«Die Dinge sind ausser Kontrolle»

Die Feuer im Amazonasgebiet seien von Brandstiftern gelegt, sagen Einwohner. Ein Besuch im Katastrophengebiet.

Bedrohen das Ökosystem des Regenwalds: Im Amazonasgebiet wüten verheerende Feuer. Foto: Keystone

Bedrohen das Ökosystem des Regenwalds: Im Amazonasgebiet wüten verheerende Feuer. Foto: Keystone

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Jesuina Alvez Bragas sitzt vor ihrer aus ein paar Latten und Wellblech zusammengenagelten kleinen Hütte. Ein Zimmer, davor eine Veranda mit einem Tisch aus einem rohen Brett. Sie hat Tapiokafladen und kalte Kartoffeln daraufgestellt, dazu gibt es Kaffee, so süss, dass die Zähne wehtun. So trinkt man ihn hier, auf dem Land, in Acre.

Der Bundesstaat liegt ganz im Westen von Brasilien, gleich an der Grenze zu Peru, hat eine Fläche so gross wie Nepal und ist fast vollständig bedeckt mit dichtem amazonischem Regenwald. Weite Teile davon sind unberührt, es gibt hier viele Naturschutzgebiete und Reservate.

Über ein Dutzend indigene Gemeinschaften leben in Acre. Auch die Mutter von Jesuina Alvez Bragas war Indigene, der Vater ein Kautschukzapfer, der die Rinde der wild wachsenden Gummibäume anschnitt, um an ihren Saft zu kommen. Im Wald lernten die Eltern sich kennen, sagt Alvez und lächelt. Wo auch sonst, es gab ja nichts ausser Regenwald, damals. Lange war der Bundesstaat so etwas wie das Ende der Welt. Wobei die Tage heute auch nicht einfacher sind, trotz all der Strassen und Autos und Flughäfen, trotz des Fortschritts also, oder dessen, was die Leute dafür halten.

Wer zu Jesuina Alvez Bragas’ Hütte will, muss von der Provinzhauptstadt Rio Branco erst mal Richtung Norden fahren, dorthin, wo der Himmel am Horizont grau ist vom Rauch. Es geht vorbei an Geschäften mit Landwirtschaftszubehör, an Freikirchen und Plakaten für Rindermessen. Hinter der Stadt fangen die Weiden an, sanfte Hügel mit trockenem Gras. Erst wenn der Asphalt aufhört, beginnt der Wald, zumindest das, was noch von ihm übrig ist. Ein paar Urwaldriesen strecken trotzig ihre Ästein den Himmel

Von oben das immer gleiche Bild, ein beige-rötliches Band, das sich durch das endlose Grün Amazoniens zieht, von hier aus frisst sich der Mensch in den Wald, wie Fischgräten gehen Strassen von der Strasse ab, dann wieder ge­rodete Flächen, brennende Flächen, mit Rindern übersäte Flächen. Am Ende legen sich unüberschaubare Sojafelder über das Land. Monokulturen, gen­manipuliert. Das pure Geld.

Vier Meter hohe Flammen

Der Regenwald ist ein kompliziertes und in weiten Teilen sich selbst erhaltendes System: Bäume sterben, Blätter fallen, werden zersetzt, dienen am Ende wieder neuen Pflanzen als Nährstoff. Das ist der Kreislauf seit Jahrtausenden. Fällt diese Biomasse weg, weil der Wald abgeholzt wurde, bleibt ein mässig fruchtbarer Boden, der schnell auslaugt. Die Sojamonokulturen müssen gedüngt und mit Pestiziden behandelt werden, und die Rinder brauchen enorm viel Platz, eine Hektare pro Kuh. Zehn, fünfzehn Jahre grasen sie auf den Weiden, dann ist der Boden am Ende, die Viehzüchter ziehen weiter, immer den Goldsuchern, Holzfällern und Kleinbauern hinterher. Das ist der Kreislauf.

Brasilien wird abgeholzt: Sojafelder fressen sich in den Regenwald. Foto: Keystone

Menschen wie Jesuina Alvez Bragas sind nur die Vorhut. Nach ihr kommen die Feuer, die Rodungen, die Ketten­sägen, die Rinder, die kaputte Erde. Die Vorhut wird am Ende selbst verfolgt und vertrieben. Acht Hektaren gehören Jesuina Alvez Bragas und ihrem Mann Emanuel. Es ist hügeliges Land, die Erde ist beige und trocken. Sie haben Bananenstauden und Papayas gepflanzt, dazu noch Yuccas und Kartoffeln. Es ist nicht viel, aber genug, sagt sie und schaut auf ihre Felder, zumindest auf das, was davon übrig geblieben ist nach jenem Tag Anfang August. Erst hörten sie ein lautes Krachen und Knistern, dann sahen sie die Flammen. Vier Meter seien sie hoch gewesen, ohne Löschgerät nicht zu stoppen, die Feuerwehr war zu weit weg. Und so standen Alvez und ihr Mann unten auf der Strasse und weinten. «Das hier war ein Bananenstrauch», sagt Alvez. In Gummistiefel stapft sie über das, was früher einmal ihre Felder waren, überall verkohlte Stümpfe.

Von der Ernte ist nichts mehr übrig, stattdessen: verbrannte Erde, Asche und umgestürzte Bäume. Ein Schlachtfeld, aber nur ein kleines in einem viel grösseren Krieg. Schliesslich lodern überall die Feuer, nicht nur in Acre, sondern im ganzen Amazonas. Es habe hier immer Brände gegeben, sagt Jesuina Alvez Bragas. Aber dieses Jahr sei anders. «Die Dinge sind ausser Kontrolle geraten.»

Forscher sagen, dass sich Wetter­extreme häufen, auch in Amazonien. Der Wald könnte dem Punkt nahekommen, an dem er kollabiert. An dem es nicht mehr genug Pflanzen gibt, die Feuchtigkeit abgeben. Das wiederum würde weniger Regen bedeuten, die Böden trocknen aus, noch mehr Bäume sterben ab, und am Ende wird im schlimmsten Fall aus dem Regenwald eine Savanne. Das hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Menschheit. Weltweite Luftströme würden gestört und Un­mengen an CO2 freigesetzt.

Klägliche Überreste des einst wuchernden Regenwaldes: Die Situation nach verheerenden Bränden in Boca do Acre, Brasilien. Foto: Bruno Kelly (Reuters)

Vor ein paar Wochen erst seien Viehzüchter die Schotterpiste heraufge­kommen, sagt Jesuina Alvez Bragas. Sie hätten herumgefragt, ob jemand Land verpachten wolle, damit ihre Kühe darauf weiden können, sie versprachen gute Bezahlung, ein gutes Geschäft. Doch für Rinder braucht man Weiden, keinen Wald, und so entschloss sich ein Nachbar vermutlich, Feuer zu legen. Er hat viel zu gewinnen und kaum etwas zu befürchten.

Zum Geld will auch der Feuerwehrmann nichts sagen

Das sei das Problem, sagt Charles Santos. Seit seinem 19. Lebensjahr ist er bei der Feuerwehr. Heute ist er 44 und stellvertretender Hauptmann der ganzen Region Acre, die beige Uniform spannt etwas über seinem Bauch. Die Hauptfeuerwache des Bundesstaates steht in Rio Branco, der Provinzhauptstadt. Draussen geht langsam die Sonne unter, blutrot, wie immer um diese Jahreszeit, der Rauch. «Wir nennen die Monate von August bis Oktober die Brandsaison.» Die Leute hier seien es gewohnt, dass es Feuer gibt. Selbst der Rauch, der die Stadt vernebelt, ist längst normal geworden.

Auch Charles Santos sagt, dass dieses Jahr anders sei. Vor der Feuerwache stehen zwei glänzende Einsatzwagen. «Bezahlt vom Amazonas-Fonds» steht auf einem Aufkleber auf der Seite der Fahrzeuge. Er hat in den letzten Jahren Projekte zum Schutz des Regenwaldes unterstützt, darunter auch die Bekämpfung von Feuern. Finanziert wurde das alles mit Geldern aus Deutschland, vor allem aber Norwegen, doch damit ist jetzt Schluss, die Mittel sind auf Eis gelegt, weil die Geldgeber ernsthafte Zweifel daran haben, ob die Regierung in Brasília überhaupt ein Interesse am Schutz des amazonischen Regenwaldes hat. Jair Bolsonaro meinte darauf, die Ausländer sollten ihr Geld behalten und lieber bei sich zu Hause aufforsten. Santos will dazu lieber nichts sagen. Auch ein Feuerwehrhauptmann möchte sich nicht verbrennen.

Im Eingang der Feuerwache flackern Livebilder von einem Polizeieinsatz in São Paulo über einen Fernseher. Ein paar Türen weiter hängen sechs Monitore an der Wand. Charles Santos erklärt, dort oben links, das seien die Statistiken mit den Gebieten, in denen sich Brände in der Region besonders häuften. Darunter ein Satellitenbild mit Hitzepunkten, sie leuchten rot auf grau.

Aus dem Weltall überwacht

«Hier können wir alles sehen, was wir brauchen», sagt Santos. Die Daten stammen vom INPE, dem staatlichen Institut für Weltraumforschung. Es überwacht per Satellit die Abholzung im Amazonas und die dortigen Brände. Als es dieses Jahr alarmierende Zahlen zur Rodungen veröffentlichte, zweifelte Brasiliens Präsident die Ergebnisse an und entliess den Leiter des INPE.

Charles Santos schaut jetzt auf die Uhr, er muss weiter, er hat gerade viel zu tun. Nach wochenlangem Negieren und Relativieren hat Bolsonaro endlich Tausende Soldaten zum Löscheinsatz abkommandiert. Santos muss für die Kräfte in Acre ein Training organisieren. Ob das hilft? Charles Santos verzieht das Gesicht. Als sei es so einfach, ein Feuer im Amazonas zu löschen. Das eigentliche Problem seien ohnehin die Brandstifter, und diese wird auch das neue Verbot der Brandrodung nicht stoppen. «Brasilien«, sagt Santos sehr langsam, «hat sehr brüchige Gesetze.» Santos und seine Männer dürfen Brandstifter nur festnehmen, wenn sie diese auf frischer Tat ertappen. Doch das komme so gut wie nie vor, sagt er. Und auch bei der Strafverfolgung hakt es an allen Ecken und Enden, wenn es darum geht, Umweltsünder zur Strecke zu bringen.

«Die Leute glauben heute, dass sie überhaupt nichts mehr zu befürchten haben, wenn sie den Wald anzünden», sagt Charles Santos. Und haben sie ja auch nicht. Brasiliens Präsident Bolsonaro hat einmal abfällig von Strafzettelindustrie der Umweltbehörde geredet. Gladson Cameli, ehemaliger Parteigenosse Bolsonaros und heutiger Gouverneur von Acre, ist da noch deutlicher: «Bezahlt die Strafen nicht», hat er öffentlich gesagt. «Jetzt sind wir hier an der Macht.» Das sind die Rinderbarone und Sojakönige. Ihre Macht wächst erschreckend unter der neuen Regierung.

Charles Santos macht das Angst, er würde seinem Sohn gern eine bessere Welt hinterlassen. Und es macht ihn wütend, wenn er die Feuer sieht, den Rauch einatmen muss, wieder Tausende Quadratkilometer Regenwald für immer verloren sind.

Und dann erzählt Jesuina Alvez Bragas davon, was sie sich wünschen würde. Es ist ein einfacher, sehr konkreter Traum. Sie will, dass ihre Kinder auch einmal das Land bestellen können, auf dem sie jetzt leben. Schon einmal wurde sie von ihrem Land vertrieben, sie hat Angst, dass das nochmal passieren könnte, dass irgendwann Kühe dort grasen, wo einst ihre Hütte stand. Auf dem Tisch auf ihrer Veranda stehen alte Plastikflaschen, randvoll gefüllt mit Bohnenkernen. Sie sind ihr Schatz, ihre Zukunft. Jesuina Alvez Bragas will diese Samen so bald wie möglich pflanzen, es muss ja weitergehen.

Erstellt: 04.09.2019, 11:54 Uhr

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