Die Ukraine-Affäre setzt Donald Trump sichtlich zu

Die amerikanische Öffentlichkeit ist vom Präsidenten einiges gewohnt. Aber jetzt ist er endgültig ausser Rand und Band geraten.

Trump im Angriffsmodus: Die Wut des Präsidenten schlägt Reuters-Journalist Jeff Mason entgegen, doch dieser bleibt ruhig. Video: AP

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Der Ton in der amerikanischen Öffentlichkeit wird schriller, die Fronten verhärten sich – und Donald Trump scheint zusehends aus dem Gleichgewicht zu geraten. In einer Serie wütender Tweets sowie später bei Auftritten am Rande des Besuchs des finnischen Präsidenten in Washington verlor der Präsident am Mittwoch gleich mehrmals die Contenance.

Die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn durch die demokratische Mehrheit im Abgeordnetenhaus sei «Bullshit», die Beschwerde eines Whistleblowers über Trumps Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski «bösartig» und «unwahr». Denn er, Donald Trump, habe ein «perfektes Gespräch» mit Selenski geführt. Und so weiter.

Adam Schiff nannte er «Abschaum»

Die Wut des Präsidenten schlägt sich inzwischen in beklemmenden Ausbrüchen nieder, nichts und niemand ist vor seinem Zorn sicher. Wieder einmal versicherte Trump gestern, er sei «ein stabiles Genie» und wähle seine Worte «sorgfältig», obschon seine Tweets und Tiraden tagtäglich beweisen, dass es mit seiner Stabilität so weit nicht her ist, und er Worte wählt, die er besser nicht verwenden sollte.

Wer aber könnte ihm die Ausraster verdenken? Gegen Trump wurde zwei Jahre in der Russland-Affäre ermittelt, nun steht dem Präsidenten die nächste Kalamität ins Haus. Das drohende Impeachment-Verfahren sei «ein Schwindel», sagte er gestern, ja ein «Verbrechen gegen das amerikanische Volk». Und natürlich lässt Trump an seinem Gegenspieler Adam Schiff, dem Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses und federführenden Ermittler in der Ukraine-Affäre, kein gutes Haar. Schiff, tobte Trump am Mittwoch, sei «Abschaum», ein «Betrüger», der zurücktreten oder seines Amtes enthoben werden sollte. Die Medien kamen selbstverständlich nicht besser weg: Hatte Trump Journalisten vergangene Woche als «Tiere« beschimpft, so bezeichnete er sie gestern als «korrupt». Gegen die Medien als Fake News zu hetzen, wird seinem Zorn offenbar nicht mehr gerecht.

Er redet wie einer, der die Demokratie verachtet

Um sich herum in seiner Administration gewahrt der Präsident unterdessen «Verräter», die er am liebsten exekutieren möchte, sowie einen von feindseligen Schlapphüten bevölkerten «Deep State», der ihn politisch vernichten will. So aufgelöst und unbeherrscht kam Trump am Mittwoch daher, dass neuerlich Zweifel an seiner geistigen Befindlichkeit laut wurden mitsamt Befürchtungen, der Wütende werde bis zum Äussersten gehen, falls er in die Enge gedrängt werde.

Der Präsident werde alles niederreissen, falls man ihn niederreisse, bangte es dem Kolumnisten Frank Bruni in der «New York Times». Wer oder was aber könnte ihn beruhigen? Weggefährten und Mitarbeiter, denen er wirklich vertraut, hat Trump ausserhalb seiner Familie keine. Und die Demokraten werden nicht ablassen von ihren Ermittlungen, zumal die Chancen nicht schlecht stehen, dass weitere und für den Präsidenten eher ungünstige Informationen publik werden.

Offenbar ist es seiner Umgebung kaum mehr möglich, den Präsidenten zu dämpfen, ihn zu warnen, dass ihm seine Wortwahl und seine Tiraden erst recht zum Verhängnis werden könnten. «Wir albern nicht herum mit dem Impeachment», sagte Adam Schiff gestern. Es scheint, als habe Donald Trump noch immer nicht begriffen, was für ihn auf dem Spiel steht. Wenn der Präsident die Einleitung des Amtsenthebungsverfahrens mit einem «Staatsstreich» vergleicht, ängstigt er nicht nur seine politischen Gegner: So redet einer, der die legitimen Mechanismen der amerikanischen Demokratie verachtet.


Video: Kontakt nicht erwünscht

Donald Trump klapst den finnischen Präsidenten Sauli Niinistö aufs Knie, dem Gast im Weissen Haus gefällt das allerdings überhaupt nicht, wie er sofort zeigt. Video: AP

Erstellt: 03.10.2019, 19:29 Uhr

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