Die Fussball-WM im Dschungel

Manaus liegt im brasilianischen Regenwald, ist nur aus der Luft und auf dem Wasser leicht zu erreichen. Der lokale Club spielt in der vierten Liga. Doch für vier WM-Spiele wurde hier ein grosses Stadion errichtet.

Eine Indio-Gemeinschaft in der Umgebung von Manaus, einem von zwölf Austragungsorten der Fussball WM in Brasilien. Foto: Felipe Dana (AP)

Eine Indio-Gemeinschaft in der Umgebung von Manaus, einem von zwölf Austragungsorten der Fussball WM in Brasilien. Foto: Felipe Dana (AP)

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Die Geschichte vom weissen Elefanten beginnt im rosaroten Opernhaus. Beide stehen in Manaus, mitten im grössten Regenwald der Erde. Die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Amazonas hat zwei Millionen Einwohner mit einigen Hunderttausend Autos und wahnwitzigen Staus. Die einzige zuverlässige Fernstrasse führt Richtung Venezuela durch den Busch. Fluchtpunkt der Stadt ist der Flughafen, ihre Lebensader der Río Negro, dessen schwarzes Wasser in den braunen Amazonas fliesst. Das Flugzeug aus São Paulo braucht vier Stunden. Manaus ist etwas abgelegen.

In diesem urbanen Treibhaus im Dschungel entstand erst das Teatro Amazonas, das kurioseste Opernhaus der Welt. Und nun die Arena da Amazônia, das exotischste Stadion der bevorstehenden Fussball-WM.

Das Teatro Amazonas thront in der modrigen Altstadt unweit des grossen Flusses und des malerischen Hafens. Eröffnet wurde es 1896, als Manaus noch klein war und steinreich. Die Kautschuk-Barone hatten so viel Geld, dass sie sich Verdi und Rossini in die Wildnis holten. Inklusive der Musiker, die dort nicht selten vom Gelbfieber dahingerafft wurden. Die Plantagenbesitzer liebten es exklusiv. Marmor aus Carrara, Möbel aus Paris, Kronleuchter aus Venedig und Gusseisen aus Glasgow liessen sie herbeischiffen.

Schwül-schwülstiger Chic

Das Opernhaus betritt man wie Klaus Kinski alias Fitzcarraldo in Werner Herzogs Film und fällt in samtüberzogene, weinrote Sitze. Erschöpft von der schwülen Hitze draussen. Das Haus habe heute noch «die viertbeste Akustik der Welt», erzählt der Fremdenführer. Die Farbe der Fassade wechselte im Laufe der Zeit von imperialem Pink über Blau und Gelb zurück zu Pink. Die Kuppel ist grün-gelb-blau wie die brasilianische Flagge. Jetzt hat dieses Chamäleon zeitgenössische Konkurrenz bekommen.

Die Arena da Amazônia wurde sieben Kilometer weiter nördlich aus dem röt­lichen Boden gestampft. Für vier WM-Spiele. Das alte Stadion mit 32 000 Plätzen wurde abgerissen. 669 Millionen brasilianische Reais hat der Neubau gekostet. Das sind 270 Millionen Franken, mehr als das Stadion von Juventus Turin. Der Unterhalt wird pro Saison 2 ­Millionen verschlingen, dabei dürfte sich die Auslastung in Grenzen halten. Zum Pokalmatch zwischen Gastgeber Nacional und São Luiz verloren sich 3475 Zuschauer auf den 44 310 WM-Sitzen, das ist der Publikumsschnitt am Amazonas. Nacional spielt in der vierten Liga.

«Das wird ein weisser Elefant», sagt Vasconselos Filho, der dem WM-Bürgerkomitee von Manaus angehört, ein schmaler Kritiker mit langem Zopf.

Weisse Elefanten gab es bisher nicht am Amazonas, obwohl im bedeutendsten Dschungel dieses Planeten sagenhafte Tiere leben: Riesenschlangen, die Kinder verspeisen können, Piranhas, Ameisenbären, Brüllaffen. Man steigt in Manaus auf ein Schnellboot und kann zwei Stunden später gegen Gebühr mit rosa Delfinen schwimmen. Oder man isst im Lokal an der Ecke ein saftiges Stück Tambaqui oder Pirarucu, ein Exemplar dieser Riesen­fische füllt eine Kühltruhe. Das Bild des weissen Elefanten dagegen steht in Brasilien für ein steinernes Monstrum ohne Sinn und Zweck.

Miguel Capobiango schaut zu, wie die Pfosten auf dem Spielfeld im Zement verankert werden. Das Gestänge soll ja bald 90 Minuten lang Schüssen von Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney standhalten, denn auf diesem Rasen spielt unter anderem England gegen Italien und Portugal gegen die USA. «Das ist die neue Oper, das neue Theater», sagt Capo­biango. Er ist der Manager der WM-Filiale, sozusagen der Elefantenwächter, eine Aufgabe, die in der letzten Bauphase mitunter zum Heulen war.

Neun Arbeiter starben

Am 28. März 2013 fiel der Maurer ­Nonato Lima Costa von einem Gerüst, Kollegen fanden seine Leiche. Am 14. Dezember 2013 stürzte Marcleudo de Melo Ferreira vom Dach und starb. Nur Stunden später erlag der 50-jährige Bauarbeiter José Antonio Nascimento Souza einem Herzinfarkt. Am 7. Februar 2014 wurde der Portugiese Antônio José Pita Martins von einem Kran erschlagen. In den zwölf WM-Stadien gab es insgesamt neun Tote. Nach Ansicht der Angehörigen und der Gewerkschaft hat das mit Hektik und mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen zu tun. Nach Ansicht der Aufseher mit dem Leichtsinn der Arbeiter.

Die meisten Handwerker wurden in der Ferne verpflichtet und miserabel bezahlt. In einem Monat mit Überstunden und durchgearbeiteten Wochenenden kämen 1000 bis 1250 Reais zusammen, erzählt ein Tagelöhner, 400 bis 500 Franken. Umso besser verdienen die Baukonzerne an der WM. Wenn wieder ein Helfer tödlich verunglückt war, äusserten Fifa und betroffene Firma jeweils ihr Beleid. Der ehemalige Wunderspieler Pelé schwadronierte, solche Unfälle kämen halt vor – beunruhigender sei der Zustand der Flughäfen. Die Särge wurden in die Heimat der Toten überführt. Und weiter ging es dem Anpfiff entgegen.

Die Sitzreihen in Manaus leuchten gelb und orange. Wie Mango, Papaya, Maracuja. Gefertigt aus Spezialkunststoff, damit die tropische Sonne die Farben nicht ausbleicht. Das deutsche Architekturbüro GMP will mit dem Oval an einen indianischen Fruchtkorb erinnern. Es ist eines dieser Raumschiffe, wie sie heute für Sport und Show gebaut werden. Für die WCs und zum Bewässern des Spielfeldes wird gesammeltes Regenwasser verwendet. Das Dach ist eine lichtdurchlässige Membran, die Schatten spendet und Strom spart.

Auch für die Arena Amazônia wurden Schiffsladungen aus Europa herangeschafft wie einst beim Teatro Amazonas. Das Dachmaterial aus Deutschland, die Metallträger aus Portugal. In der Oper gibt es 90 Logen, im Stadion 70 Boxen für Politiker, Funktionäre, Unternehmer. «Alle werden von Manaus reden», glaubt Capobiango. Bislang wird von Manaus höchstens als skurriler Schauplatz einer aufgeblasenen WM gesprochen.

Die teuerste Fussball-WM

Zwölf Stadien hat Brasilien gebaut oder renoviert für das WM-Turnier von 12. Juni bis 13. Juli. Sogar die anspruchsvolle Fifa hätte sich mit acht Spielstätten zufrieden gegeben, doch die wichtigsten Provinzfürsten und Baufirmen Brasiliens meldeten Ansprüche an. Das Riesenland boomte bei der WM-Vergabe 2007 und wollte seine Grösse zeigen.

Brasiliens damaliger Präsident Luiz Inácio Lula versprach, dass alles privat finanziert würde. Inzwischen ist bekannt, dass Staatsbanken und Steuerzahler das meiste bezahlen. Die Spielorte der WM 2014 sind teurer als jene in Deutschland 2006 und in Südafrika 2010 zusammen, mindestens 3,2 Milliarden Franken kosten sie. Dreimal so viel wie geplant. Und einige sind noch immer nicht ganz fertig. Fast alle dieser WM-Stadien ge­hören zu den teuersten Sportstätten der Welt, wegen der strengen Fifa-Vorgaben. Manaus belegt pro Sitzplatz gerechnet Rang zehn, Münchens ständig volle Allianz-Arena ist die Nummer acht.

Hunderttausende von Brasilianern protestieren seit Monaten gegen Korruption und Verschwendung, die mit der WM einhergehen. Sie fragen, wozu Manaus, Brasília, Cuiabá und Natal, die nicht einmal eine vernünftige Elf be­sitzen, Fifa-Arenen brauchen. Sie züchten nur weisse Elefanten.

Gemüter haben sich beruhigt

Die Profis reagierten entsetzt, als sie für eine Partie nach Manaus ausgelost wurden. «Fast unverantwortlich» sei das, klagte der Schweizer Trainer Ottmar Hitzfeld, dessen Auswahl hier auf Honduras trifft. «Unglücklich», jammerte der US-Coach Jürgen Klinsmann. Das Klima. Die Entfernung. Insekten? Boas? Manaus sollte man links liegen lassen, regte der englische Coach Roy Hodgson an, worauf Bürgermeister Arthur Virgílio konterte, den Amazoniern könne England gestohlen bleiben.

Seither haben sich die Gemüter be­ruhigt. Hitzfeld akzeptiert die Operation Regenwald, und Klinsmann fand nach dem ersten Besuch sogar: «Das ist ein einzigartiger Platz, absolut grossartig.» Stadion-Chef Capobiango überzeugte sie, dass es immer sehr warm ist, «aber nicht unmenschlich heiss» ist. Man wird in der Regel auch nicht von Anacondas erwürgt und kriegt keine Malaria, der saure Río Negro vertreibt Moskitos. Und die sintflutartigen Regenfälle, die gerade wieder für Überschwemmungen gesorgt haben, sind während der WM unwahrscheinlich, es ist eigentlich Trockenzeit.

Auf der Liste der gefährlichsten Städte der Welt belegt Manaus allerdings mit 42,5 Morden pro 100 000 Bewohner Rang 31 – hinter den WM-Standorten Fortaleza, Natal, Salvador und Cuiabá. Die Gefängnisse sind voll. Das brachte den Richter Sabino Marques da Silva auf die Idee, das Stadion nach der WM in eine Haftanstalt umzubauen. Er erläutert seinen Vorschlag milde lächelnd: 6500 Häftlinge gebe es im Bundesstaat Amazonas, mehr als die Hälfte von ihnen warteten auf einen Prozess. Es gebe viel zu wenig Richter. Die überfüllten Zellen seien Horte der Gewalt. Da könnte man die Arena doch dafür nutzen, um gefährliche von weniger gefährlichen Delinquenten zu trennen. «Wie ein Modul, nicht wie Chiles Nationalstadion nach Pinochets Putsch», präzisiert der Richter.

«Wir mögen Fussball, aber wir brauchen dieses Stadion nicht», ereifert sich der Aktivist Vasconselos Filho. «Was fehlt sind Schulen, Kliniken, Gefängnisse, Strassen.» Wer vom Zentrum in die Peripherie von Manaus fährt, kommt nur langsam vorwärts. Der Weg führt vorbei an evangelikalen Freikirchen, Manaus ist ein religiöser Supermarkt, und an Fabrikhallen von Samsung, Nokia, Harley-Davidson. Manaus ist Freihandelszone. Dank Steuererlass lohnt sich der Standort Amazonas. Bizarre Globalisierung.

Im Norden am Rande des Dschungels liegt Pinheiro. Eine Favela. Den Bewohnern steht das Wasser bis zu den Knien. Wenn es regnet, kommen die Vipern und die Kinder werden krank. Derweil wird in der Nähe eine Strasse gebaut, die Avenida de las Flores. Baumaschinen schieben den Schutt bis vor die Tür. «Das hier ist die Realität, das Stadion ist Kosmetik», sagt Eliane Matos, die mit ihren sechs Kindern in Pinheiro wohnt.

Im Westen an der Uferpromenade des Río Negro sieht es völlig anders aus. Da reihen sich verspiegelte Wohntürme, die Namen wie Beethoven tragen. Es sieht aus wie in Miami Beach. Wer hier wohnt, kann sich auch WM-Tickets leisten und Karten fürs Opern-Festival.

Ganz wie Fitzcarraldo

Robério Braga sitzt im kolonialen Stadtpalast unter einem Ventilator: Der amazonische Kulturminister trägt einen weissen Leinenanzug wie Fitzcarraldo. Und er erzählt. Von der Einweihung des Teatro Amazonas durch einen schwarzen Gouverneur kurz nach der Abschaffung der Sklaverei. Die örtliche Elite sprach damals französisch und schickte ihre Wäsche nach Lissabon, weil dort das Wasser sauberer war. 1910 war es aus mit dem Kautschuk-Geschäft – Engländer hatten Samen der Bäume nach Malaysia geschmuggelt. Manaus verarmte, ehe die Freihandelszone entstand.

1990 sang Plácido Domingo im Theater nach 80 Jahren Stille. Musiker aus Osteuropa kamen. Christoph Schlingensief führte Wagners «Fliegenden Holländer» auf. «Wir werden das Stadion zum Leben erwecken wie das Theater», verspricht Braga. Und es klingt, als fantasiere da mit grossen Augen Klaus Kinski.

Erstellt: 30.05.2014, 07:07 Uhr

Exotischtes Stadion der WM: Die Arena da Amazônia in Manaus. Foto: Keystone

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