Die Wut der Überlebenden

Emma Gonzalez hat den Amoklauf von Parkland überlebt. Nun zieht sie und ihre Mitschüler gegen die US-Waffenlobby in den Kampf.

Wurde mit ihrer Rede berühmt: Die Schülerin Emma Gonzalez. (Video: Tamedia/AFP)

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Bis vor wenigen Tagen war Emma Gonzalez eine ganz normale Schülerin der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, einer Kleinstadt am Rand der Everglades von Florida. Dann musste sie mit ansehen, wie einer ihrer ehemaligen Mitschüler am vergangenen Mittwoch die Schule betrat und 17 Teenager und Erwachsene erschoss.

Gonzalez überlebte. Und mit einer Rede, die sie am Wochenende an einer Kundgebung von Schülern hielt, wurde die 18-Jährige zur Stimme all jener Menschen in Amerika, die nach einem weiteren Massaker an einer Schule nicht einfach weitermachen wollen wie bisher.

Gonzalez, im Tanktop und mit kurz geschorenem Haar, redete nicht über ihre Trauer und Bestürzung. Sie redete auch nicht in den üblichen Floskeln, die sonst nach jedem dieser Ereignisse zu hören sind.

Gonzalez redete über ihre Wut. Ihre Wut auf die Polizei und die Behörden, die alle Warnungen vor dem Täter ignoriert hatten. Und ihre Wut auf all die von der Waffenlobby unterstützten Politiker, die jetzt wieder abzulenken versuchten vom wahren Problem: dem Wahnsinn der amerikanischen Waffenkultur. «Schande über euch!», rief Gonzalez, «Schande über euch!», riefen auch die Schüler in der Menge.

«Das ist Bullshit!»

Aufgeschrieben hatte Gonzalez ihre Worte von Hand, und während sie sprach, wischte sie sich alle paar Sekunden eine Träne aus dem Gesicht. Das war keine routinierte Politikerin, die da auf dem Podium stand – und vielleicht war genau das der Grund, dass sich ihre von den grossen Fernsehsendern übertragene Rede innert Stunden rasant verbreitete.

Es sei «Bullshit», zu behaupten, dass strengere Gesetze keine Wirkung hätten im Kampf gegen Waffengewalt. Es sei «Bullshit», halb automatische Gewehre mit Autos zu vergleichen, die für sich gesehen keine Menschen töteten. Und es sei «Bullshit», so tun, als wolle man sinnlose Taten wie jene von Parkland mit psychischen Erkrankungen erklären, wie das jetzt wieder geschehe.

Republikaner hoben Obamas Gesetz auf

Damit meinte Gonzalez vor allem Präsident Donald Trump. Der brachte es fertig, in einer sieben Minuten langen Ansprache nach der Tat kein einziges Mal das Wort Waffe zu erwähnen. Und sie meinte die republikanischen Abgeordneten im Kongress. Diese hoben vor genau einem Jahr ein Gesetz aus der Amtszeit Barack Obamas wieder auf, das den Zugang zu Waffen für psychisch Kranke erschwert hatte. «Kommen Sie mir also nicht damit, dass dies eine Tragödie sei, die nie hätte passieren dürfen», sagte Gonzalez an die Adresse von Trump: «Das ist Bullshit.»

Um ihre Botschaft nach Washington zu tragen, organisieren Gonzalez und ihre Mitschüler nun für den 24. März einen Protestmarsch in der Hauptstadt. «Das ist unsere Gelegenheit, den Politikern zu sagen: Dieses Mal verschwindet das Thema nicht so schnell», sagte Gonzalez in einer Talkshow im Sonntagsfernsehen. «Dafür kämpfen wir.»


Kommentar zum Amoklauf von Parkland: «Die Nation, die Morde an Schulen abgestumpft zur Kenntnis nimmt»

«US-Amerikas verlustreichster Krieg findet nicht in Afghanistan statt. Er fand auch nicht im Irak oder in Vietnam statt. Er tobt zu Hause», schreibt US-Korrespondent Martin Kilian.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2018, 21:13 Uhr

Die 18-jährige Emma Gonzalez

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