.

In der Praxis hat er die Oath Keepers zu so etwas wie einem schwer bewaffneten Saalschutz für Amerikas Rechtspopulisten gemacht. Seine Männer marschieren dort auf, wo Rhodes die Grundrechte bedroht sieht. Aber welche Bürgerrechte das sind und von welchen Feinden die Gefahr droht, das entscheidet alleine er oder einer seiner lokalen Stellvertreter. Und zumeist stellen sich Rhodes’ Männer dann auf die Seite der Rechten.

Eine Welt voller Feinde

Stewart Rhodes’ Welt ist voller Feinde. Er selbst benutzt diesen Begriff: enemies. Da sind die Demokraten, die dort, wo sie regieren, den Amerikanern ihre Freiheit nehmen, ihnen das Denken und Reden verbieten und sie entwaffnen wollen, damit sie sich nicht wehren können. «Sie wollen unsere Waffen konfiszieren, um unsere Macht zu brechen», sagt er. «In New Jersey haben sie jetzt ein Gesetz gemacht, das es einem Richter erlaubt, jemandem ohne Anhörung und nur auf den Verdacht hin, er könne eine Straftat begehen, die Waffen wegzunehmen», sagt Rhodes. Das sei verfassungswidrig, kein Polizist, der den Oath Keepers angehört, sollte diesem Gesetz folgen. Und er droht: «Die spielen russisches Roulette. Wenn sie an den falschen Kerl geraten, der seine Knarren nicht brav rausrückt, dann knallt es.»

Und da sind jede Menge andere Linke, die Rhodes als seine Feinde ansieht, als Amerikas Feinde: Kommunisten und Sozialisten, die Black Panthers, die Redneck Revolt, eine anarchistische Miliz in den Appalachen, und vor allem die verdammten, vermummten Steinewerfer von der Antifaschistischen Aktion in Berkeley.

Für Rhodes wollen sie alle das Gleiche: Amerika zerstören. Antifa – Rhodes spuckt das Wort aus wie etwas Giftiges. «Wenn die irgendwann mal Gewalt anwenden, wenn sie zum Beispiel auf Polizisten oder Grenzbeamte losgehen würden oder auf Trump-Unterstützer und es Tote gibt – dann ist die Jagdsaison eröffnet», sagt Rhodes. «Wir wissen genau, wer die Antifa-Leute sind.»

«Amerika führt seit fast 20 Jahren Krieg»

Ob die Oath Keepers wirklich 27'000 Mitglieder haben, wie Rhodes behauptet, lässt sich nicht überprüfen. Vermutlich ist diese Zahl übertrieben. Aber selbst wenn es nur ein paar Tausend Mann sind, wäre das eine schlagkräftige Truppe, verteilt auf fast alle Bundesstaaten, auf Dutzende Militärstützpunkte und Polizeistationen, niemandem verpflichtet ausser Stewart Rhodes, dem selbsternannten Verfassungsschützer in Montana. Es gibt daher Polizeichefs und Sheriffs in den USA, die es nicht gerne sehen, wenn ihre Leute den Oath Keepers beitreten. Aber es gibt auch Polizisten, die erzählen, in ihrem Police Department seien die meisten Beamten bei der Miliz.

«Mit allen Milizen, die bisher so aufgetaucht sind, ist die Polizei gut fertig geworden», sagt der Historiker Smead unter der Eiche auf dem Schlachtfeld am Antietam. «Aber die Oath Keepers halte ich für wirklich gefährlich. Sie haben Waffen, sie haben das Training, und sie haben radikale Ideen.» Rhodes widerspricht nicht. «Amerika führt seit fast 20 Jahren Krieg. Es gibt da draussen eine riesige Gruppe von Soldaten, Militärveteranen und Waffenbesitzern, die politisch rechts sind.» Das ist seine Klientel. «Und jeder hat inzwischen eine AR-15, die sind wie Chevys.» Ein Sturmgewehr – so beliebt, normal und verbreitet wie die Autos von Chevrolet.

«Irgendwann wird jemand sterben»

Der Einsatz der Oath Keepers in Bunkerville war nur der Anfang. Seither tauchen Rhodes und seine Männer immer wieder dort auf, wo es kriselt in Amerika. Wo gehasst wird, wo wütende Linke auf wütende Rechte stossen, wo der Staat herausgefordert wird. Da, wo die Pulverfässer stehen und die Funken fliegen. Rhodes macht sich keine Illusionen. «Irgendwann wird jemand sterben», sagt er.

Im Sommer 2014 hockten Scharfschützen der Oath Keepers in Ferguson auf Hausdächern. In den Strassen entlud sich die Wut der Schwarzen gegen die Polizei. «Wir waren da, um zu verhindern, dass Geschäfte geplündert oder angezündet wurden», sagt Rhodes. «Die Polizei hat das nicht geschafft.»

Vielleicht hat sich der Reporter Omar El Akkad damals in Ferguson ein paar Szenen für seinen späteren Bürgerkriegsroman abgeschaut. Als die Bundys Anfang 2016 wieder Ärger machten und zwei von Clivens Söhnen zusammen mit einigen militanten Freunden das Verwaltungsgebäude eines Naturschutzparks in Oregon besetzten, rückten auch die Oath Keepers wieder an.

In den vergangenen Monaten ist Rhodes zwei Mal mit einer Truppe Bewaffneter in die kalifornische Universitätsstadt Berkeley gereist, um dort Auftritte von rechten Rednern vor Attacken linker Demonstranten zu schützen. «Sicherheitsmissionen», um das Grundrecht auf Redefreiheit zu garantieren, nennt er das. Berkeley ist seit den Protesten gegen den Vietnamkrieg in den Sechzigern eine linksliberale Bastion, die Amerikas Rechte schon lange schleifen wollen.

Die Antifa-Aktivisten hätten sich schnell verzogen, als sie die Oath Keepers sahen, erzählt Rhodes zufrieden. Hätten seine Leute wirklich auf ein paar Jugendliche in schwarzen Klamotten gefeuert, nur weil die nicht wollten, dass irgendein Rechtspopulist bei ihnen eine Rede hält? «Wenn sie uns angegriffen hätten, dann schon», sagt Rhodes.

«Eigentlich sollten beide Seiten miteinander reden»

Nach der Schiesserei an der Highschool in Parkland forderte Rhodes seine Mitglieder auf, vor Schulen Wache zu stehen, um mögliche Angreifer abzuwehren. In Indiana standen daraufhin plötzlich bärtige Kerle mit Gewehren vor Schulgebäuden. Und als vor einigen Wochen im Internet der Aufruf kursierte, die Familien von ICE-Beamten zu attackieren, die illegale Einwanderer von ihren Kindern trennten, bot Rhodes den Grenzern Personenschutz an. Er könne jederzeit ausgerüstetes und fähiges Personal mobilisieren, liess er wissen.

Je länger Rhodes spricht, beim Mittagessen in Kalispell, auf der Fahrt nach Norden zum Glacier-Nationalpark, bei der er die Augenklappe auf dem Armaturenbrett drapiert, auf der Wanderung durch Schnee und Nebel vom Parkplatz zum Logan Pass, desto mehr Feinde werden es. Desto gefährlicher werden sie. Und desto unversöhnlicher klingt das, was er über seine Landsleute zu sagen hat.

«Eigentlich sollten beide Seiten miteinander reden», sagt Rhodes. «Aber die Linken wollen nicht reden, die dämonisieren uns nur. Und bei den Rechten gibt es inzwischen viele, die sich schon so lange niedergemacht und verachtet und hintergangen fühlen, dass sie nur sagen: fuck’em. Die wollen auch nicht mehr reden.»

«So fangen Kriege an»

Glaubt er, dass er irgendwann in den kommenden Jahren auf andere Amerikaner schiessen wird? «Ich weiss es nicht», sagt Rhodes. «Ich hoffe nicht.» Aber er weiss, wie die Stimmung im Land ist und wie leicht etwas passieren kann, von dem hinterher alle sagen, sie hätten es nicht gewollt. «Am gefährlichsten sind Fehleinschätzungen», sagt er. «Wenn die eine Seite nicht versteht, was die andere Seite will und wozu sie bereit ist. So fangen Kriege an.»

Auf der Rückfahrt drückt Rhodes am Autoradio herum. Er sucht einen Sender, der Country-Musik spielt, aber nicht das moderne, poppige Zeug, sondern die alten Sachen. «Ich mag Johnny Cash und Merle Haggard», sagt er.

Er findet nur John Mellenkamp. «It’s dark out here», singt Mellenkamp. «Judgement getting closer all the time. Bring peace to this troubled land.» Es ist dunkel dort draussen. Die Abrechnung rückt näher. Bring diesem verstörten Land Frieden.

Erstellt: 28.07.2018, 17:38 Uhr

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