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Die Abwege des Herrn

Nicaraguas Präsident Ortega wurde einst von Theologen im Kampf gegen die Diktatur inspiriert. Heute regiert er autokratisch – und schreckt nicht vor gewaltsamen Angriffen auf Geistliche zurück.

«Alles erlogen»: Präsident Ortega leugnet die gut dokumentierten Attacken auf Kirchen und Geistliche. Bild: Oswaldo Rivas (Reuters)
«Alles erlogen»: Präsident Ortega leugnet die gut dokumentierten Attacken auf Kirchen und Geistliche. Bild: Oswaldo Rivas (Reuters)

Nur einen kurzen Spaziergang von der Nationalen Autonomen Universität von Nicaragua (UNAN) entfernt steht die katholische Kirche der Göttlichen Barmherzigkeit. Bis vor kurzem traf sich dort vor allem die obere Mittelschicht der Hauptstadt Managua zum friedlichen Gebet. Aber seit Studenten der UNAN den Widerstand gegen Präsident Daniel Ortega anführen, hat sich auch diese Kirche in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Erick Alvarado, Vikar der Gemeinde, hat Dutzende Einschusslöcher an der Fassade gezählt.

Die Universität nebenan, eines der Zentren der Rebellion, wurde zwei Monate lang von regierungstreuen Truppen belagert. Nach einem Versuch, den Campus mit Waffengewalt zu stürmen, flüchteten Mitte Juli gut einhundert verzweifelte UNAN-Studenten in Alvarados Kirche, einige mit lebensgefährlichen Schussverletzungen. Die Schergen Ortegas versuchten, sie aus diesem Refugium wieder vertreiben. 17 Stunden lang umstellten sie das Gotteshaus, immer wieder schlugen Schüsse ein – bis es Kardinal Leopoldo Brenes, dem Repräsentanten des Vatikans, gelang, mit der Regierung eine Vereinbarung über die Evakuierung der Kirche zu erzielen.

Ortega bestreitet alles

Wenn man Daniel Ortega glaubt, dann hat es diesen Angriff nie gegeben. «Alles erlogen», sagte er. Der Präsident leugnet auch die anderen gut dokumentierten Attacken auf Kirchen und Geistliche. Ein Bischof wurde in seinem Auto beschossen, auch Kardinal Brenes wurde leicht verletzt. In der Stadt Jinotepe verwüsteten Regierungsanhänger ein Gotteshaus, Kirchenbänke flogen auf die Strasse. In der Basilika von Diriamba wurde auf Silvio Báez, den Weihbischof von Managua, eingeprügelt.

«Was wir Bischöfe erlitten haben, ist aber nichts verglichen mit dem, was das Volk von Nicaragua in den vergangenen Tagen erlitten hat», teilte Báez daraufhin mit. Das mag stimmen. In dem seit gut drei Monaten andauernden Konflikt sind laut der Menschenrechtsorganisation ANPHD bereits 448 Menschen getötet worden, darunter 383 Zivilisten. Die meisten Opfer sind Studenten, die sich für den Sturz Ortegas und eine demokratischen Zukunft ihres Landes einsetzen.

Die gegenwärtige Repression richtet sich in erster Linie gegen die Enkel jener Revolution, die Ortega Ende der 70er-Jahre höchstpersönlich angeführt hatte. Gleichwohl zeugt es vom hohen Grad der Skrupellosigkeit (manche sagen auch: der Verzweiflung) des Regimes, dass inzwischen auch Priester, Vikare, Kardinäle und Kirchen gezielt angegriffen werden. Jeder kann sehen: Nichts ist dem wankenden Autokraten mehr heilig.

Ein Bischof wurde in seinem Auto beschossen, auf einen Weihbischof wurde eingeprügelt.

Wenngleich Ortega das alles öffentlich bestreitet, lieferte er in einer Rede vor seinen Anhängern ein Motiv für seinen Zorn auf die Geistlichkeit. Darin unterstellte er den Bischöfen Nicaraguas, einen Pakt mit den Putschisten geschlossen zu haben: «Viele Kirchen wurden als Kartelle missbraucht, als Waffenlager und Stützpunkte, um Menschen anzugreifen und zu töten.»

Zu vermuten ist, dass sich Daniel Ortega verraten fühlt. Bis vor wenigen Wochen zählte er den konservativen Flügel der katholischen Kirche Nicaraguas zu seinen wichtigsten Verbündeten. Wohl auch deshalb hatte er sich nach dem Beginn der Massenproteste im April zunächst auf eine Vermittlerrolle der Bischofskonferenz eingelassen. Offenbar setzte er dabei auf nicht ganz unparteiische Schiedsrichter – zu seinen Gunsten. Dann aber kam alles anders. Der sogenannte Nationale Dialog wurde immer wieder abgebrochen, erstmals Anfang Juni, als ein friedlicher Protestzug von Müttern getöteter Studenten mit Schusswaffen attackiert worden war. Die Bischöfe solidarisierten sich daraufhin mit den Gewaltopfern. Seither gelten sie als Umstürzler, werden bedroht und angegriffen.

Die Kirche in Nicaragua hat eine lange politische Tradition. Linksgerichtete Befreiungstheologen gehörten 1979 zu den intellektuellen Köpfen der Revolution gegen die Diktatur des Somoza-Clans. Weltweiten Ruhm erlangte der Dichter und Mönch Ernesto Cardenal, der den umstürzlerische Geist des Sandinismus mitformte «Mit Christus begann das revolutionäre Denken», predigte Cardenal damals zu den Guerilleros der Sandinistischen Front. Einer von ihnen war Daniel Ortega.

Die Widersprüche Ortegas

Cardenal und die anderen Befreiungstheologen wendeten sich aber schon bald von ihrem Revolutionsführer ab, aus ihrer Sicht hat er alle Ziele des Sandinismus verraten. Vor allem nachdem er 1990 demokratisch abgewählt worden war und anderthalb Jahrzehnte später als Autokrat erneut an die Macht gelangte. Cardenal war einer der Ersten, die Ortega öffentlich als «Diktator» bezeichneten. Heute ist diese Meinung in Nicaragua mehrheitsfähig.

Es gehört zu den Widersprüchen Ortegas, dass er sich weiterhin als Sandinisten bezeichnet. Dabei schmiedete er nach 2006 vor allem Allianzen mit ehemaligen Erzfeinden der Bewegung, etwa mit dem Grossunternehmertum oder dem konservativen Flügel des katholischen Klerus. Im Gegenzug führte er in Nicaragua eines der schärfsten Abtreibungsgesetze der Welt ein. Inzwischen haben sich sowohl die Unternehmer als auch die Geistlichen von Ortega abgewendet. Was ihm noch bleibt zum Machterhalt, ist einzig Gewalt.

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