Die Kandidaten aus dem Nichts

Ob Trump, Carson oder Sanders: In den USA schlägt die Stunde der Aussenseiter im Vorkampf um die US-Präsidentschaftswahl – nicht ohne Grund.

Hat die Favoriten des Establishments überholt: Donald Trump am vergangenen Samstag vor einem College-Football-Spiel in Ames, Iowa. Foto: Rodney White (AP)

Hat die Favoriten des Establishments überholt: Donald Trump am vergangenen Samstag vor einem College-Football-Spiel in Ames, Iowa. Foto: Rodney White (AP)

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Eine Überschrift der «New York Times» vom Samstag sprach Bände: «Donald Trump wird in Iowa wie ein Rockstar begrüsst», verkündete sie. Bei einem Besuch des ersten Vorwahlstaats in der vergangenen Woche faszinierte der New Yorker Milliardär die republikanische Basis, und überschwänglich freute sich, wer von Trump mit einem Händedruck bedacht wurde.

Am Montag kam es noch dicker: Laut einer brandneuen gemeinsamen Umfrage der «Washington Post» und des TV-Senders ABC vergrösserte der laute Entertainer seinen Vorsprung im republikanischen Kandidatenfeld, lediglich der pensionierte Neurochirurg Ben Carson, wie Trump ein krasser Aussenseiter, blieb dem Immobilienkrösus auf den Fersen. Kaum weniger sensationell fiel die Erhebung für die Demokraten aus: Hillary Clinton verliert weiterhin an Boden, der Sozialist und Senator Bernie Sanders holt auf und liegt im wichtigen Vorwahlstaat New Hampshire sogar vor der Ex-Aussenministerin. Besonders brisant: Wollten im Juli noch 71 Prozent demokratischer Frauen für Clinton votieren, so sind es nun nur noch 42 Prozent.

Trump, Carson, Sanders: Überraschend beherrschen sie die Frühphase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs. Auf keinen von ihnen hätten Washingtoner Insider vor vier Wochen Wetten abgeschlossen, jetzt gerieten sie vielleicht in Versuchung.

Blockade, Stillstand und Bosheiten

Was aber geht hier vor? Der erstaunliche Überdruss der jeweiligen Parteibasis an Hillary Clinton und Jeb Bush, an Chris Christie und Marco Rubio und Konsorten verdankt sich zum Teil einem heftigen und seit langem wachsenden Widerwillen gegen die Zustände in Washington: Blockade, Stillstand und Bosheiten prägen die politische Kultur der amerikanischen Hauptstadt ebenso wie eine Drehtüre, die Politikern und ihren Stäben im Kongress wie in den Ministerien einen einträglichen Wechsel in Lobbys, Verbände und die Wirtschaft erlaubt.

Es ist kein Zufall, dass die Region Washington mittlerweile die reichste des Landes ist. Während die Einkommen breiter Schichten stagnieren oder sogar fallen, sättigt sich das Establishment am Trog des Staats sowie an seinem Umfeld. Wie tief der Ärger über den Status quo sitzt, erschloss sich dem Demoskopen Peter Hart bereits im Januar, als er in den Vororten von Denver eine eigens ausgewählte Gruppe von Demokraten, Republikanern und Parteilosen befragte. Clinton und Jeb Bush nervten die Anwesenden geradeso wie das Chaos in Washington. «Was sie uns in erster Linie gesagt haben, lautete: Ich traue diesen Leuten nicht, sie sind alle ein Teil des Establishments, das mir zuwider ist», so Hart.

Die populistischen Strömungen sind mächtig genug, um profunde Überraschungen einzuleiten.

Dieser Widerwille schlägt sich in Umfragen nieder, die Washingtoner Bonzen in beiden Lagern inzwischen Sorge bereiten. «Die Demokraten werden extrem nervös», schreibt der Washingtoner Journalist Charlie Cook, ein Insider mit besten Beziehungen, angesichts der Schwächen von Hillary Clinton. Schon flüstert das demokratische Establishment hinter vorgehaltener Hand über einen Ersatzkandidaten, falls die haushohe Favoritin ernsthaft ins Schleudern geriete – sei es, weil die Affäre um ihre E-Mails immer bedrohlicher würde, oder sei es, weil sie von Bernie Sanders abgehängt würde. Von Vizepräsident Joe Biden ist dann die Rede oder von Al Gore oder von Massachusetts-Senatorin Elizabeth Warren, einer Heldin des linken Parteiflügels, die sich bislang standhaft geweigert hat, als Kandidatin für das Präsidentenamt anzutreten.

Das Ende des dynastischen Duells Bush - Clinton

Unterdessen surft Donald Trump bei den Republikanern auf einer Welle der Zustimmung: Ein Drittel der republikanischen Wählerschaft wünscht sich ihn laut der «Washington Post»/ABC-Erhebung als Präsidentschaftskandidaten, vorneweg weisse Männer der unteren Mittelschicht ohne Collegeabschluss. Viele ihrer Väter waren Gewerkschafter und wählten überwiegend demokratisch, die Söhne aber wanderten seit Beginn der Achtzigerjahre zu den Republikanern ab.

Doch nicht nur Trump hat die Favoriten des Establishments überholt: Der afroamerikanische Arzt Ben Carson glänzt mit hohen Umfragewerten, weil sein christlicher Glaube und seine Lebensgeschichte von der Armut zum Erfolg authentisch wirken und vor allem konservative Evangelikale in der Partei anziehen.

Ob es dabei bleibt? Womöglich stürzt schon die nächste Debatte des republikanischen Kandidatenfelds am Mittwochabend in Kalifornien Trump und Carson vom Sockel und schiebt Jeb Bush oder Ohio-Gouverneur John Kasich nach vorne. Das Washingtoner Establishment scheint indes nicht mehr auszuschliessen, dass Donald Trump nach dem Sommer auch im Herbst in Führung liegen wird. Er werde den von der Parteibasis nominierten Präsidentschaftskandidaten auf jeden Fall unterstützen, «wer immer das ist», erklärte Senator John McCain stellvertretend für viele seiner republikanischen Kollegen.

Ein Präsidentschaftskandidat Trump oder Sanders ist noch immer unwahrscheinlich, die populistischen Strömungen in beiden amerikanischen Parteien sind inzwischen jedoch mächtig genug, um profunde Überraschungen einzuleiten. Das dynastische Duell der Clintons und der Bushes hätte sich in diesem Fall erledigt, die Wahl 2016 garantierte einen Neuanfang.

Erstellt: 15.09.2015, 17:13 Uhr

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