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Donald Trumps Lügendetektor

Der US-Präsident konfrontiert die Medien unablässig mit Vorwürfen und falschen Behauptungen. Die Reaktion? Sie haben den Kampf aufgenommen.

Nikolaus Piper
Noch am Morgen vor dem Treffen gab es ein Hickhack: Donald Trump (links) und der Herausgeber der «New York Times», Arthur Sulzberger. (22. November 2016)
Noch am Morgen vor dem Treffen gab es ein Hickhack: Donald Trump (links) und der Herausgeber der «New York Times», Arthur Sulzberger. (22. November 2016)
Hiroko Masuike, Keystone
Donald Trump bei der «New York Times». (22. November 2016)
Donald Trump bei der «New York Times». (22. November 2016)
Andrew Gombert, Keystone
Eine grosse Menschenmenge beobachtet, wie der künftige US-Präsident das Medienhaus wieder verlässt. (22. November 2016)
Eine grosse Menschenmenge beobachtet, wie der künftige US-Präsident das Medienhaus wieder verlässt. (22. November 2016)
Mark Lennihan, Keystone
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Man sollte in diesen Tagen Walter Lippmann lesen. «In einem exakten Sinne ist die gegenwärtige Krise der westlichen Demokratie eine Krise des Journalismus», schrieb der grosse liberale Publizist 1920 in dem Essay Liberty and the News: «Wo alle Nachrichten aus zweiter Hand kommen, (...) reagieren die Menschen nicht mehr auf Wahrheiten, sie reagieren nur noch auf Meinungen.» Und: «Das Umfeld, in dem sie handeln, ist nicht mehr die Wahrheit selbst, sondern das Pseudo-Umfeld der Berichte, Gerüchte und Vermutungen.»

Gemünzt war das auf den blinden Patriotismus der amerikanischen Presse während des Ersten Weltkrieges, heute treffen die Sätze den Sachverhalt aber fast noch besser, im Zeitalter von Fake-News, alternative facts und Donald Trump. Im Gegensatz zur Situation vor fast hundert Jahren haben die angesehenen Medien in den USA den Kampf um die Wahrheit aufgenommen. Es ist so spannend wie seit langem nicht mehr, CNN zu schauen oder die «Washington Post», den «New Yorker» und vor allem die «New York Times» zu lesen.

Video – als Trump die Redaktion seines Lieblingsfeindes, der «New York Times», besuchte:

(Video: Reuters)

Im Dezember beschrieb die «Times» in einem ungezeichneten Leitartikel die Lage und wie sie ihre Rolle sieht: «Zumindest eine Sache hat Donald Trump besser verstanden als alle, die sich mit der Wahl 2016 befasst haben», heisst es darin. «Der Zusammenbruch der von der Öffentlichkeit geteilten Wahrheit, die auf allgemein akzeptierten Fakten beruht, hat sich nicht als Gefahr, sondern als Chance erwiesen.» Der Leitartikler erinnert an einen anderen Grossen des amerikanischen Journalismus: Walter Cronkite, den unbestechlichen Fernsehjournalisten, der in den Zeiten von Vietnam und Richard Nixon bei CBS die Nachrichten präsentierte. Wie können die Amerikaner ohne Cronkite den Weg zurück zu einer Kultur allgemein akzeptierter Fakten finden? Die Antwort: mit unabhängigen Medien und denkenden Bürgern.

«And that's the way it is», pflegte sich Cronkite abends von den Zuschauern zu verabschieden – so ist es eben. Der Pathos dieses Artikels ist für die «Times» inzwischen Programm: Die Zeitung liest sich streckenweise wie ein Lügendetektor in Sachen Trump: Die Rücknahme von Obamas Gesundheitsreform? Viel schwieriger als versprochen. Ein Facebook-Post Trumps über den Einreisestopp für Bürger einiger muslimischer Länder? Enthält gleich drei gravierende Fehler. Trumps Kandidat für das Arbeitsministerium? Hat eine illegale Einwandererin als Haushaltshilfe beschäftigt. Man könnte so fortfahren.

«Alle negativen Umfragen sind Fake-News». Donald Trump verteidigt sich auf Twitter.

Zwei Wochen ist Trump im Amt, seither ist es normal geworden, dass der Präsident die Medien mit leicht widerlegbaren Vorwürfen überzieht. In der Nacht zum Dienstag warf er vor Militärangehörigen in Florida Journalisten vor, die Terrorgefahr herunterzuspielen und zu wenig über Anschläge zu berichten. Dafür hätten sie «wohl ihre Gründe», sagte er, nannte dafür aber keine Beispiele. Der Präsident scheine die «riesige Menge an Berichterstattung der Medien zum Terror des Islamischen Staates und seiner Unterstützer nicht bemerkt» zu haben, notiert der Reporter der «Times» kühl.

Später lieferte das Weisse Haus noch eine Liste mit 78 Anschlägen, die seit September 2014 vom IS «ausgeführt oder inspiriert worden» seien. Die «meisten» dieser Fälle hätten nicht die ausreichende Medienaufmerksamkeit bekommen, teilte die Regierung mit, ohne zu erklären, was damit gemeint war. Über die meisten der Anschläge hatten die US-Medien tagelang breit berichtet: Orlando, Paris, der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin und andere. Bemerkenswert findet es die «Times», dass die Attacken auf die Presse während Veranstaltungen des Präsidenten mit dem Militär kamen. Solche Termine waren nach amerikanischer Tradition bisher betont unpolitisch.

Trumps Top-Beraterin gibt Falschaussagen zu: Kellyanne Conway wird in einem CNN-Interview in die Mangel genommen – und widerspricht dabei ihrem Chef. (Video: Youtube/CNN)

Als Trump von Florida aus nach Washington zurückflog, bekam die «Times» noch einmal extra ihr Fett weg. Pressesprecher Sean Spicer zerriss vor anderen Journalisten einen Hintergrundbericht der Zeitung über die ersten Tage der neuen Regierung, gespickt mit persönlichen Details aus dem Alltag des Präsidenten. Der Artikel sei «so voller Ungenauigkeiten und Lügen, dass sie sich beim Präsidenten für sie entschuldigen müssten». Beleg für die Kritik: Die «Times» habe über Trumps Bademantel geschrieben, er glaube aber, dass der Präsident gar keinen habe.

Drei Millionen Abonnenten

Die Redaktion der «Times» bemüht sich ihrerseits erkennbar, sachlich und fast unterkühlt über Trump zu berichten und nicht in Hysterie zu verfallen. Bereits wenige Tage nach der Wahl versprachen Verleger Arthur Sulzberger und Chefredakteur Dean Baquet in einem Brief an die Leser, über die neue Regierung «mit derselben Fairness, derselben Sorgfalt und derselben Unabhängigkeit» zu berichten wie über alle anderen Themen.

Das Verhältnis zwischen Trump und der «Times» ist so erratisch wie der Inhalt seiner Tweets. In seiner Zeit als Immobilienunternehmer dürfte die Zeitung zu seiner täglichen Lektüre gehört haben. Kurz nach der Wahl, am 22. November, setzte er sich eine Stunde lang mit der Redaktion im «Times»-Tower an der 8th Avenue zusammen und gab ein vergleichsweise moderates Interview, in dem er sich sogar für das Thema Klimawandel offen zeigte. Eine Woche später folgte dann dieser Tweet: «Jemand mit Eignung und Überzeugung möge die Fake-News- und versagende NYTimes kaufen, und diese entweder richtig betreiben oder sie in Würde sterben lassen.»

An diesem Montag warf er dem Blatt vor, in Bezug auf ihn «totale Fiktion» zu verbreiten, woraufhin wiederum die «Times» seine warmen Worte aus dem November zitierte.

Etwas Gutes hat der Faktor Trump: Im vergangenen Jahr erreichte die «Times» erstmals die Grenze von drei Millionen Abos – gedruckt und digital. Allein im vierten Quartal 2016 hat die Digitalausgabe 276'000 neue Abonnenten gewonnen, mehr als in 2013 und 2014 zusammen. Wegen des Einbruchs der Anzeigen in der Druckausgabe schreibt der Verlag trotzdem Verluste. Auch ein weiterer Personalabbau ist nicht ausgeschlossen. Das Team allerdings, das über das Weisse Haus berichtet, wurde von vier auf sechs Reporter ausgebaut. Und der Aktienkurs der «Times» ist seit der Wahl um drei auf über 14 Dollar gestiegen. Irgendwie gehört die Zeitung eben doch zu den ersten Trump-Gewinnern.

Video – Würden die Amerikaner Donald Trump nochmals wählen?:

«Knapp 90 Prozent der Republikaner sind zufrieden»: Christoph Münger, Co-Ausland-Leiter des «Tages-Anzeiger».
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