Happy Thanksgiving, Un-Vereinigte Staaten von Amerika

Donald Trump, Drogen, Klimawandel: Der vermeintlich friedliche Familienfeiertag birgt für viele Amerikaner viel Streit-Potential.

Einer der grössten Streitpunkte beim Thanksgiving Dinner: Donald Trump. Foto: Patrick Semansky/Keystone

Einer der grössten Streitpunkte beim Thanksgiving Dinner: Donald Trump. Foto: Patrick Semansky/Keystone

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Am amerikanischen Erntedankfest werden sich die Amerikaner wie stets im späten November über gebratene Truthähne hermachen. Thanksgiving steht vor der Tür. Kein anderer Feiertag, nicht einmal Weihnachten, führt Familien so zusammen und vereint sie in einem Moment der Dankbarkeit.

Aber so richtig wohl dabei ist vielen Amerikanern 2019 nicht. Obwohl die Wirtschaft einigermassen läuft und die Arbeitslosenrate auf einem Rekordtief ist, überwiegt ein Gefühl der Unsicherheit. Man wartet ab auf schwankendem Boden.

Sorgenvolle Blicke Richtung Washington

Robotisierung, das Heraufdämmern artifizieller Intelligenz, die unvermeidliche nächste Rezession, der Klimawandel als schon jetzt erlebte Realität: Eher zaghaft wird gefeiert, und sorgenvoll blickt manch einer nach Washington, wo die Polarisierung der politischen Lager mit dem Impeachment-Verfahren eine neue Dimension erreicht hat.

Rechtzeitig zum Feiertag erhielten die Amerikaner im renommierten «Journal of the American Medical Association» einen weiteren Dämpfer: Ihre Lebenserwartung sinkt, der Abstand zu Bürgern anderer westlicher Nationen wächst, wenngleich das amerikanische Gesundheitswesen das teuerste der Welt ist.

«Die Leute machen sich Sorgen, und das bewegt sie zu selbstzerstörerischem und ungesundem Verhalten»Ellen Meara, Gesundheitsexpertin

Nicht nur nimmt die allgemeine Lebenserwartung jetzt schon im dritten Jahr in Folge ab, besonders junge Amerikaner zwischen 25 und 34 Jahren sterben häufiger. Ursachen sind Drogenmissbrauch, Suizid, Leberschäden und andere Krankheiten. «Etwas Grundsätzliches, wie sich die Menschen fühlen», sei da im Spiel, sagte die Gesundheitsexpertin Ellen Meara von der Dartmouth University der «Washington Post»: «Die Leute machen sich Sorgen über sich selbst und ihre Zukunft, und das bewegt sie zu selbstzerstörerischem und ungesundem Verhalten.»

Natürlich macht die politische wie die soziale Polarisierung auch vor Thanksgiving nicht Halt. Schon vorab werden Pläne geschmiedet, wie der Familienfrieden gewahrt werden kann in einer Ära, die Menschen danach definiert, ob sie für oder gegen Trump sind. Wenn immer möglich wird Politik bei Tisch ausgeklammert, damit der evangelikale Trump-Fan aus Oklahoma nicht mit dem sozialistischen Bernie-Anhänger aus Kalifornien zusammenprallt und das Fest dadurch ruiniert wird.

Beim Dinner nicht über Politik reden

Die Verständigung über die Gräben hinweg ist schwierig geworden, weshalb Schweigen oft Gold ist. Dass Trump vom lieben Gott «auserwählt» sei, wie der ehemalige Energieminister Rick Perry kürzlich behauptete, verträgt sich kaum mit der gegenteiligen Ansicht, der Präsident sei ein Schurke der Extraklasse und eine nationale Schande. Also lieber die Debatte im Keim ersticken und reichlich gefüllten Truthahn und Cranberrys servieren.

Für die amerikanische Seele gibt es derzeit wenig Balsam, ein Blick zurück aber verleiht Zuversicht: Wenn immer die Nation bedrängt wurde oder sich spaltete und die Zukunft ungewiss schien, schob sie sich irgendwann mit reformatorischem Eifer vorwärts. Ob der progressive Aufbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ob Franklin Roosevelts New Deal oder die Bürgerrechtsbewegung vor 50 Jahren: Das amerikanische Projekt bewegt sich weiter, trotz Donald Trump wird es nicht aus dem Gleis laufen. Happy Thanksgiving!

Erstellt: 27.11.2019, 13:32 Uhr

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