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Die gestohlenen Kinder der Medienzarin

Ernestina Herrera de Noble ist die mächtigste Verlegerin Argentiniens. Jetzt holt sie die blutige Vergangenheit des Landes ein.

Eine Familie mit einer düsteren Vergangenheit: Ernestina Herrera de Noble (Mitte) mit ihren Adoptivkindern Felipe und Marcela.
Eine Familie mit einer düsteren Vergangenheit: Ernestina Herrera de Noble (Mitte) mit ihren Adoptivkindern Felipe und Marcela.
Reuters

Die 85-jährige Ernestina Herrera de Noble gehört zu Argentiniens einflussreichsten Personen. Als Besitzerin des Medienunternehmens Clarin gehört sie mit der gleichnamigen Zeitung zu den führenden Meinungsmachern des Landes. Doch nun wird Noble von der eigenen Vergangenheit eingeholt. Ihre 1976 adoptierten Kinder Marcela und Felipe stammen von Opfern der Militärjunta ab.

Bis 1983 war Argentinien fest in der Hand des Militärs. Im schmutzigen Krieg wurde gnadenlos gegen Oppositionelle vorgegangen. Über 2000 Menschen wurden getötet, 30'000 weitere verschwanden spurlos. Die Kinder der Opfer wurden zur Adoption freigegeben, zumeist an Freunde des Regimes. Auch Noble pflegte stets gute Kontakte zur Militärjunta bis hoch zu Ex-Diktator Jorge Videla. Die Mütter und Grossmütter der Verschwundenen kämpfen bis heute um eine lückenlose Aufklärung der Fälle um «die gestohlenen Kinder». Man nennt sie die «Abuelas de la Plaza de Mayo».

Ins Visier geraten sind nun auch Nobles Erben Marcela und Felipe. Ihre Herkunft wird seit 2002 angezweifelt. Der damalige Richter Roberto Marquevich, der auch Ex-Diktator Videla verhaften liess, legte sich 2002 mit der Verlegerin an. Die mächtige Noble wurde kurzzeitig verhaftet. Sie gab zu Protokoll, dass ihre Erben womöglich von toten Regimegegnern stammen könnten, sie sei sich aber dieser Tatsache damals nicht bewusst gewesen.

Eine gefälschte Adoption

Marquevich ist sich sicher, dass Felipe und Marcela Kinder von Verschwundenen sind. «Frau Noble hat eine Adoption simuliert», sagt Marquevich auf «Zeit online». Die Adoptionspapiere seien gefälscht. Marquevich wurde die Untersuchung zum Verhängnis. Er wurde wenig später seines Amtes enthoben.

2006 kippten Präsidentin Cristiana Fernandez de Kirchner das sogenannte «Schlusspunktgesetz», das den Diktaturverbrechern bislang Straffreiheit garantierte. Der Entscheid löste eine Welle von Anklagen gegen die ehemalige Militärjunta aus. 80 Urteile wurden seither gesprochen. Auch der Fall Noble gewann erneut an Brisanz. Ein DNA-Test der Kinder sollte das Rätsel lösen. Doch die Anwälte der Medienzarin verhinderten eine Auswertung der Proben.

Ein politischer Machtkampf

Marcela und Felipe selbst wollen nichts von ihrer Vergangenheit wissen. «Wir sind sowieso schon Opfer, warum sollen wir noch mal leiden?» Die Staatsanwaltschaft liess in einem weiteren Versuch Kleidungsstücke der Adoptivkinder beschlagnahmen. Doch die Spuren liessen sich nicht eindeutig identifizieren. Es wird vermutet, dass die Beweisstücke manipuliert wurden.

Im Fall Noble geht es auch um einen politischen Machtkampf. Präsidentin Kirchner versucht, mit einem neuen Mediengesetz Nobles Clarin-Gruppe zu zerschlagen. Clarin, die auflagenstärkste und einflussreichste Zeitung Argentiniens, führt eine Medienkampagne gegen das Präsidentenpaar. Nestor Kirchner, der Gatte der Präsidentin, beklagt eine «Verschwörung» zwischen Clarin und der Opposition. Ohne Unterstützung von Clarin könne niemand regieren, hiess es bisher.

«Keine politischen Interessen»

Das eigentliche Ziel, die Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit des Landes, droht dabei im Sumpf der politischen Schlammschlacht unterzugehen. Die «Abuelas de la Plaza de Mayo» wollen einzig die Wahrheit ans Tageslicht bringen. Ihre Präsidentin, Estela de Carlotto sagt denn auch in der «Süddeutschen Zeitung»: «Wir haben keine politischen Interessen, wir wollen unsere Enkel finden und umarmen.» Carlottos Sohn wurde von der Militärjunta ermordet. Ihre Enkelin ist bis heute spurlos verschwunden.

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