Zum Hauptinhalt springen

Die Dämmerung eines neuen Amerika

Donald Trump ist der 45. Präsident der USA. Sein Amtsantritt markiert eine Zeitenwende, nicht nur für Amerika, sondern vor allem auch für Europa.

Endlich ist es losgegangen. Endlich sind die gut zehn Wochen seit der Wahl Donald Trumps abgelaufen. Die Übergangsphase verlief ungewöhnlich ruppig, der 45. US-Präsident konnte es offensichtlich kaum erwarten, die Macht zu übernehmen. Fast täglich mischte er sich mit seinen Kurznachrichten ins politische Geschehen ein – ein unübliches Gebaren für einen Wahlsieger. Aber das spielt keine Rolle mehr. Nun darf er regieren.

Mit seiner Rede zum Amtsantritt knüpfte Präsident Trump an seinen Wahlkampf an: «America first, America first!», rief er, ballte die Faust und kündigte gigantische Investitionen an: Strassen, Autobahnen, Brücken, Flugplätze. Im Stil eines römischen Volkstribuns versprach er vor dem Capitol in Washington, die Macht dem Volk zurückzugeben: «Das Establishment hat sich selbst geschützt, aber nicht die Bürger unseres Landes.» Es war eine Dankesrede an seine Wähler, die ihrem Helden zujubelten.

Immerhin streckte der neue Präsident – der Krönungsmesse der US-­Demokratie gebührend – allen Amerikanerinnen und Amerikanern die Hand entgegen: «Wir haben dasselbe rote Blut von Patrioten, egal, ob wir schwarz oder braun oder weiss sind.» Auf eine versöhnliche Geste gegenüber Wahlverliererin Hillary Clinton, die der Zeremonie beiwohnte, wartete man allerdings vergeblich – ein Zeichen menschlicher Grösse, das mancher Vorgänger Trumps gesetzt hat.

Trump bleibt also Trump. Auch die Konturen seiner Aussenpolitik zeichnen sich ab: Er will die «zivilisierte Welt» vereinen, um den islamistischen Terror «auszumerzen». Gleichzeitig signalisierte er den Alliierten, dass sich die USA künftig mehr um sich selbst kümmern werden: «Wir haben die Grenzen anderer Nationen, aber nicht unsere eigenen verteidigt.» Zieht sich Amerika zurück in einen kriegerischen Isolationismus?

Video - die Antrittsrede:

«Amerika zuerst, Amerika zuerst»: Donald Trump. Video: Tamedia/AFP/Reuters

Trumps Aussagen sind widersprüchlich, und sind sie es für einmal nicht, haben seine designierten Minister öffentlich genau das Gegenteil gesagt von dem, was der neue Boss im ­Weissen Haus ankündigte. Zumindest bisher. Fest steht, dass Trump nach den Regeln Trumps regieren will. Dabei werden unter seinen Twitter- Gewittern Gewissheiten zu Ruinen zerfallen. Die Prämisse etwa, dass Wohlstand für alle allen mehr Wohlstand bringt, gilt bereits nicht mehr: Statt Freihandelsabkommen soll es neue Zölle geben, wogegen sich Washington seit Jahrzehnten gewehrt hat.

Auch an der strategischen Ordnung, welche die USA als westliche Führungsmacht seit 1945 aufgebaut und mit grossem Aufwand verteidigt haben, will Präsident Trump nicht länger festhalten: «Wir haben jahrzehntelang die Armeen anderer Länder subven­tioniert, während unser Militär verarmte.» Wie absurd das auch klingen mag – die USA unterhalten die mit Abstand modernsten und am besten ausgerüsteten Streitkräfte der Welt: Trump bestätigte hiermit aber, dass er die Nato für «überflüssig» hält.

Jubel, Demo, Glamour - die Bilder der Inauguration Donald Trumps:

«Wir geben die Macht dem Volk zurück»: Donald Trump, 45. Präsident der USA, spricht zur Menge in Washington DC. (20. Januar 2017)
«Wir geben die Macht dem Volk zurück»: Donald Trump, 45. Präsident der USA, spricht zur Menge in Washington DC. (20. Januar 2017)
Patrick Semansky/AP, Keystone
Daumen hoch: Trump tritt für seine Antrittsrede ans Pult auf dem Capitol Hill. (20. Januar 2017)
Daumen hoch: Trump tritt für seine Antrittsrede ans Pult auf dem Capitol Hill. (20. Januar 2017)
Saul Loeb, AFP
Mit Kappen und Hüten: Anhänger von Donald Trump stehen am frühen Morgen Schlange zur Inauguration.
Mit Kappen und Hüten: Anhänger von Donald Trump stehen am frühen Morgen Schlange zur Inauguration.
John Minchillo, Keystone
1 / 42

Sein Auftritt hat gezeigt: Trumps Äusserungen seit seinem Wahlsieg sind ernst gemeint. Er freute sich über den Brexit, hoffte auf weitere Austritte aus der EU und schwärzte die deutsche Kanzlerin an. Dabei wäre sie eine genuine Alliierte. Nun aber scheint es, als wolle Trump – mutmasslich im Gleichschritt mit Wladimir Putin – Angela Merkel vor den deutschen Wahlen desavouieren.

Bis zum gegenteiligen Tatbeweis muss Europa mit einem Angriff auf die liberale Ordnung rechnen. Demokratie, Menschenrechte und freier Handel drohen an Bedeutung zu verlieren. Gerade ein Kleinstaat wie die Schweiz wäre darauf angewiesen, dass die internationalen Regeln eingehalten werden. Wenn Trump alles durchsetzt, was er angedacht hat, ist die relative Stabilität der Nachkriegszeit dahin.

Video - Analyse zur Antrittsrede von Donald Trump:

«Die Rede eines Volkstribuns»: Christoph Münger, Co-Leiter International.

Was Uber für die Taxi-Branche und Airbnb für den Tourismus sind, könnte Trump für die Weltpolitik werden: ein disruptiver Präsident, der bewährte Strukturen rücksichtslos zerstört. Auch gesellschaftlich: Intellektuelle gelten plötzlich als elitär, Kritiker als Verräter, Anständige als schwach. Es scheint, als habe am 20. Januar 2017 eine neue Epoche begonnen. Die Folge wäre die Rückkehr in eine hobbessche Welt, geprägt von Unsicherheit für Klein­staaten und Machtkämpfen zwischen den Grossmächten.

Erinnerung an Roosevelt

Wie aber soll Europa reagieren, das Amerika ja so viel zu verdanken hat? In gemeinsamen Bereichen wie Freihandel, Klimawandel, Russland oder dem Iran dürften die europäischen Interessen mit jenen Washingtons kollidieren. Europa steht also vor «trumpulenten» Zeiten – das Wortspiel sei aus aktuellem Anlass erlaubt.

Angela Merkel hat das Gegenmittel benannt: Für Europa bedeutet Trump, dass es sein Schicksal nun selber in die Hand nehmen muss. Trotz Brexit, Euro- und Flüchtlingskrise. Ein Anfang wäre, sich an die Inaugurationsrede eines anderen US-Präsidenten zu erinnern. Bei seinem Amtsantritt 1933, als ebenfalls ein neues Zeitalter heraufdämmerte, sagte Franklin D. Roosevelt: «Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht an sich.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch