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Die Lobby für Amerikas Kriminelle

Die NRA, der Waffenverband der USA, ist nicht Schutzpatron des ängstlichen Bürgers, sondern setzt sich systematisch für Gesetze ein, die den Kampf gegen Waffengewalt verunmöglichen. Mit immer mehr Erfolg.

Er führt Amerikas mächtigste Lobby: Wayne LaPierre, CEO der National Rifle Association (NRA), beherrscht die Waffengesetzgebung und sogar die Waffenforschung. Und wurde damit ein reicher Mann. (Foto: 25. April 2003)
Er führt Amerikas mächtigste Lobby: Wayne LaPierre, CEO der National Rifle Association (NRA), beherrscht die Waffengesetzgebung und sogar die Waffenforschung. Und wurde damit ein reicher Mann. (Foto: 25. April 2003)
Shannon Stapleton, Reuters
Kriegswaffen als Sportgeräte: Ein Waffenhändler inspiziert an einer «Jagd-Show» in Las Vegas eine halbautomatische SIG Sauer. (Foto: 18. Januar 2011)
Kriegswaffen als Sportgeräte: Ein Waffenhändler inspiziert an einer «Jagd-Show» in Las Vegas eine halbautomatische SIG Sauer. (Foto: 18. Januar 2011)
Julie Jacobsen, Reuters
Ein Geschäft ohne Konjunkturdellen: In Colorado führt ein Waffenhändler seine Gewehre vor – Tage nach dem Massaker in einem Kino von Aurora, Colorado. Die Händler wissen: Nach jedem Amoklauf steigt die Zahl der Waffenkäufe an. (Foto: 24. Juli 2012)
Ein Geschäft ohne Konjunkturdellen: In Colorado führt ein Waffenhändler seine Gewehre vor – Tage nach dem Massaker in einem Kino von Aurora, Colorado. Die Händler wissen: Nach jedem Amoklauf steigt die Zahl der Waffenkäufe an. (Foto: 24. Juli 2012)
Shannon Stapleton, Reuters
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Ihr Name verheisst Nostalgie: NRA, National Rifle Association, zu Deutsch etwa: Nationaler Schiessgewehr-Verein. Da gehts also nicht um moderne «guns» ( Kanonen, Schusswaffen), sondern um altmodische «rifles», Gewehre. Dabei ist die NRA alles andere als altmodisch. Sie ist vielmehr eine der modernsten Lobby- und PR-Maschinen der heutigen USA. Mit Cowboys hat sie nichts mehr am Hut.

Gegründet wurde sie 1871, weil die Amerikaner im Sezessionskrieg feststellen mussten, dass ihre Soldaten nicht schiessen konnten. Gemäss Berichten der Unionisten verschoss jeder ihrer Soldaten pro getroffenem Konföderisten 1000 Kugeln. Immerhin, das hat sich wohl geändert. Die NRA gibt noch heute als einen ihrer vornehmsten Zwecke an, die Bürger in Schiesskursen zu schulen.

Aufstieg begann vor 30 Jahren

Zynisch betrachtet, zeigt sich das bei jedem Amoklauf, auch bei jenem vom letzten Freitag an der Newtown High School: Amerikas Waffennarren schiessen erschreckend gut. Die NRA kann man nicht direkt für die Toten verantwortlich machen. Nicht für die Schüsse selbst – aber für die Tatsache, dass Soziopathen wie Adam Lanza und Paranoide wie Adams Mutter Nancy so einfach zu ihren Waffen kommen. Denn aus dem Verein, der sich einst starkmachte für verantwortungsbewussten Schusswaffengebrauch, ist ein Interessenverband für Gemeingefährliche und Kriminelle geworden.

Die NRA heutigen Zuschnitts begann ihren Aufstieg mit dem Siegeszug des neuen US-Konservatismus. Ihr erster grosser Erfolg kam 1979, als sie verhinderte, dass ein nationales Schusswaffenregister oder auch nur eine zentrale Datenbank der Waffenverkäufe entsteht. Seither droht die NRA zwar ständig damit, dass ein solches Verzeichnis unmittelbar drohe, aber der Kongress brächte die Mehrheiten dafür nicht einmal annähernd zustande.

1986 schlug die Waffenlobby der Polizei ein weiteres Instrument aus der Hand: Wenn Waffenverkäufer gegen die Buchführungsbestimmungen verstossen, gilt das seither nur noch als Vergehen, nicht als Verbrechen. Die Hürde ist für die Justiz enorm hoch, einem Händler illegale Verkäufe nachzuweisen. Seit 2003 müssen Waffenhändler ihren Waffenbestand nicht mehr regelmässig kontrollieren oder belegen. Zwar müssen sie den Leumund ihrer Kunden prüfen lassen, aber die entsprechenden Anfragen muss die Polizei innert 24 Stunden wieder vernichten. Was Nachforschungen über Massenankauf praktisch verunmöglicht.

Über 90 Prozent verkaufen Waffen an Kriminelle

Pro Jahr werden etwa eine halbe Million Waffen gestohlen oder gehen verloren (oder werden illegal verkauft). Doch weder Händler noch Private müssen den Diebstahl melden. Ist das erheblich? Nur, wenn man vielen Händlern unterstellen muss, dass sie systematisch an Kriminelle verkaufen. Die Bundeswaffenbehörde geht – sehr konservativ geschätzt – von einem Prozent «fauler Eier» in der Branche aus. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg schickte dagegen Testkäufer los, die sich klar als Kriminelle ausgaben. 25 Prozent der Waffenhändler liessen sich dennoch auf einen Handel ein. An regelmässig stattfindenden Waffenmessen waren es sogar bis zu 94 Prozent. Kein Wunder geht man davon aus, dass der Mob sich etwa 30 Prozent seiner Waffen an solchen Messen besorgt. Die NRA hat dafür gesorgt, dass die Justiz gegen diesen offenen Schwarzhandel keine Handhabe hat.

Somit führt sich der NRA-Mythos von der Pistole in der Schublade als letztem Schutz des kleinen Bürgers ad absurdum: Die NRA ist hauptsächlich für die Bewaffnung der Bürgerschrecks verantwortlich. Man darf davon ausgehen, dass Wayne LaPierre, der den Verein seit 21 Jahren anführt, das ebenso sieht. Denn offenkundig glauben er und seine Clique die eigenen Warnungen vor der drohenden «Entwaffnung» durch US-Regierung oder UNO nicht im Geringsten. LaPierre, der von der NRA jährlich ein Gehalt von einer Million Dollar ausgezahlt kriegt, spendete seit 20 Jahren nicht ein einziges Mal selber für all die «dringenden» PR-Kampagnen seiner Organisation. Das belegen Auszüge der Wahlbehörden. Er ist mit seinem Zynismus nicht allein. Das gesamte 76-köpfige Führungsgremium lässt sich zwar fürstlich entlöhnen, gibt aber selber bestenfalls ein paar Hundert Dollar im Jahr. Selbst 2003, als die NRA mit 100 Millionen in der Kreide stand, mahnte LaPierre seine über vier Millionen Mitglieder zum Spenden – gab selber aber nichts.

Warum auch? Die NRA bedient ohnehin eine Fantasy-Welt, und das soll so bleiben. Offensichtliche Forschungsergebnisse, etwa der drastische Rückgang der Waffengewalt in Australien seit dem dortigen Verbot halbautomatischer Waffen, werden schlicht bestritten. Australiens Regierung wirft der NRA vor, Statistiken systematisch zu verdrehen. Und was nicht verdreht werden kann, wird verhindert: Seit den 1990er-Jahren drohten die Republikaner im Kongress der Unfallpräventionsbehörde des Bundes, ihr Budget würde gekürzt, falls sie sich mit Forschung über Waffengewalt beschäftige. 2012 verbot die republikanische Mehrheit es auch dem Gesundheitsamt, Daten über Waffengewalt auszuwerten. Es hiess, das sei eine «Unterhöhlung» des zweiten Verfassungszusatzes, der das Recht auf Waffenbesitz garantiert.

Die NRA hat die Zeit auf ihrer Seite

Die NRA hat also nicht nur die Gesetzgebung im Griff und führt die Justiz vor, sie bestimmt auch die Diskussion. Seit einer «Fortune»-Rangliste von 1999 gilt sie als mächtigste Lobby der USA. Und auch wenn die Organisation seit dem Massaker an den Primarschülern von Newtown weise schweigt, so weiss sie, dass sie die Zeit auf ihrer Seite hat. Zwar werden nun Umfragen herumgeboten, nach denen die Hälfte der Amerikaner striktere Waffengesetze befürworten. Aber LaPierre und die Seinen wissen, dass dieser Anteil 1990 noch bei 78 Prozent lag. Nicht von ungefähr hat der am Wochenende zu Tränen gerührte Barack Obama das Thema in seinen zwei Wahlkämpfen und in seiner ganzen ersten Amtszeit nicht einmal mit der Pinzette angerührt.

Denn in Wahrheit ist Amerikas Öffentlichkeit abgestumpft. Die NRA hat ihr beigebracht, mit der Gewalt zu leben. Und wem diese Gewalt Angst macht, der kauft sich selber eine Pistole. Und fühlt sich gleich viel sicherer.

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