Ein Havanna ohne Prostituierte

Barack Obama sucht das «echte» Kuba – aber findet im einstigen Hinterhof der USA nur Glanz.

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Barack Obamas Kuba-Besuch wird in die Geschichte eingehen: als Highlight bedeutungsschwangerer Symbolpolitik. «Es ist wunderbar, hier zu sein», sagte der amerikanische Präsident bei der einleitenden Pressekonferenz in der US-Botschaft, ehe er Hände schüttelnd in der Menschenmenge verschwand.

Beim dreitägigen Besuch wird viel Volksnähe zelebriert: ein Familienausflug durch die Einkaufsmeile, die Visite eines Baseballspiels, ein Abstecher ins städtische Museum oder ein kleiner Imbiss beim Kubaner des Vertrauens. Obama versteckt sich nicht etwa im verdunkelten Fond einer schusssicheren Limousine, sondern möchte sich ein Bild vom Leben auf der Strasse verschaffen. Obama als Individualreisender im Stile des «Lonely Planet».

Bettler und Prostituierte müssen weg

Die Frage ist nur, wie viel Authentizität er im einstigen Hinterhof der USA zu sehen bekommt. Der Bummel durch Alt-Havanna begann diesbezüglich wenig vielversprechend. Das eigentlich schon hübsche Unesco-Weltkulturerbe wurde zusätzlich aufpoliert: Bettler und Prostituierte mussten wenige Tage vor Obamas Ankunft das Feld räumen. Kleine kubanische Läden, die sonst auch sonntags für Leben sorgen, wurden aufgefordert, ihre Türen zu schliessen. Stattdessen wandeln nun Obamas pubertierende Töchter über den Boulevard – stets im Fokus der angereisten Paparazzi.

Die Bevölkerung reagiert mit Sarkasmus auf die vorsorgenden Massnahmen zum Staatsbesuch: Yamile Suárez, eine Bewohnerin Havannas, wurde von US-Medien gefragt, was sie sich vom US-Präsidenten erhoffe: «Ich muss mich bei Obama bedanken. Nur seinetwegen wurde das grosse Schlagloch einer Strasse, das mich schon lange nervt, repariert.» Ein Korrespondent vom «Boston Globe» berichtet, dass der Weg des Präsidenten aufgrund der frisch geteerten Strassen nachgezeichnet werden könne. Auch das Baseballstadion, in dem morgen ein kubanisch-amerikanisches Freundschaftsspiel stattfindet, verströmt den Duft frischer Bauchemikalien: Es erstrahlt neu in blauer Farbe.

Verhaftete Dissidenten

Nicht nur das Abgehalfterte wird weggewischt, sondern auch das Aufmüpfige: Kurz vor Obamas Ankunft wurden Dutzende Dissidenten in Gewahrsam genommen. Unter den Festgenommenen war auch Berta Soler, die Vorsitzende der Protestgruppe Damen in Weiss, die 2005 mit dem Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments ausgezeichnet wurde. Sie wäre zu einem Treffen Obamas mit Vertretern der Zivilgesellschaft eingeladen – ob es zum Treffen kommt, ist deshalb höchst fraglich.

Gemeinsam für das Wohl der Kubaner? Raúl Castro und Barack Obama. (Foto: Reuters)

Stattdessen erinnert der Besuch Obamas an eine Neuauflage der «Truman Show». Im Filmklassiker bekommt der Hauptdarsteller nur das zu sehen, was er auch sollte. Dabei bewegt er sich unwissentlich durch eine Kulisse. Die Menschen, denen er begegnet, sind Schauspieler mit klarem Auftrag. Das Filmplakat für eine allfällige Neuauflage des Films – «The Obama Show» – wäre bereits gedruckt: Es ziert zurzeit die Altstadt von Havanna und zeigt die Gesichter von Obama und dem kubanischen Staatschef Raúl Castro: Seite an Seite, als hätten die beiden schon immer für eine gemeinsame Sache gekämpft – ein Blockbuster fürs Polittheater.

Erstellt: 21.03.2016, 11:28 Uhr

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