Abtreibungsgegner, Waffenfreund – und Demokrat

Conor Lamb ist die Hoffnung aus dem Rostgürtel. Schafft er morgen in Pennsylvania die Sensation?

Conor Lamb und der ehemalige US-Vizepräsident Joe Biden bei einem Wahlkampfauftritt in Pittsburgh. Foto: Jeff Swensen (Getty)

Conor Lamb und der ehemalige US-Vizepräsident Joe Biden bei einem Wahlkampfauftritt in Pittsburgh. Foto: Jeff Swensen (Getty)

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Unter normalen Umständen würde sich niemand ausserhalb von Pennsylvania für die Nachwahl von morgen Dienstag interessieren. Der 18. Kongresswahlkreis liegt im Rostgürtel Amerikas, er zieht sich über die Allegheny-Hügel hinein in die Vorstädte von Pittsburgh, die einstige Stahlmetropole des Landes: Trump Country. Hier sicherte sich der US-Präsident 2016 den Sieg über Hillary Clinton mit 20 Punkten Vorsprung, hier wurde der bisherige Amtsinhaber der Republikaner siebenmal in Folge wiedergewählt, zuletzt sogar ohne Herausforderer. Ein republikanisches Heimspiel also – unter normalen Umständen.

Dann trat Tim Murphy im Herbst aus dem Repräsentantenhaus zurück. Er hatte seine Geliebte per SMS zu einer Abtreibung gedrängt, was angesichts seiner Vergangenheit als militanter Abtreibungsgegner schwierig war. Und während sich die Republikaner an die interne Kür des Nachfolgers machten, trat bei den Demokraten ein junger, unbekannter Mann auf den Plan, der jetzt der Albtraum der Konkurrenz ist. Conor Lamb hat entgegen allen frühen Prognosen Chancen, den republikanischen Kandidaten Rick Saccone zu schlagen.

Ein Triumph muss her

Bei den Republikanern hat deshalb Panik eingesetzt. Parteinahe Organisationen haben zuletzt TV-Spots für zehn Millionen Dollar geschaltet, am Samstagabend reiste Trump selber noch an, um für Saccone Wahlkampf zu machen – bereits zum zweiten Mal. Und all dies, obwohl der Wahlbezirk in einigen Monaten wegen eines Gerichtsurteils ohnehin neu zugeschnitten wird: Der heutige Sieger muss sich dann in einem neuen Wahlkreis abermals zur Wahl stellen. Wichtiger ist für beide Parteien aber die kurzfristige Sicht, die Symbolik: Ein Triumph muss her, um jeden Preis.

Lamb ist 33 Jahre alt, gross, schlaksig und glattrasiert. Im Wahlkampf ist er manchmal in Karohemden zu sehen, aber nicht in den eng anliegenden Varianten, wie sie hippe Leute in den Städten vor einigen Jahren trugen. Lamb ist nicht hip. Er war Soldat bei den Marines, er war Staatsanwalt, und er entspricht in vielem nicht dem, was sich Demokraten im übrigen Amerika vorstellen, wenn sie vor den nationalen Zwischenwahlen im Herbst vom linken Comeback träumen. Im ersten Wahlkampfvideo, das er veröffentlichte, zählt eine Stimme auf, was Lamb ausmacht: in der Gegend aufgewachsen, an der katholischen Universität studiert, in der Armee gedient, und: «Er schiesst immer noch gerne.»

Lamb schiesst gerne. Das ist wichtig im Westen von Pennsylvania, wo der Start zur Jagdsaison ein Feiertag ist.

Der letzte Satz ist wichtig im Westen Pennsylvanias, wo der jährliche Start der Jagdsaison ein Feiertag ist und das Verhältnis zur eigenen Waffe an die Identität rührt. Als die Demokraten nach dem Amoklauf an einer Schule in Florida im ganzen Land nach schärferen Waffengesetzen riefen, gab sich Lamb zurückhaltend. «Es gibt nicht die eine Sache, die wir mit einem Federstrich ­lösen oder verbieten können», sagte er und klang damit nicht viel anders als ein Waffenlobbyist. Konservativ ist Lamb auch bei den Abtreibungen, die er ablehnt, auch wenn er sagt, dass er die geltenden Gesetze nicht verschärfen wolle.

Keine Angriffe auf Trump

Lamb stammt aus einer irisch-katholischen Familie mit politischer Tradition, der Grossvater war Präsident des Senats von Pennsylvania, auch er Demokrat. Eigentlich hätte die Partei in diesem Wahlkreis ein gewisses Fundament, sie hat 70'000 mehr registrierte Anhänger als die Republikaner – das Erbe der Stahl- und Kohlegewerkschaften, die ihre Mitglieder verlässlich den Demokraten zuführten. Über kaum eine Wählergruppe wurde nach Trumps Wahlsieg so viel geschrieben, meist ging es darum, wie sich diese Leute von den Demokraten im Stich gelassen fühlten, weil die ihre Interessen nicht mehr vertraten.


Trump blockiert Kritiker auf Twitter

Der US-Präsident habe mit den Blockaden gegen die Meinungsfreiheit verstossen.


Dann kam Trump. Die Strafzölle auf importierten Stahl, die der Präsident jetzt eingeführt hat, unterstützt Lamb. «China hat den Markt zu lange mit billigem Stahl geflutet», sagte er vergangene Woche, «diese Zölle sind überfällig.» Überhaupt verzichtet Lamb weitgehend darauf, Trump anzugreifen. Er trete nicht gegen den Präsidenten an, sagt er, wenn er im Wahlkampf nach ihm gefragt wird. Lamb distanziert sich auch von den nationalen Demokraten und von deren unbeliebter Chefin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi. Spenden von demokratischen Organisationen in Washington hat er abgelehnt, und die einzige Parteigrösse, die Lamb für sich werben liess, ist der ehemalige Vizepräsident Joe Biden.

Trumps Beliebtheitswerte sehen auch in Pennsylvania nicht sehr gut aus.

Die Kombination aus Lambs politischem Profil und seiner Haltung zur Partei mache die Wahl landesweit interessant, sagt Terry Madonna, Politikwissenschaftler in Pennsylvania: «Lamb ist der perfekte Kandidat für eine Gegend wie diese. Wenn er gewinnt, haben die Demokraten ein Vorbild, um bei den Zwischenwahlen die Trump-Wähler zurückzugewinnen.» Umgekehrt hätten die Republikaner ein Problem, wenn ihr Mann nun die Wahl verliere: «Das wäre ein starkes Signal, dass selbst jene republikanischen Sitze nicht sicher sind, die bis vor kurzem als unantastbar galten.»

Während der Demokrat seine Kampagne mit lokalen Themen führt, macht sein Rivale das Gegenteil. Eine Stimme für Lamb sei eine Stimme für Pelosi, sagt Saccone. Er ist seit 2011 Abgeordneter im Abgeordnetenhaus des Bundesstaats, er ist in seinem Wahlkreis bekannter als sein Konkurrent, und er war ebenfalls im Militär. Sein Programm fasst der 60-Jährige so zusammen: «Ich war schon Trump, bevor Trump Trump war.» Deshalb begrüsst er die Importzölle auf Stahl, deshalb begrüsst er überhaupt alles, was der Präsident sagt und tut. Und Trump bedankte sich am Samstagabend bei seiner Wahlkampfvisite, indem er Saccone überschwänglich lobte.

Was die Worte des Präsidenten bewirken, ist allerdings offen. Trumps Beliebtheitswerte sehen auch in Pennsylvania nicht sehr gut aus: 47 Prozent der Wähler haben ein negatives Bild von ihm. Gehen morgen viele dieser Enttäuschten nicht wählen, ist das für Saccone schlecht. Unter normalen Umständen müsste es dem republikanischen Kandidaten trotzdem für einen Sieg reichen. Fragt sich nur, wie normal diese Umstände noch sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 19:46 Uhr

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