Amerika zerfleischt sich selbst

Neun Umschläge, neun Bomben: Die Linke gibt dafür Trump die Schuld, Trump gibt sie den Medien. Wie der Hass in den USA zur Normalität wurde.

Briefbombe für Robert De Niro: Sicherheitsbeamte vor einem Restaurant in New York, das dem Schauspieler gehört. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Briefbombe für Robert De Niro: Sicherheitsbeamte vor einem Restaurant in New York, das dem Schauspieler gehört. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

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Sechs Briefmarken hat der Absender auf jedes Päckchen geklebt. Sechs kleine, bunte Rechtecke aus Papier zu je 49 Cent, und auf jedes ist ein Ausschnitt der amerikanischen Flagge gedruckt. Die Fahne wölbt sich weich im Wind, man sieht die weissen und roten Streifen und die Sterne auf blauem Grund. Stars and Stripes. Mindestens neun grosse, braune, gepolsterte Umschläge hat er, nach allem, was bekannt ist, versandt. Und in jedem steckte eine Bombe.

Zumindest sah das, was in den Umschlägen war, wie eine Bombe aus. Ein Rohr, an beiden Enden mit einer dunklen Masse verstopft und mit schwarzem Isolierband zugeklebt. Von einem elektronischen Bauteil führten Drähte in das Rohr. Die Arbeit eines Profis war das sicher nicht. Doch die Behörden nahmen die Umschläge sehr ernst.

Begonnen hat die Serie mit dem Investor und Milliardär George Soros. Dann folgten Alt-Präsident Barack Obama und die ehemalige Aussenministerin Hillary Clinton, dann eine Sendung an den ehemaligen CIA-Direktor John Brennan und andere Politiker. Am Donnerstag ging es weiter mit den verdächtigen Päckchen. Auf einem stand der Name von Obamas ehemaligem Vizepräsident Joe Biden. Ein weiteres wurde an die Produktionsfirma des Schauspielers Robert De Niro in New York gesandt.

Soros als finsterer Financier

Neun Umschläge, neun Bomben, neun Namen. Und jetzt rätseln die Amerikaner, was da eigentlich los ist in ihrem Land. Es sind nicht irgendwelche Namen. Hätten nur Obama, Clinton und De Niro Bomben bekommen, könnte man zur Not noch an einen vom Leben enttäuschten Hinterwäldler glauben, der aus Pulver, Isoband und Klempnerutensilien Sprengsätze baut und an einige der bekanntesten Personen Amerikas verschickt, weil er sich dann wichtig fühlt. Und weil wirklich jeder googeln kann, wo Clinton und Obama wohnen und De Niro sein Büro hat.

Aber die anderen passen nicht in dieses Muster. Sie sind zwar bekannt. Vor allem aber eint sie – und das verbindet sie auch mit Obama und Clinton –, dass sie bei der politischen Rechten in Amerika zutiefst verhasst sind. Der Milliardär Soros, der viele linke Organisationen und Anliegen unterstützt, gilt in diesen Kreisen als finsterer Financier einer sozialistischen (und jüdischen) Verschwörung gegen Amerika. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn es gab Zeiten, in denen war Soros, der viel Geld damit verdient hat, gegen schwache Währungen zu wetten, für Linke ein gieriger Haifischkapitalist.

Der ehemalige CIA-Direktor Brennan hat auch einen Brief bekommen. Als er noch das Foltern von Terrorverdächtigen befürwortete, war er bei Amerikas Rechtskonservativen gut gelitten. Seit er offen sagt, dass er Donald Trump für einen Idioten und Landesverräter hält, gehört Brennan aber zum «tiefen Staat», jener vermeintlichen Gruppe verräterischer Bürokraten im Sicherheitsapparat, die den Präsidenten stürzen wollen.

Die Rechte sieht die Angriffe als Folge des angeblich so masslosen Hasses der Medien auf Trump.

Brennan arbeitet heute unter anderem für die Fernsehsender NBC und MSNBC. Warum der Attentäter die Bombe für Brennan an CNN schickte, ist daher nicht ganz klar. Vielleicht hat er es nicht so mit Buchstaben, immerhin war auch Brennans Name auf dem Päckchen falsch geschrieben: Brenan. Aber letztlich war das egal, denn CNN ist bei den Rechten kaum weniger unbeliebt als der frühere Geheimdienstler.

Gestern dann Joe Biden, der derzeit seine eigene Präsidentschaftskandidatur vorbereitet – 2020 gegen Donald Trump. De Niro brüllte vor einiger Zeit bei einer Filmgala «Fuck Trump» ins Publikum. Und Obama und Clinton gelten bei Trumps Anhängern sowieso als teuflisches, kommunistisches Duo, das den Amerikanern die Waffen wegnehmen und das Land an die UNO verschachern will.


Video: Bombe gegen Robert De Niro
Eine Paketbombe wurde an ein New Yorker Restaurant geschickt, das dem Schauspieler Robert De Niro gehört. Video: AP/Tamedia.
Insofern liegt, was das Motiv für die Bombenpäckchen angeht, dieser Verdacht nahe: Der Absender war vielleicht ein Irrer, der irgendwem irgendwas beweisen wollte. In erster Linie aber wollte er wohl eine ganze Reihe der bekanntesten Demokraten und Trump-Kritiker im Land in die Luft sprengen. Man könnte das politischen Terrorismus nennen.

Zerrissen und zerstritten

Es ist bezeichnend für den Zustand Amerikas, dass dieser Verdacht am Mittwoch zwar sofort mit Entsetzen geäussert wurde. Allerdings ohne besonderes Erstaunen. Dass die amerikanische Gesellschaft tief gespalten ist, so zerrissen und zerstritten wie vielleicht seit 150 Jahren nicht mehr, als Nord- und Südstaatler sich in einem Bürgerkrieg zu Zehntausenden gegenseitig umbrachten, ist mittlerweile eine Diagnose, die fatalistisch hingenommen wird.

Trumps erste Amtszeit ist gerade mal zur Hälfte rum, und das Land zerfleischt sich. Rechte und Linke in Amerika, Konservative und Liberale, Republikaner und Demokraten glauben längst nicht mehr nur, dass die jeweils andere Seite die falschen politischen Ideen hat. Sie glauben inzwischen, dass die anderen das Land verraten und kaputtmachen wollen. Sie verachten einander. Und sie hassen einander.

Für die Linken ist die Bombenserie ein Beweis dafür, dass Trump für politische Gewalt verantwortlich ist.

Längst nicht alle Amerikaner haben sich schon auf die eine der beiden Seiten gestellt. Es gibt immer noch eine breite, zunehmend erschöpfte und verstörte Mitte, die sich wundert, wann und warum ihre Mitbürger eigentlich verrückt geworden sind. Aber die extremen Ränder fressen sich in diese Mitte vor. Erbitterte Schlachten – wie die um die Berufung des umstrittenen Richterkandidaten Brett Kavanaugh – traumatisieren die Gesellschaft, sie zwingen die Menschen, sich für eine Seite zu entscheiden. Die Kongresswahl in zehn Tagen, die für Präsident Trump und die Republikaner, aber auch für die Demokraten existenziell ist, dräut wie ein apokalyptisches Strafgericht am Horizont. Eine Seite wird gewinnen, eine Seite wird verlieren, das ist eigentlich normal in einer Demokratie. Aber es wird sich nicht normal anfühlen, sondern wie absoluter Triumph oder absolute Vernichtung.

Wen wundert es da, dass jemand von der einen Seite jemandem von der anderen Seite einen Sprengsatz schickt? Wenn, um es so zu sagen, für die politische Korrespondenz eine Bombe in einem Umschlag verwendet wird, auf dem sechs kleine amerikanische Flaggen kleben, um gleich mal klarzumachen, für was der Absender zu kämpfen glaubt? Die Wahrheit ist: Eigentlich wundert es niemanden.

Trump bleibt der Alte, die Realität ist eine neue

Bei den Linken gilt die Bombenserie als Beweis dafür, dass der Präsident persönlich für politische Gewalt verantwortlich ist. Bei den Rechten gilt sie hingegen als Folge des angeblich so masslosen Hasses, mit dem die Medien Trump verfolgen. Notwehr sozusagen, wenn nicht gar – auch diese Theorie blubberte im rechten Twitter-Sumpf rasch an die Oberfläche – eine gezielte Provokation der Linken, um kurz vor der Wahl die Konservativen beschuldigen zu können.

Der Präsident gab sich zunächst erschrocken, dass jemand den Leuten, über die er als Feinde herzieht, eine Bombe zusendet. Der Präsident war so empört, dass er in den Pluralis Majestatis fiel, den er immer verwendet, wenn er besonders entschlossen klingen will. «Wir sind ausserordentlich verärgert, entsetzt und unzufrieden wegen dem, was wir heute morgen erlebt haben, und wir werden der Sache auf den Grund gehen», sagte er.

Gestern klang Trumps Tweet nach dem Aufstehen anders: «Ein grosser Teil der Wut in unserer Gesellschaft wird durch die absichtlich falsche Berichterstattung der Medien verursacht. Es ist so schlimm und hasserfüllt geworden, dass man es kaum beschreiben kann.» Damit war Donald Trump wieder ganz der Alte. Aber die Realität in Amerika ist jetzt eine neue. Irgendein Patriot draussen im Land, der Briefmarken mit kleinen US-Flaggen mag, ist bereit, Politik mit Bomben zu machen.

Erstellt: 26.10.2018, 10:02 Uhr

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