Die Gnade des optimalen Sterbedatums

Im Tod wird George H. W. Bush unverhofft viel Ehre erwiesen. Er müsste sich dafür bei Donald Trump bedanken.

Washington nimmt Abschied von George H. W. Bush. Er war am Freitag im Alter von 94 Jahren in Houston, Texas, gestorben, sieben Monate nach dem Tod seiner Frau Barbara.
Video: Reuters

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Dank Helmut Kohl ist die «Gnade der späten Geburt» zu einem geflügelten Wort geworden. Hinzutreten sollte die «Gnade des optimalen Sterbedatums». Zuteil wurde sie George Herbert Walker Bush, dem 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er verstarb hochbetagt am Freitag, am Dienstag wird er im Capitol in Washington aufgebahrt.

Wäre Bush 2015 verschieden, hätte man ihn gewiss ebenfalls als «Ehrenmann» gerühmt, der mit Augenmass regierte. Noblesse oblige und patrizische Attitüde wären ihm auch damals bescheinigt worden. Da Bush aber 2018 starb, im zweiten Jahr der Präsidentschaft Donald Trumps, strahlt sein Heiligenschein gleissend hell und wird seine menschliche Grösse mit Eifer und Hingabe besungen. Er werde als Präsident «unterschätzt», heisst es plötzlich.

Bush besass jene Klasse, die Trump fehlt.

So viel Ehre widerfährt dem Toten, weil er als willkommener Kontrast zu seinem Nachfolger dient, dessen Allüren und miserables Benehmen die liberalen Chronisten und Granden der Nation noch immer nicht verwunden haben und niemals verwinden werden. Als «bescheidenen Diener» beschreibt etwa Barack Obama den Verschiedenen, als ob dieser nicht wiederholt seinen politischen Zynismus unter Beweis gestellt hätte. Notfalls war Bush gewillt – siehe die Iran/Contra-Affäre –, drastische Massnahmen zum Zweck des politischen Überlebens zu ergreifen.

Aber Bush besass eben jene Klasse, die Trump fehlt. Und deshalb erblüht jetzt eine Hagiografie, die aus dem Verstorbenen einen Helden macht, wie die Nation ihn sich wünscht. Denn statt des vermeintlich weisen und bedächtigen Patriziers, der samt seinem Klan den Anschluss an die sich stetig radikalisierende Republikanische Partei verloren hatte, sitzt jetzt ein dröhnender Vertreter des schlechten Geschmacks im Weissen Haus.

Reichlich Lob mit einem Schuss Amnesie

«Präsident Bush fand immer einen Weg, das Niveau zu erhöhen», pries Donald Trump den Vorgänger. Grell beleuchtete er damit den Gegensatz zu sich selbst, der ja immer einen Weg findet, das Niveau zu senken. Der alte Bush bezeichnete seinen polternden Nachfolger einmal als «Angeber», gern wüsste man, was er sonst noch über Trump zu sagen hatte.

Nun winkt dem Verstorbenen reichlich Lob, gepaart mit einem Schuss Amnesie. Vergessen sind seine weniger rühmlichen Seiten, vernebelten sie doch das Heldendenkmal, vor dem sich die liberalen Eliten und der von Trump ausgemusterte Restposten traditioneller Republikaner einfinden und das Unglück bejammern, das Trump über sie gebracht hat.

Er war der letzte Präsident aller Amerikaner.

Dass Bush als CIA-Direktor 1976 dem Pinochet-Regime wider besseres Wissen die Absolution für den Mord an Salvador Allendes Aussenminister Orlando Letelier durch eine Bombe mitten in Washington erteilte: Ebenso Schwamm drüber wie über Bushs grausamen Wahlkampf gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis 1988, der die Grenzen des bis dahin Erlaubten mühelos sprengte. Gleichfalls vergessen sind Bushs seltsame Deals mit Saddam Hussein vor dem ersten Irakkrieg oder die Tatsache, dass er 1964 als Kongressabgeordneter aus opportunistischen Beweggründen die Bürgerrechtsgesetze verteufelte.

Was die Nostalgie über einen wie George Herbert Walker Bush im Zeitalter Donald Trumps treibt, ist freilich nicht nur der Überdruss an den täglichen Ergüssen und Kapriolen des derzeitigen Herren im Weissen Haus. Es ist zudem Sehnsucht nach einem Präsidenten, dem niemals die politische Legitimität abgesprochen wurde. Bush war Präsident aller Amerikaner, Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama waren hingegen nur Präsidenten eines Teils.

Jetzt hält das polarisierte Gemeinwesen zwei Tage inne und gedenkt eines ziemlich guten Präsidenten, der das Glück hatte, zu Zeiten eines ziemlich schlechten zu sterben.

Erstellt: 04.12.2018, 10:59 Uhr

Präsident Donald Trump und First Lady Melania Trump (o.l.) an George H. W. Bushs Sarg im Capitol. (Bild: Keystone Morry Gash)

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