Die linke Populistin, die Republikanerin war

Elizabeth Warren ist die Frau der Stunde im demokratischen Präsidentschaftswahlkampf. Nun trifft sie erstmals auf Joe Biden.

Akademikerin vom linken Flügel: Elizabeth Warren bewirbt sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Foto: Nick Wagner (Keystone)

Akademikerin vom linken Flügel: Elizabeth Warren bewirbt sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Foto: Nick Wagner (Keystone)

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Elizabeth Warren springt auf die Bühne und winkt mit ausgestreckten Armen wie ein Lotse auf einem Flugzeugträger. «Hello, Iowa!» Ein Sommerabend in der Kleinstadt Council Bluffs, im Mittleren Westen der USA. Ein paar Hundert Leute haben sich in eine stickige Halle gedrängt, um die Präsidentschaftskandidatin zu sehen, die jetzt im Cardigan und mit der randlosen Brille vor ihnen steht. Es sind Leute vom Land, die nun draussen auf dem Parkplatz stehen. Viele sind in Pick-up-Trucks gekommen. Sie jubeln, als Warren über die Korruption in Washington schimpft. Sie jubeln, als sie über ihren Plan redet, Millionäre stärker zu besteuern. Und besonders laut jubeln sie, als Warren sagt: «Wenn ich erst einmal Präsidentin bin, dann… – hach, ich mag es, wie sich das anhört!»

Warren ist Teil des Trios von Demokraten, das derzeit die besten Chancen hat, von der Partei zum Gegenkandidaten von US-Präsident Donald Trump gewählt zu werden. In den meisten Umfragen liegt die 70-Jährige hinter dem früheren Vizepräsidenten Joe Biden (76) und etwa gleichauf mit Senator Bernie Sanders (78), mit dem sie befreundet ist. Eher belastet ist dagegen ihr Verhältnis zu Biden, auf den sie heute Abend in der dritten TV-Debatte des Wahlkampfs erstmals direkt trifft. Die Linke gegen den Moderaten, die Frau gegen den Mann, die Professorin, die erst seit wenigen Jahren Politik macht, gegen den Berufspolitiker, der schon lange zum Establishment zählt: Das Duell der beiden dürfte im Zentrum der Debatte stehen.

Fauxpas sind vergessen

Für Warren läuft es gerade ziemlich gut. Keine Wahlkampfanlässe sind so gut besucht wie ihre, sie ist die einzige Kandidatin, die in den Umfragen zuletzt stetig zulegte, und in den Zeitschriften häufen sich die wohlwollenden Porträts. Dabei hatte alles nicht sehr gut begonnen. Da war die seltsame Idee mit dem DNA-Test, den Warren veröffentlichte, um zu belegen, dass da in ihrer Familie durchaus mal ein indianischer Vorfahre war, wie sie es in früheren Jahren behauptet hatte. Da war das etwas peinliche Video, in dem sich die einstige Harvard-Professorin an ihre Anhänger wandte, aber erst, nachdem sie sich betont volksnah eine Flasche Bier geholt hatte. Und da war die Ankündigung, auf die unter US-Politikern üblichen Spendengalas zu verzichten – eine Entscheidung, die ihren Finanzchef derart schockierte, dass er sogleich sein Büro räumte.

«I have a plan for that»Elizabeth Warren

Alles vergessen, so scheint es zumindest. In den vergangenen Monaten schaffte es Warren wie keine andere Kandidatin, zu grossflächiger Berichterstattung in den Medien zu kommen, was für einen erfolgreichen Wahlkampf unabdingbar ist. Die Senatorin aus Massachusetts tat das, indem sie in schwindelerregender Kadenz neue Positionspapiere publizierte, mehr als 30 sind es bereits, und sie lassen fast kein Thema aus. Reichensteuer, Zerschlagung der grossen Tech-Konzerne, Schuldenerlass für Studenten, Verbot von privat betriebenen Gefängnissen, Ausbau des diplomatischen Korps, Ausbau des Rechts auf Abtreibung – Ausbau überall. «I have a plan for that», steht auf den T-Shirts und Buttons, die Warrens Anhänger tragen.

Aus einfachen Verhältnissen

«Ich habe einen Plan dafür», ruft Warren jetzt auch in den Saal von Council Bluffs, und die Leute jubeln erneut, lauter, als sie es jeweils bei Biden tun. Es ist sicher nicht so, dass die Besucher hier Warrens Positionspapiere alle gelesen hätten. Viele fragen sich eher: Kann ich mich mit dieser Frau identifizieren? Und: Kann sie Trump schlagen? Der ersten Frage begegnet Warren bei ihren Auftritten, indem sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Aufgewachsen ist sie im ländlichen Oklahoma als jüngstes von vier Kindern, der Vater – ein Hauswart – hatte einen Herzinfarkt, als sie 12 war. Der Familie drohte wegen der vielen Arztrechnungen der Ruin, fast hätte sie das Haus verloren. Warren heiratete ihren ersten Mann, das Paar zog hin und her und hatte zwei Kinder, später folgte die Scheidung. «Meine Geschichte hat viele Irrungen und Wirrungen», sagt sie in Iowa – eine Biografie mit Rückschlägen, wie sie vielen US-Amerikanern vertraut ist.


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Auf die Rückschläge folgten eine glänzende Karriere als Juristin und der Aufstieg zu einer der beliebtesten Politikerinnen der amerikanischen Linken. Vorhersehbar war das nicht: Bis Mitte der 1990er-Jahre war Warren noch als Wählerin der Republikanischen Partei registriert. Ihren Sinneswandel führt sie auf die neue Aufgabe zurück, die sie in dieser Zeit erhielt: Als Harvard-Professorin wurde sie 1995 in einen von Präsident Bill Clinton eingesetzten Ausschuss berufen, der sich mit der Zunahme von Privatkonkursen beschäftigte, einer Entwicklung, die Warren auf lasche Gesetze zurückführte, die Verbraucher zu wenig schützten.

In der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise wurde sie zu einer prominenten Stimme, die sich für eine schärfere Regulierung von Finanzmärkten starkmachte. 2010 wollte ihr Barack Obama die Leitung einer neuen Behörde für Verbraucherschutz übertragen, sah dann aber aufgrund politischen Widerstands davon ab. Warren bewarb sich stattdessen 2012 erfolgreich in Massachusetts für einen Sitz im Senat. Das Amt erlaubte es ihr, sich eine Plattform für ihre Präsidentschaftskandidatur zu bauen.

Ähnliches Profil wie Sanders

Ist Warren, die Akademikerin vom linken Flügel, die Richtige, um Trump zu schlagen? Das ist die zweite Frage, die sich die demokratischen Wähler stellen. In vielen ihrer Forderungen unterscheidet sich Warren nicht stark von Bernie Sanders, dem selbsterklärten Sozialisten, dem viele keine Chance gegen Trump einräumen. Sowohl Warren wie auch Sanders wollen zum Beispiel eine öffentliche steuerfinanzierte Krankenversicherung einführen.

Weniger grobschlächtig, weniger laut, weniger revolutionär – eine intellektuelle Populistin, die auch bei den Frauen in den Vororten ankommt.

In Warrens Team hoffen sie aber darauf, dass ihre Kandidatin im Gegensatz zu Sanders als frische, unverbrauchte Botschafterin erscheint. Weniger grobschlächtig, weniger laut, weniger revolutionär – eine intellektuelle Populistin, die auch bei den Frauen in den Vororten ankommt. Allerdings sind ihre Beliebtheitswerte bei anderen wichtigen Wählern, den Afroamerikanern und den Leuten ohne Hochschulausbildung, derzeit ähnlich bescheiden wie jene von Sanders.

Warrens grösster Konkurrent ist deshalb wohl Biden. Mit ihm geriet sie schon 2005 aneinander, als dieser im Senat ein Insolvenzgesetz durchbringen wollte, das Warren für einen Kniefall vor den Kreditkartenfirmen in Bidens Heimatstaat Delaware hielt. Biden hielt die Kritik damals für «demagogisch». Gut möglich, dass es bei der heutigen TV-Debatte ganz ähnlich klingen wird.

Erstellt: 12.09.2019, 06:16 Uhr

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