Die Nation, die Morde an Schulen abgestumpft zur Kenntnis nimmt

US-Amerikas verlustreichster Krieg findet nicht in Afghanistan statt. Er fand auch nicht im Irak oder in Vietnam statt. Er tobt zu Hause.

Bei einer Schiesserei an einer amerikanischen Schule sind mindestens 20 Menschen verletzt worden. Video: Tamedia/AP/AFP

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Dieses Land ist einmalig. Nicht weil es Unternehmen wie Google oder Apple hervorbringt. Oder Rapper und Rocker und Filmemacher, die weltweit bewundert werden. Ebenfalls nicht einmalig ist dieses Land, weil es von Donald Trump regiert wird. Figuren mit autokratischen Tendenzen gibt es auch anderswo, etwa in Budapest oder in Ankara.

Nein, einmalig ist dieses Land, weil es mehr Waffengeschäfte vorweist als Supermärkte. Mehr Läden, in denen unbescholtene Bürger oder labile Suizidbereite eine Schusswaffe kaufen können, als Starbucks oder Walmart. Mehr Waffenausrüster als McDonald's-Filialen. Daneben gibt es noch Gun-Shows, wo jeder ohne Überprüfung seiner geistigen Befindlichkeit aufrüsten kann. Niemand muss nachweisen, dass er nicht wahnsinnig ist oder ein Fanatiker.

Weil es viele Gun-Shows und Waffengeschäfte mitsamt ihren Unterstützern im Weissen Haus, im Kongress, bei der Waffenlobby NRA und in der Bevölkerung gibt, passieren regelmässig schreckliche Dinge in US-Amerika. So wie gestern, als 17 Teenager in einer Schule in Parkland in Florida an Schussverletzungen starben, die ihnen ein anderer Teenager zufügte. Der Todesschütze war nur unwesentlich älter als seine Opfer, ein junger Mann, dessen Waffe ein Sturmgewehr des Typs AR-15 war.

Bilder: Schiesserei in Florida

Vielleicht war er verwirrt, vielleicht rachsüchtig oder nur ein Desperado: Eine potente Schusswaffe konnte er problemlos erwerben. Und so nimmt die amerikanische Tragödie ihren Lauf, von Woche zu Woche, von Schule zu Schule. In 18 US-Schulen kam es seit Jahresbeginn zu Schiessereien, nicht einmal zwei Monate ist das Jahr alt. Amerikanische Kinder und Teenager betrachten diese Schiessereien inzwischen als normal. Sie leben damit, indes die Nation, in der sie leben, die Morde an Schulen abgestumpft zur Kenntnis nimmt.

Columbine, Sandy Hook, Ende Januar die High School in Marshall County im Staat Kentucky: Keine Zeitung könnte die Liste der «School Shootings» in den vergangenen drei Jahrzehnten publizieren. Sie wäre zu lang, und erst recht zu lang wäre die namentliche Auflistung aller US-Amerikaner, die seit der Jahrtausendwende erschossen wurden: fast eine Viertelmillion Menschen, Hunderttausende teils schwer Verwundeter nicht mitgezählt. US-Amerikas verlustreichster Krieg findet nicht in Afghanistan statt. Er fand auch nicht im Irak oder in Vietnam statt. Er tobt zu Hause.

Zivilisiert daran ist nichts

Die Politik reagiert unterschiedlich darauf: Die Demokraten fordern seit Jahrzehnten eine striktere Kontrolle von Schusswaffen. Die Republikaner, alimentiert von der mächtigen Schusswaffenlobby NRA, blockieren nahezu alle Reformversuche. Nichts bewegt sich ausser den Statistiken: Sie zeigen das erstaunliche amerikanische Massaker verlässlich an.

Verlogene Politiker mahnen nach jeder Massenschiesserei wie gestern in Florida, keineswegs dürfe der Vorfall «politisiert» werden. Stattdessen, so die Floskel, müssten «alle unsere Gedanken und Gebete» den Opfern und Hinterbliebenen gelten. Leider haben «Gedanken und Gebete» bislang keine Abhilfe geschaffen, weshalb es bald wieder in einer amerikanischen Schule knallen wird.

Zivilisiert daran ist nichts. Es ist barbarisch. Die dafür Verantwortlichen, die sich immer wieder gegen eine vernünftige Reform des Schusswaffenerwerbs und -besitzes sperren, sollten sich schämen.

Erstellt: 15.02.2018, 09:30 Uhr

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