Die Demokraten kämpfen sich zurück ins Trump-Gebiet

Die Opposition hat bei den US-Zwischenwahlen stärker zugelegt, als viele dachten. Auch dort, wo sich die Präsidentschaftswahl entscheiden könnte.

Das bedeutet der Wahlausgang für Trump und die USA: Auslandchef Christof Münger in der Video-Analyse. Video: Lea Koch/Anja Stadelmann

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Wahlen werden meist zweimal entschieden. Zuerst an der Urne. Und dann in den Fernsehstudios: War es ein grosser Sieg, eine grosse Niederlage – oder doch etwas dazwischen? Noch während der Wahlnacht vom Dienstag, die mit einer Abwahl eines demokratischen Senators begann, schälte sich eine Erzählung heraus, die etwa lautete: Die Demokraten haben zwar das Repräsentantenhaus erobert, aber ziemlich glücklich. Es gibt keine «blaue Welle». Als Donald Trump sich und seine Republikaner tags darauf zu den wahren Siegern ausrief, wurde diese Erzählung von erstaunlich vielen Leuten übernommen.

Ein definitives Ergebnis gibt es immer noch nicht, die Auszählung der brieflichen Stimmen dauert in mehreren Bundesstaaten an. Doch je mehr Resultate eintreffen, desto klarer wird: Die erste Erzählung war falsch. Die «blaue Welle» ist real – und die Midterms werden sehr wohl mit einem deutlichen Sieg der Demokraten enden. Bis zu 40 Sitze wird die Opposition im Repräsentantenhaus erobern, so viele wie nie mehr seit dem Watergate-Skandal. Landesweit erhielten die Demokraten rund 7 Prozent mehr Stimmen als die Republikaner. Und selbst im Senat, wo ein Sieg der Opposition aufgrund der Ausgangslage immer unwahrscheinlich war, wird es nun wohl bei netto zwei Sitzverlusten bleiben.

Die Rückkehr der Weissen

Für die Republikaner sind dabei zwei Entwicklungen besonders schmerzhaft. Erstens hat sich eine ihrer traditionellen Wählerschaften, die wohlhabenden, gut ausgebildeten Bewohner in den Vorstädten, von der Partei abgewandt. In manchen Gegenden, zum Beispiel im lange konservativen Virginia und wahrscheinlich auch in der kalifornischen Republikanerhochburg Orange County, geschah dies gar auf dramatische Weise.

Die zweite Entwicklung, die bisher weniger Beachtung fand: Die Republikaner verloren nicht nur an den Küsten und im Umfeld der grossen Städte, sondern auch in jenen Staaten, die Trump 2016 den Einzug ins Weisse Haus ermöglichten – in den Staaten des Mittleren Westens.

Das betrifft neben den Sitzen im Repräsentantenhaus auch die vielerorts abgehaltenen Gouverneurswahlen. In einer Reihe von Staaten – in Wisconsin, Illinois, Michigan und selbst im tiefroten Kansas – gelang es den Demokraten, Gouverneurssitze von den Republikanern zu erobern. In Pennsylvania, einem anderen Battleground State, distanzierte der demokratische Gouverneur seinen Konkurrenten diskussionslos. Auch die Republikaner fuhren im Mittleren Westen einige Siege ein: In Ohio gewannen sie die Gouverneurswahl ebenso wie in Iowa. Doch insgesamt fällt die Bilanz für die Demokraten positiver aus, gerade angesichts der boomenden Wirtschaft, von der sonst die regierende Partei profitiert.

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All dies hat möglicherweise Folgen für die nächste Präsidentschaftswahl. Trump besiegte 2016 Hillary Clinton, weil er sich die Wahl in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania hauchdünn ­sicherte. Damit kam er im Electoral College, dem Wahlmännersystem, auf 46 entscheidende Stimmen. Der Datenjournalist Nate Silver hat nun im Onlinemagazin «Five Thirty Eight» nachgezeichnet, dass – wenn man die in den Midterms fürs Repräsentantenhaus abgegebenen Stimmen in den einzelnen Bundesstaaten zusammenzählt – diese Wahlmänner den Demokraten zufallen würden. Damit kämen diese theoretisch auf die nötige Mehrheit im Electoral College.

Das ist natürlich eine Spielerei. Niemand weiss, wie die politische Lage in zwei Jahren aussehen wird, und noch ist völlig unklar, wer bei den Demokraten Trump 2020 herausfordern wird. Zudem stand in den Zwischenwahlen nicht der Präsident selbst auf dem Wahlzettel, sondern dessen Partei. Und doch: Den Demokraten macht Hoffnung, dass es ihnen diese Woche gelungen ist, bestimmte Wähler zurück­zugewinnen. Vor allem: weisse Wähler. Laut einer Analyse des Thinktanks Brookings hat sich der Vorsprung, den die Republikaner bei Weissen geniessen, im Vergleich zu 2016 halbiert. ­Besonders weisse Frauen mit College-Ausbildung wandten sich bei diesen Wahlen verstärkt den Demokraten zu.

Moderat gewinnt

Die Bildungskluft wächst: Das ist eine weitere Erkenntnis aus den Zwischenwahlen. Man sieht das besonders daran, wie gross die Unterstützung bei den weniger gut ausgebildeten, weissen Männern nach wie vor ist, denen Trump seine Wahl verdankt. Diese Stimmen sind in den Swing States des Mittleren Westens entscheidend. Bei den Demokraten gibt es deshalb Stimmen, die sagen, nur ein weisser Mann könne Trump nächstes Mal schlagen. Einer von ihnen ist Michael Avenatti, der als Vertreter der Pornodarstellerin Stormy Daniels bekannt gewordene Anwalt, der 2020 selbst antreten will.

Wichtiger als die Hautfarbe oder das Geschlecht wird vielleicht die Frage, wo sich Trumps Herausforderer politisch verortet – und welchen Kurs er damit für die Demokraten als Ganzes setzt. Durchgesetzt haben sich in den Midterms vielerorts Kandidaten, die nicht am linken Parteiflügel politisieren, sondern näher an der Mitte.

Die junge Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, die zuletzt zu einem Liebling der Progressiven wurde, taugt deshalb nur bedingt zum Symbol für diese Midterms. Ihre Leistung bestand darin, in der parteiinternen Vorwahl einen Establishmentgegner zu verdrängen. Die eigentliche Wahl am Dienstag war in ihrem tiefdemokratischen Wahlkreis in New York dann nur noch Formsache. Anderenorts schnitten viele betont linke Demokraten eher schlecht ab.

Was heisst das alles für Trump? Auch andere Präsidenten verloren ihre erste Zwischenwahl deutlich. Das war bei Ronald Reagan so, bei Bill Clinton und bei Barack Obama. Alle gewannen sie dann ihre Wiederwahl locker. Doch wenn sich bei Trump eines gezeigt hat, dann dies: Antworten liefern historische Vergleiche nur selten.

Erstellt: 10.11.2018, 16:15 Uhr

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