Die Vergreisten Staaten von Amerika

Amerikaner sind in vielen Dingen besessen von der Jugend. Doch die Politik des Landes dominieren Menschen, die bald 80 Jahre alt sind. Wie kann das sein?

Der nächste Präsidentschaftswahlkampf könnte ein Kampf der Alten werden: Bernie Sanders (77) spricht an einer Wahlkampfveranstaltung in Michigan. Foto: Keystone

Der nächste Präsidentschaftswahlkampf könnte ein Kampf der Alten werden: Bernie Sanders (77) spricht an einer Wahlkampfveranstaltung in Michigan. Foto: Keystone

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Vielleicht beginnt man bei den nackten Fakten. Als Joe Biden (76) und Bernie Sanders (77) zur Welt kamen, waren das Farbfernsehen und das Mikrowellengerät noch nicht erfunden. Indien war eine Kolonie der Briten, in Europa wüteten Hitlers Armeen, und niemand wusste, was ein Bikini ist. Biden und Sanders sind Überlebende einer Zeit, die längst vergangen ist, und doch haben sie gute Chancen, in der kommenden US-Präsidentenwahl für die Demokratische Partei gegen Donald Trump anzutreten. Trump, der 2016 der bisher älteste Präsident bei Amtsantritt war, wird am Wahltag 2020 74 Jahre alt sein, Biden 77, Sanders 79 – Kampf der Silberrücken.

Ein Politiker, der sich mit Ende 70 in den Bundesrat wählen lassen will? In der Schweiz ist das heute undenkbar. In den USA hingegen wird über das biologische Alter von Biden, Sanders oder Trump bisher kaum diskutiert. Natürlich klopfen die Moderatoren in den Late-Night-Sendungen Sprüche. Jimmy Fallon liess Sanders in seiner Parodie des Senators sagen: «Viele meiner Konkurrenten wissen nicht, was unsere Verfassung bedeutet. Ich weiss es – ich war schliesslich dabei, als sie geschrieben wurde.» Sprüche, ja – aber eine ernsthafte Debatte darüber, wie sinnvoll es ist, dass sich ein Mann im achten Jahrzehnt seines Lebens am schwierigsten, stressigsten Job der Welt versucht? Findet nicht statt.

Video: Biden, Sanders oder doch eine weibliche Kandidatin?

Biden, Sanders oder doch eine weibliche Kandidatin? Die Videoanalyse von US-Korrespondent Alan Cassidy zu den demokratischen Bewerbern, die 2020 gegen Donald Trump antreten wollen. (Video: Alan Cassidy und Adrian Panholzer)

Nicht einmal bei den Amerikanerinnen und Amerikanern der jüngeren Generation. Als Monica Liu (25) geboren wurde, sass Biden schon mehr als 20 Jahre im Senat. Heute wartet die Studentin mit einigen Freundinnen vor einem Gewerkschaftslokal in Pittsburgh, wo Biden gleich seine erste Wahlkampfrede halten wird. Bevor sie entscheide, ob sie Biden wähle, wolle sie sich erst anhören, was der zu den Themen zu sagen habe, die sie interessierten: Mindestlohn, Waffengesetze, Klimawandel. Aber sein Alter? «Da habe ich keine Bedenken», sagt Liu. «Er sieht doch ziemlich gut aus.» Auch Sanders hat bei den jungen Amerikanern keine Probleme, im Gegenteil: Seine Anhängerschaft besteht aus überdurchschnittlich vielen jüngeren Wählern.

Auch er will US-Präsident Trump herausfordern: Der 76-jährige Joe Biden. Foto: Reuters

Die USA sind in vielerlei Hinsicht ein Land, das besessen ist von der Jugend. Seine Einwohner feiern die Nerds im ­Silicon Valley, die schon mit Mitte 20 Konzerne anführen, die reicher sind als mancher Staat. Sie verfolgen gebannt, wie Exzentriker nach Methoden forschen, um den Tod zu überwinden. Sie geben jährlich 16 Milliarden Dollar für chirurgische Eingriffe aus, die sie ­jünger und schöner machen sollen. In der Werbung, in Hollywood, im Sport, in der Geschäftswelt: Überall ist Jugend Trumpf. Nur in der Politik, da herrschen die Alten.

Das hört nicht beim Kampf um die Präsidentschaft auf. Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, ist 79 Jahre alt. Mitch McConnell, Mehrheitsführer im Senat, ist 77, Chuck Grassley, Senator aus Iowa, ist 85. Dianne Feinstein, Senatorin aus Kalifornien, feiert in einigen Wochen ihren 86. Geburtstag. Fast sämtliche der einflussreichsten Politiker in Washington haben das Pensionsalter längst überschritten, besonders im Senat, wo die Politiker erst nach mehreren Amtszeiten überhaupt die begehrten Ausschussvorsitze übernehmen dürfen.

«Die USA sind eine Gerontokratie. Die Gründerväter legten das System von Anfang an darauf aus.»John Seery, Professor für politische Theorie

Das hat durchaus das Potenzial für Peinlichkeiten und führt zu Momenten, in denen allen klar wird, was das tatsächlich bedeutet. Zum Beispiel vergangenen Frühling: Der Senat hatte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vorgeladen, um ihn zum Geschäftsmodell des Konzerns zu befragen. Wie denn die Plattform überhaupt Geld verdiene, wo sie für ihre Benutzer doch kostenlos sei, fragte der damals 84-jährige Senator Orrin Hatch. «Senator, wir schalten Werbung», antwortete Zuckerberg. Selten zeigte ein Wortwechsel die Weltferne des politischen Betriebs so deutlich.

Das Alter soll Weisheit bringen

John Seery (61) braucht nur einen Satz, um all dies zu beschreiben. «Wir sind eine Gerontokratie», sagt er. Seery ist Professor für politische Theorie am Pomona College in Kalifornien. Viele Demokratien litten darunter, dass ihre älteren Bürger einen überdurchschnittlich grossen Einfluss hätten, aber in den USA sei dies besonders ausgeprägt. «Unsere Gründerväter haben dies von Anfang an ins System eingebaut.» Die im Jahr 1787 geschriebene Verfassung hält fest, dass sich nur ins Repräsentantenhaus wählen lassen kann, wer mindestens 25 Jahre alt ist. Kandidaten für den Senat müssen 30 Jahre oder älter sein. Und Präsident oder Präsidentin werden kann nur, wer mindestens 35 Jahre alt ist. «So wird ein grosser Anteil der Bevölkerung zu Bürgern zweiter Klasse gemacht.»

Die Höhe dieser Altersgrenzen war damals willkürlich gewählt, und sie war verbunden mit der Überzeugung, dass Weisheit nur mit einem gewissen Alter zu erreichen sei. Er selbst sei mit 21 unfähig gewesen, also müssten es auch die meisten anderen 21-Jährigen sein: So lautete die Begründung von George Mason, einem der Vordenker der Staatsgründer, auf den die Alterslimiten massgeblich zurückgehen. Wie hoch dabei die Untergrenze von 35 Jahren für das Präsidentenamt angesetzt war, wird klar, wenn man sich die durchschnittliche Lebenserwartung im Amerika des späten 18. Jahrhunderts vor Augen hält: Sie betrug je nach Schätzung zwischen 33 und 37 Jahren.

Bezeichnete sich kürzlich als «jungen Mann»: Der 72-jährige Donald Trump. Foto: AP/Keystone

Vor einigen Jahren schrieb Seery ein Buch, in dem er die Abschaffung der Alterslimiten forderte – als einer der Ersten überhaupt, wie er sagt: «Soweit ich die Geschichte überblicke, war das sonst nie ein Thema.» Seery besuchte Universitäten im ganzen Land und stellte fest: «Die Vorstellung, dass die Ausübung eines politischen Amts ein gewisses Alter erfordert, hat sich tief eingebrannt.» Nicht nur bei den älteren Amerikanern, sondern auch bei den Jüngeren. «Ich diskutierte mit Studenten, die mir sagten: Ich würde niemals einen faulen Millennial wählen.» Amerika möge seine jungen Menschen, sagt Seery, «aber den Autoschlüssel für die Staatskarosse vertrauen wir ihnen nicht an».

Gross ist dafür das Vertrauen, das die Amerikaner dem Typus des Wise Old Man entgegenbringen, dem weisen alten Mann. Er taucht in der US-Politik oft in der Gestalt des Beraters von Präsidenten auf. Von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson wusste man, dass sie sich in aussenpolitischen Krisen von altgedienten Politikern und Generälen wie Dean Acheson und Omar Bradley anleiten liessen. Und gross ist vor allem auch das Vertrauen darauf, dass ältere Politiker selbst dann noch handlungsfähig sind, wenn sie körperlich und geistig schon sichtbare Zerfallserscheinungen zeigen. In Washington feierten 2009 viele den schwer kranken Senator Robert Byrd (92), den die Demokraten im ­Rollstuhl in den Ratssaal schoben, damit er dort eine entscheidende Stimme abgeben konnte.

Gegen Altersdiskriminierung

Nur ab und zu stört dann doch mal einer die Ruhe. Robert Kaiser (76) arbeitete fast 50 Jahre bei der «Washington Post», bis er 2014 in den Ruhestand ging. Vor einigen Wochen veröffentlichte er in der Zeitung einen langen Beitrag, in der er die Frage aufwarf: Kann jemand schlicht zu alt sein für das Präsidentenamt? Kaiser sprach darüber mit verschiedenen Gerontologen und Neurologen. Welchen Aspekt von geistiger Leistungsfähigkeit man auch betrachte: In den allermeisten Bereichen schnitten Menschen über 70 im Vergleich zu Jüngeren deutlich schlechter ab. Trotzdem diskutiere man über Geschlecht, Ethnizität oder Klasse, aber niemals über das Alter, zitiert Kaiser den Gerontologen Harry R. Moody: «Das ist seltsam.»

«Wenn einer zwei höllische Jahre Wahlkampf durchsteht, hat er das Zeug zum Präsidenten.»Eric Schneidewind, Anwalt und Lobbyist für Pensionäre

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass kritische Aussagen über das Alter einer Person rasch als «ageism» taxiert werden, als Diskriminierung auf Grundlage des Alters. «Und eine solche Diskriminierung», sagt Eric Schneidewind (73), «ist nicht akzeptabel.» Schneidewind war bis vor kurzem Präsident des Verbands AARP, der Amerikanischen Vereinigung der Pensionäre. Das Alter sei kein taugliches Mass, um die Leistungsfähigkeit einer Person zu bewerten, sagt er. «Wenn ein Politiker die zwei höllischen Jahre durchsteht, die ein Präsidentschaftswahlkampf mit sich bringt, hat er bewiesen, dass er das Zeug für dieses Amt hat.» Es gebe in den USA kein Tabu, was die Rolle alter Menschen in der Politik betreffe. Im Gegenteil: «In unserem System bewerten wir Kandidaten nach ihrer individuellen Leistung, nicht nach dem Alter. Wir haben die Diskriminierung, die es anderswo vielleicht gibt, also überwunden.»

Es ist eine optimistische Lesart – und eine sehr amerikanische.

Erstellt: 04.05.2019, 10:58 Uhr

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