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Die Grapscher sind immer die anderen

Der demokratische Senator Al Franken tritt wegen Belästigungsvorwürfen zurück. Sein Fall zeigt, wie verquer die Sexismusdebatte in den USA läuft.

Tritt wegen Sexismus-Vorwürfen zurück: Senator Al Franken. Bild: AP/Alex Brandon
Tritt wegen Sexismus-Vorwürfen zurück: Senator Al Franken. Bild: AP/Alex Brandon

Es tröstete Al Franken offensichtlich nicht, dass er nicht der Letzte sein würde, den seine Vergangenheit die Karriere kostet. Denn, das machte der demokratische US-Senator klar, als er am Donnerstag seinen Rücktritt bekannt gab: Ob Erster oder Letzter – Al Franken hält sich auf jeden Fall für den Falschen. «Es ist schon ironisch, dass ich gehe, während ein Mann, der mit sexuellen Übergriffen geprahlt hat, im Oval Office sitzt, und ein Mann, der Jagd auf junge Mädchen gemacht hat, für den Senat kandidiert», sagte er. Franken war Komiker, bevor er Senator wurde; er kennt sich mit Ironie also aus.

Natürlich kann man die Sache so sehen: Präsident Donald Trump wird von etlichen Frauen beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Aber er ist immer noch Präsident. Der Republikaner Roy Moore soll als Dreissigjähriger Schülerinnen angemacht und sexuell genötigt haben – ein Mädchen war damals erst 14. Aber er kandidiert weiterhin in Alabama für den Senat. Nur Al Franken – so zumindest die etwas weinerliche Selbstwahrnehmung –, der früher Frauen begrapschte und gegen ihren Willen küsste, wurde von den eigenen Senatskolleginnen aus dem Amt gedrängt. Das findet er weder witzig noch fair.

Insofern ist der Fall Franken durchaus exemplarisch. An ihm lässt sich ablesen, wie verquer die Debatte über sexuelle Belästigung im US-Kongress abläuft und wie sehr sie von parteipolitischen und wahltaktischen Erwägungen dominiert wird. Franken fiel sicher seinem eigenen übergriffigen Benehmen zum Opfer – ebenso aber auch dem politischen Kalkül seiner Parteigenossen.

Trump stellt sich hinter Moore

Die Dimension des Problems ist beachtlich. Das US-Parlament hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten 17 Millionen Dollar aus Steuermitteln ausgegeben, um Mitarbeiter zu entschädigen, die unangemessen oder rechtswidrig behandelt wurden. Ein Gutteil dieser Fälle dürfte mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu tun gehabt haben. Beobachter schätzen, dass mehr als 40 Kongressmitglieder betroffen sein könnten.

Bisher ist erst eine Handvoll dieser Fälle öffentlich geworden. Und die Beschuldigten stammen aus beiden grossen Parteien. Bei den Demokraten musste der altgediente schwarze Abgeordnete John Conyers zurücktreten – bei den Republikanern der christlich-konservative Parlamentarier Trent Franks. Er hatte Mitarbeiterinnen gefragt, ob sie für ihn als Leihmütter ein Kind austragen könnten. «Wir haben», lästerte die Nachrichtenseite Axios, «endlich etwas gefunden, das Republikaner und Demokraten verbindet.»

In der aufgeheizten politischen Atmosphäre Washingtons gilt diese harsche Charakterisierung freilich nur für die Grapscher von der anderen Partei. Die Fraktionschefin der Demokraten, Nancy Pelosi, stellte sich zunächst schützend vor Conyers. Der Bürgerrechtler sei eine «Ikone», er habe «viel für Frauen getan». Erst als Pelosi merkte, wie absurd das im Zusammenhang mit den Vorwürfen klang, korrigierte sie sich.

Die Republikaner nehmen ihrerseits ihren Kandidaten Moore in Schutz. Manche rechte Publizisten tun es offensiv, manche Parteifreunde eher mit zugehaltener Nase. Doch spätestens seit sich Trump vor einigen Tagen hinter den Kandidaten gestellt hat, wurden alle Planspiele, wie die Partei Moore wieder loswerden könnte, zu den Akten gelegt. Wichtige Republikaner, die jüngst noch Moores Rückzug gefordert hatten, sagen nun, darüber sollten die Wähler in Alabama entscheiden. Eine bemerkenswerte Ausnahme war der republikanische Senator Jeff Flake: Er schickte Moores demokratischem Gegner Doug Jones eine Spende von 100 Dollar. «Das Land steht über der Partei», schrieb er auf den Check.

Es geht um die Mehrheit

Bei all diesen Manövern geht es den Parteien weniger um Gerechtigkeit für belästigte Frauen als vielmehr um die Macht im Parlament. Die Republikaner haben im Senat nur eine zarte Mehrheit von zwei Stimmen. Sie können es sich nicht leisten, einen sicheren Senatssitz in Alabama an die Demokraten zu verlieren, indem sie den eigenen Kandidaten anschiessen.

Die Demokraten wiederum hoffen, 2018 die Kongresswahl gewinnen zu können. Der Kampf gegen sexuelle Belästigung könnte dann ein wichtiges Wahlkampfthema werden, um Frauen zu mobilisieren. Da kann die Partei nicht in den eigenen Reihen Leute dulden, denen Nötigung vorgeworfen wird. Wollten die Demokraten die Partei der Frauen sein und sich klar von den Republikanern absetzen, sagen Strategen, dann müssten sie die Grapscher rauswerfen – auch die mit grossen Namen.

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