Die Enthüller wurden enthüllt

Leak bei Wikileaks: Ein interner Gruppenchat zeigt, wie die Enthüllungsplattform dazu aufforderte, Hillary Clinton im US-Wahlkampf anzugreifen.

Versuchte Hillary Clinton nicht nur, mit der E-Mail-Affäre zu schaden: Julian Assange blickt aus dem Fenster der ecuadorianischen Botschaft in London. (13. Februar 2018)

Versuchte Hillary Clinton nicht nur, mit der E-Mail-Affäre zu schaden: Julian Assange blickt aus dem Fenster der ecuadorianischen Botschaft in London. (13. Februar 2018) Bild: Justin Tallis/AFP

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«Gedanken und Gebete» anstelle strengerer Waffengesetze, Schweigegeld für eine Pornodarstellerin und ein atomarer Penisvergleich mit Nordkorea: Noch immer fragt sich die Welt verwundert, wie Donald Trump bloss 45. Präsident der USA werden konnte. Einer der vielen Gründe, die zu diesem skurrilen Wahlergebnis führten, war die von Wikileaks losgetretene E-Mail-Affäre um Hillary Clinton – Trumps letzte verbleibende Kontrahentin.

Im März 2016 veröffentlichte Wikileaks über 30'000 dienstliche E-Mails, die Clinton während ihrer Amtszeit als Aussenministerin über einen privaten Server – und nicht über den des Ministeriums – verschickt hatte. Es war das wirksamste von mehreren zeitlich geschickt lancierten Leaks, mit denen die Enthüllungsplattform der demokratischen Kandidatin vor der US-Wahl gezielt Schaden zuführen wollte. Die E-Mail-Affäre sollte ihre Kredibilität als Staatsfrau nachhaltig unterminieren.

Schützenhilfe für Trump

«Wikileaks behauptet, eine neutrale Organisation zu sein, die für Transparenz steht», sagt ein früherer Wikileaks-Unterstützer unter dem Pseudonym Hazelpress gegenüber dem Onlinemagazin «The Intercept». Die Schützenhilfe für den republikanischen Kandidaten spreche jedoch für das Gegenteil.

«Die Republikaner sollten [die Wahl] gewinnen»: Auszug aus einem internen Wikileaks-Chat. Bild: The Intercept

Hazelpress hat dem «Intercept» 11'000 Nachrichten aus einer internen Wikileaks-Twittergruppe zugespielt, die aus der Zeit zwischen Mai und November 2015 stammen. Der frühere Wikileaks-Volontär hat die Chatgruppe gemäss eigenen Angaben Mitte 2015 selber aufgesetzt. Beobachtern zufolge wird der Wikileaks-Twitteraccount von Julian Assange geführt, weshalb man beim «Intercept» davon ausgeht, dass die Nachrichten von Assange selbst stammen – abschliessend lässt sich das aber nicht verifizieren, Assange hat auf eine Stellungnahme gegenüber dem Onlinemagazin verzichtet.

Von langer Hand geplant

Als herauskam, dass Wikileaks während des Wahlkampfs heimlich mit Donald Trumps Sohn korrespondierte, um Julian Assange einen australischen Botschafterposten zu vermitteln und Trump im Falle einer Niederlage dazu zu bewegen, die Wahlen als manipuliert (rigged) zu bezeichnen, kam es zum Bruch zwischen Hazelpress und Wikileaks. Er entschied sich dazu, die Enthüller zu enthüllen.

Die von ihm veröffentlichten Chats zeigen nicht nur die klare politische Positionierung von Wikileaks im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zugunsten der Republikaner, sondern auch, dass diese von langer Hand geplant war und nicht erst in der Endphase des Wahlkampfs entstand. Denn hinter Wikileaks Position schien die langfristige taktische Überlegung zu stecken, dass es für einen republikanischen Präsidenten schwieriger hätte werden dürfen, Kriege anzuzetteln, als für die demokratische Überfliegerin Clinton.

Demnach hat Hillary mehr Freiheiten, Kriege zu starten, als die Republikaner – und zudem den Willen dazu. Bild: The Intercept

Die Abneigung von Wikileaks gegen Clinton war zwar spätestens nach der Veröffentlichung von über 250'000 Depeschen US-amerikanischer Botschaften im November 2010 kein Geheimnis mehr. Die damalige US-Aussenministerin wurde von der Enthüllungsplattform in der Hoffnung auf ihren Rücktritt für ihre völkerrechtlich fragwürdige Libyen-Intervention schon damals aufs schärfste kritisiert. Doch die Chatprotokolle liefern nicht nur einen ungefilterten Blick auf die politischen Ziele, die sich Wikileaks vor dem Präsidentschaftswahlkampf steckte, sondern erstmals auch auf die Mittel, die dazu eingesetzt werden sollten.

«Sei der Troll, den du in der Welt sehen willst»

So wurde im internen Gruppenchat unter anderem darüber diskutiert, wie Online-Attacken auf Politiker effektiver umgesetzt werden könnten. «Du könntest einfach deinen Account-Namen ändern und als Profilbild eine hübsche Blondine nehmen», wird den Mitgliedern im internen Gruppenchat in einer Nachricht geraten. Welchen Sinn das habe, wollte ein Mitglied wissen. «Studien zeigen, dass Bilder von attraktiven Frauen renitente Männergruppen wie Parlamentsmitglieder dazu bringen, sich zu öffnen», so die Erklärung. Ansonsten: «Eröffne einfach einen neuen Account.» Gemeint war damit ein Fake-Account.

«Eröffne einfach einen neuen Account»: Mitgliedern des internen Gruppenchats wird geraten, Fake-Accounts anzulegen. Bild: The Intercept

«Nimm eine tote Schauspielerin, wenn du dich juristisch absichern willst, denn das Bild repräsentiert ein Statement, keine Person», heisst es ein paar Zeilen weiter unten. «Hahahaha», antwortet ein Mitglied der internen Chatgruppe amüsiert. Doch scheint sich die Person nicht sicher zu sein, ob Troll-Accounte tatsächlich die richtige Antwort seien: «Mein Problem ist, dass ich mich nicht als jemand anderes ausgeben möchte.» Trotzdem sei es «eine gute Idee für zukünftige Kampagnen». Welche Kampagne das Mitglied damit meinte, ist unklar. Geschrieben wurde die Nachricht am 18. Juni 2015.

Bilder: Clintons E-Mail-Affäre

Erstellt: 16.02.2018, 17:30 Uhr

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