Immer wenn Trump schimpft, zeigt die Kurve nach oben

Seit der US-Präsident einen Feldzug gegen die Medien führt, befinden sich diese im Aufwind. Man spricht von der «Trump-Beule». Ein Besuch bei der «Washington Post».

«Wir sind nicht im Krieg mit der Regierung. Wir sind bei der Arbeit», sagt «Washington Post»-Chefredaktor Martin Baron. Foto: Stephen Voss (Redux, Laif)

«Wir sind nicht im Krieg mit der Regierung. Wir sind bei der Arbeit», sagt «Washington Post»-Chefredaktor Martin Baron. Foto: Stephen Voss (Redux, Laif)

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Das Erste, was im Büro von Martin Baron auffällt, lehnt in der Ecke an der Wand: ein Oscar, zwei Meter gross, aus Pappe. Die Figur steht hier als Erinnerung an den Film «Spotlight», der wiederum eine Erinnerung an Barons Arbeit ist. Der Film zeigt, wie der Journalist und seine Kollegen vom «Boston Globe» einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdecken. Die Geschichte ist wahr.

Baron ist heute Chefredaktor der «Washington Post», und als im vergangenen Jahr die Oscarnominierungen für den Film bekannt gegeben wurden, hielt er in der Redaktion eine Rede. Baron grummelt fast so gut wie sein Darsteller Liev Schreiber im Film. Sein erster Satz: Es falle ihm jedes Jahr schwer, während der Oscars wach zu bleiben. Baron kann mit dem Glanz Hollywoods wenig anfangen. Mails unterschreibt der 62-Jährige mit: Marty. Er arbeitet in einem Zimmer, in das zwei kleine Tische, ein Regal mit Stehpult und der Papp-Oscar gequetscht sind. Sein Rucksack liegt auf dem Teppich. Auf der anderen Seite des Stockwerks hängt die Medaille für den Pulitzerpreis aus dem Jahr 1973 an der Wand, den die «Washington Post» für die Watergate-Berichterstattung erhalten hat. Darüber prangt in grossen, schwarzen Lettern ein Zitat des damaligen Chefredaktors Ben Bradlee: «Die Wahrheit, egal, wie schwierig sie ist, ist auf lange Sicht niemals so gefährlich wie eine Lüge.»

Die historischen Insignien der Zeitung. Die Watergate-Recherchen von Carl Bernstein und Bob Woodward führten zu Nixons Rücktritt. Auch darüber gibt es einen Hollywood-Film: «Die Unbestechlichen» mit Dustin Hoffman und Robert Redford. Es könnte gut sein, dass die Wirklichkeit gerade das nächste Drehbuch schreibt.

Zuspruch für den Volksfeind

Zehn Gehminuten vom Büroturm der «Post» entfernt steht das Weisse Haus, und dort regiert seit dem 20. Januar Donald Trump. Der ist zwar ein Freund des Scheinwerferlichts, aber nicht unbedingt der Wahrheit. Dank Trump stehen Martin Baron und seine Kollegen nicht nur am Rand und berichten. Sie stehen mit auf der Bühne.

Die liberalen Medien in Amerika hat Trump beschimpft und angegriffen wie kein US-Präsident vor ihm. Am 17. Februar griff er zum Smartphone und twitterte: «The Fake-News media (failing @nytimes, @NBCNews, @ABC, @CBS, @CNN) is not my enemy, it is the enemy of the American People!» Die Medien sind nicht mein Feind, sondern der Feind des Volkes.

Volksfeind Martin Baron, der sehr gerne keine Interviews gibt, obwohl er täglich mehrere Anfragen bekommt, streicht über seinen grauen Drei­tagebart. Er schliesst die Augenlider zur Hälfte. Das macht er immer wieder. Er sieht dann ein bisschen aus wie eine Eidechse, die in der Sonne Energie tankt. Er grummelt: «Es ist beunruhigend, dass jemand in dieser Position so etwas ausspricht.» Und dann: «We are not at war with the administration. We are at work.» – «Wir sind nicht im Krieg mit der Regierung. Wir sind bei der Arbeit.» Und diese Arbeit findet gerade so viel Zuspruch wie schon lange nicht mehr. An die Glaswand seines Büros hat Baron Briefe und Postkarten von Lesern geklebt. Auf einer steht in roter Schrift: Resist. Widersteht.

Im Wahlkampf, als Trump begann, die Medien zu attackieren, hat die «Washington Post» eine Sicherheitsberaterin engagiert. Die Toilettentüren in der Redaktion haben nun verstärkte Eisenriegel. Am Marmorpult in der Eingangshalle sitzen zwei Männer, die auch über die Etagen patrouillieren. David Fahrenthold und andere Reporter hatten Todesdrohungen erhalten. Fahrentholds Frau fragte ihn, in was er sie da eigentlich reingezogen habe.

Der 39-Jährige ist der Reporter 2.0 der «Washington Post». Für die vielen Fernsehauftritte hat er sich kürzlich einen neuen Anzug gekauft. Ihm wurde das Video zugespielt, in dem Trump sich damit brüstet, Frauen zwischen die Beine zu greifen. Nach der Veröffentlichung brachen die Server der Zeitung zusammen. Im «Washington Post Magazine» hat er kürzlich dieses verrückte Jahr detailliert beschrieben.

«Wenn der US-Präsident öffentlich twittert, müssen wir jede Aussage prüfen.»

Jetzt sitzt er hinter einer Glasscheibe, in die berühmte Zeitungsüberschriften graviert sind. Eine davon vom 9. August 1974: Nixon resigns. Nixon tritt zurück. Am Anfang von Trump, sagt Fahren­thold, sei jeder Tweet eine Nachricht gewesen. «Wenn der US-Präsident öffentlich twittert, müssen wir jede Aussage prüfen.» Trump nutze das und twittere gezielt Themen, um andere Nachrichten zu überspielen. «A great distractor.» Ein grosser Ablenker. Und immer wieder die Fake-News-Medien als Feindbild. «Wir müssen als Reporter diszipliniert sein, uns auf ein Thema konzentrieren und daran arbeiten», sagt Fahrenthold. Er muss weiter. In der Tür dreht er sich um: «Andererseits braucht uns Trump. Er reflektiert sich in uns. Journalismus ist wie ein Spiegel für ihn.» Dann ist er weg. Vor einem Jahr folgten ihm knapp 5000 Menschen auf Twitter. Heute sind es 338'000.

Auch Zahlen geben eine Antwort darauf, wie sich die Medienlandschaft verändert hat, seit Trump auf ihr herumtrampelt. Das Marktforschungsunternehmen Comscore hat gemessen, wie viele Leser die Onlineauftritte der grossen US-Medienunternehmen im Netz aufrufen. Tabellen und Kurven, die den Puls der Branche abbilden.

Eine blaue und eine grüne Linie laufen im Jahr 2016 fast parallel nebeneinander her: grün, das ist die «Washington Post», blau die «New York Times», die beiden grossen Zeitungen des Landes. Von Sommer 2016 an, es ist Wahlkampf, steigen die grüne und die blaue Linie leicht an. Im Oktober werden sie zu einer steilen Rampe. Im Wahlmonat November springen sie fast senkrecht nach oben. Seitdem verlaufen die Linien bei etwa 100 Millionen Besuchern in den USA pro Monat. Das sind 41 Prozent mehr als vor einem Jahr für die «Post», bei der «New York Times» sind es 44 Prozent. Bei den politischen Onlineportalen «vox.com» und «Politico» sind es 80 und 91 Prozent mehr.

Stösst den anwesenden Journalisten regelmässig vor den Kopf: Der Sprecher des Weissen Hauses Sean Spicer bei seiner ersten Medienkonferenz. Quelle: Youtube

Und noch eine Tabelle: Die meisten Onlineleser unter den US-Medien hat mit Abstand CNN. Dann folgen «Times» und «Post». Auf Platz fünf liegen Trumps Freunde von Fox News. Bei allen gilt: Etwa ein Drittel der Leser sitzt vor dem PC, zwei Drittel haben ein Smartphone oder Tablet in der Hand. Dass die «Post» überhaupt in dieser Liste auftaucht, hat viel mit Jeff Bezos zu tun.

Der Mann, der Amazon gegründet und damit Milliarden verdient hat, kaufte im Jahr 2013 die schwächelnde Zeitung von der Verlegerfamilie Graham. Seitdem investiert Bezos in Technologie. Und in Journalismus. Alle zwei Wochen telefonieren Baron und Bezos. Auf den ersten Blick: Kauziger Journalist trifft auf Internetmilliardär. Kann das gutgehen? Bis jetzt: Ja, ziemlich gut. Baron hat einen Master in Management, und Bezos hat bislang die Kritiker enttäuscht, die vor dreieinhalb Jahren das Ende einer der wichtigsten Zeitungen der Welt prophezeiten.

Von den einst 900 Redaktoren waren 2013 noch etwa 500 übrig. Jetzt sind es wieder 750: Online­redaktoren, Social-Media-Experten, aber auch mehr Reporter für Politik und investigative Geschichten, die im modernen Büroturm, in den die «Post» im Dezember 2015 umgezogen ist, in den Etagen 7 und 8 arbeiten. Im 6. Stock sitzen die Entwickler, die Bezos eingestellt hat, um schnellere und einfach zu bedienende Apps zu entwickeln oder ein Redaktionssystem zu bauen, mit dem die Journalisten ihre Texte direkt auf verschiedenen digitalen Plattformen veröffentlichen können. Nur eine Auswahl davon landet in der gedruckten Zeitung, deren Auflage je nach Erscheinungstag zwischen 300'000 und 400'000 Exemplaren liegt.

Jede Woche neue Fake-News

66 Online-Newsletter zu unterschiedlichen Themen bietet die Zeitung an, darunter den «Fact Checker», der jede Woche Falschnachrichten entlarvt. So gerüstet ging die «Post» in den Wahlkampf. Die Zeitung, die ihre nationale und internationale Reputation eingebüsst hatte, wurde durch exklusive Geschichten von Reportern wie Fahrenthold wieder relevant. «Die Wahrheit ist nicht da, um vergraben zu werden», sagt Chefredaktor Baron. Je mehr vergraben wird, desto mehr kann die «Post» wieder ausgraben. «Trump bump» nennen sie in der Redaktion die steigenden Kurven: Trump-Beule.

Es ist herrlich verquer: Der Präsident, der einen Feldzug gegen die Medien führt, beschert den Zeitungen im Netz die besten Bilanzen seit Jahren. Medienkolumnist Jim Rutenberg fasst es so zusammen: «Jedes Mal, wenn Donald Trump sagt, ihr seid scheisse oder ihr seid der Feind, macht es ding, ding, ding, und die Zahlen steigen an.»

Erstellt: 12.05.2017, 17:56 Uhr

In Zahlen

100 Millionen
So viele Leser besuchen in den USA pro Monat die Website der «Washington Post». Dieser Rekordwert gilt seit dem Wahlmonat November 2016. Das ist ein Anstieg von 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

66
Die «Post» bietet diese Anzahl Newsletter. Unter anderem: ein Faktenchecker, der Falschnachrichten entlarvt.

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