Deutsch lernen mit Donald Trump

Der US-Präsident hat auch sein Gutes. Er trägt etwa dazu bei, die Schönheit unserer Sprache international bekannt zu machen.

«Trumpschmerz»: Die amerikanische Journalistin Susan Glasser greift auf die deutsche Sprache zurück, um die «trumpsche Disruption» in einem Wort zusammenzufassen. Foto: Leah Millis (Reuters)

«Trumpschmerz»: Die amerikanische Journalistin Susan Glasser greift auf die deutsche Sprache zurück, um die «trumpsche Disruption» in einem Wort zusammenzufassen. Foto: Leah Millis (Reuters)

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US-Präsident Donald Trump habe kürzlich eine Internetseite retweetet, auf der sein Vorgänger Barack Obama als «satanischer muslimischer Abschaum» geschmäht wird. Das berichtet die amerikanische Journalistin und Kolumnistin Susan Glasser in der Zeitschrift «New Yorker». Der Vorfall habe zu ihrem Entschluss beigetragen, Trump während der Weihnachts- und Neujahrsferien konsequent zu ignorieren, nichts von seinen Lügen, Beleidigungen, Ungeheuerlichkeiten an sich heranzulassen. Sie sei dabei gescheitert.

Eine deutsche Freundin habe ihr für ihren emotionalen und intellektuellen Zustand das deutsche Wort «Trumpregierungsschlamasselschmerz» vorgeschlagen. Auch im Englischen «sollte es ein einziges Wort geben, das die trumpsche Disruption erfasst», kommentiert Glasser. Da ihr das Wort allerdings zu kompliziert gewesen sei, habe ihr die Freundin als Alternative «Trumpschmerz» angeboten. «Es ist meine Nominierung für das Wort des Jahres 2019. Und ich vermute, auch für 2020», schreibt Glasser.

Das Englische ist weniger kompositafreudig

Der Anlass ist zwar unerfreulich, aber es ist trotzdem schön, dass eine wichtige US-Publikation eine der anregendsten und poetischsten Eigenheiten der deutschen Sprache würdigt: Die Möglichkeit, neue Substantive zu kreieren, indem man sie aus bestehenden zusammensetzt. In der Fachsprache heissen sie Nominalkomposita. Das Englische kennt sie auch, ist aber viel weniger kompositafreudig als das Deutsche. Oft werden im Englischen einfach zwei Substantive nebeneinander gesetzt (police officer), weshalb der Reiz, ein neues Wort zu erschaffen, gar nicht erst aufkommt. Romanische Sprachen hingegen müssen sich normalerweise mit einer Präposition behelfen (ministre de défence für Verteidigungsminister).

Deutsch gehört zu den wenigen Sprachen, in denen man theoretisch Nominalkomposita aus beliebig vielen Einzelwörtern bilden kann. Das verleitet zum spielerischen Erfinden von Wortungetümen, etwa das berühmte Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitäns… und weiter nach Belieben. Jedem Deutschlernenden fällt aber auf, wie viele lange Wörter in unserer Sprache mündlich und schriftlich tatsächlich verwendet werden: Fussballweltmeisterschaft. Waffenstillstandsverhandlungen. Sommerschlussverkauf.

Ihre Zahl ist unendlich

Obwohl Nominalkomposita im Deutschen häufig sind, wird nur ein Bruchteil der möglichen Zusammensetzungen jemals gebildet – denn deren Zahl ist mathematisch gesehen nahezu unendlich gross. Und jene, die gebildet werden, sind oft verbale Augenblicksgeburten, die sogleich wieder verschwinden. Dennoch sind sie in der Regel auf Anhieb verständlich. Das hat etwas geradezu Metaphysisches. Von den Zusammensetzungen, die in den Sprachgebrauch übergegangen und in den Duden aufgenommen worden sind, ist uns oft gar nicht mehr bewusst, wie kreativ und schön sie sind: Krankenschwester. Wolkenkratzer. Lebenslust.

Oft wissen wir gar nicht mehr, wie schön sie sind: Krankenschwester. Wolkenkratzer. Lebenslust.

Es ist kein Zufall, dass viele deutsche Wörter, die es als Fremdwörter ins Englische und damit auf die lexikalische Weltbühne geschafft haben, Nominalkomposita sind: Schadenfreude. Kindergarten. Blitzkrieg (okay, das wäre besser gar nie entstanden). Kaffeeklatsch. Katzenjammer. Und natürlich der Ahnherr des «Trumpschmerzes», der «Weltschmerz».

Nominalkomposita verschaffen jeder und jedem Deutschsprechenden die Möglichkeit, noch dem banalsten Alltagsgespräch einen Hauch von Poesie, Mutterwitz, Überraschung zu verleihen. Nominalkomposita haben oft etwas Flirrend-Uneindeutiges (Traumglück, Liebessalat). Oder zwei Nominalkomposita haben dieselbe Struktur, funktionieren aber unterschiedlich (Hundekuchen und Schokoladenkuchen). Oder sie haben eine Vielzahl möglicher Bedeutungen, wobei erst der Zusammenhang klärt, welche zutrifft. Oder auch nicht. Was könnte zum Beispiel mit «Fischfrau» nicht alles gemeint sein: Eine Frau, die Fische verkauft. Eine Frau, die wirkt wie ein Fisch. Die Frau eines Fisches (im Märchen). Eine Frau, die Fisch isst.

Nominalkomposita sind oft auch ein Garant für Genauigkeit, Strukturiertheit und Durchsichtigkeit. «Augenarzt», dagegen haben «ophthalmologist» oder «eye specialist» keine Chance. In kaum einer anderen Sprache lässt sich ein komplexer Sachverhalt so präzise mit einem einzigen Wort bezeichnen. Etwa «Sollbruchstelle».

Im USA-Podcast «Entscheidung 2020» diskutieren Christof Münger, Auslandchef von Tamedia, und Korrespondent Martin Kilian über die Iran-Krise, Donald Trump und das Impeachment.

«Wer neue Ideen entwickelt, kann diese leicht mit neuen Wörtern ausdrücken. Dies ist wichtig für die Philosophie, für Wissenschaft und Technik sowie für die Literatur, kurz: für Dichter, Denker und Erfinder», schrieb der deutsche Sprachwissenschaftler Helmut Berschin. Die ruhmreiche Geschichte der deutschen Philosophie, sie wurde auch dank Nominalkomposita möglich, diese «schwarzen Löcher mit unwiderstehlichem Deutungssog.» (Der Linguist Hans Jürgen Heringer).

Zurück in die USA. Kürzlich trat der deutsch-österreichische Schauspieler und zweifache Oscarpreisträger Christoph Waltz in der Talkshow von Jimmy Fallon auf. Unter schallendem Publikumsgelächter liess er seinen amerikanischen Gastgeber die Bedeutung deutscher Nominalkomposita erraten. «Sitzpinkler»? Amüsiertes Geraune, dass es das Wort überhaupt gibt. «Waldeinsamkeit»? Nein, der Drang, eine Mauer zu bauen, obwohl es unvernünftig ist, wie Waltz scherzhaft suggerierte, hat damit nichts zu tun. Und was assoziieren amerikanische Ohren wohl mit «Bezirksschornsteinfegermeister»?

Natürlich ist auch das berühmteste deutsche Schimpfwort aus zwei Substantiven zusammengesetzt. Ob diese Feststellung der journalistischen Regel folgt, am Ende eines Artikels nochmals das Motiv aufzugreifen, mit dem man eingestiegen ist – das lassen wir jetzt einmal offen.

Erstellt: 12.01.2020, 18:22 Uhr

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