Diese Kampfjet-Pilotin fliegt einen Einsatz gegen Trump

20 Jahre lang diente sie in der Marine, unter anderem im Irak. Nun will Amy McGrath für die Demokraten Kentucky erobern – als erste Frau.

War die erste Frau, die für die USA eine F/A-18 im Kriegseinsatz geflogen hat: Amy McGrath vor einem Kampfjet der US-Marine. Foto: Amy McGrath

War die erste Frau, die für die USA eine F/A-18 im Kriegseinsatz geflogen hat: Amy McGrath vor einem Kampfjet der US-Marine. Foto: Amy McGrath

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Den Pferden geht es prächtig. Sie stehen auf den Wiesen und glänzen im goldenen Oktoberlicht, als seien sie aus Bronze. Sie rupfen zufrieden an Heuballen. Dass um sie herum so etwas wie eine Schlacht tobt, ist ihnen egal. Pferde haben diesen Landstrich in Kentucky reich gemacht. Pferde und Whiskey.

Über die Hügel sind Gestüte hingebreitet, deren Ställe Palästen gleichen. Seit Generationen werden hier Rennpferde gezüchtet. Einige der besten Galopper aller Zeiten stammen aus dieser Gegend um die Stadt Lexington herum. An den Flüsschen, die das Land durchschneiden, liegen Destillerien, manche sind hundert oder zweihundert Jahre alt. In Kupferkesseln wird dort aus Maismaische der berühmte Kentucky Straight Bourbon gebrannt.

In diesem lieblichen Land hätte Amy McGrath in Ruhe leben können. Sie mag Pferde, sie trinkt gern Bourbon, und sie hätte es sich verdient. Zwanzig Jahre lang war McGrath beim Militär, fast ihr halbes Leben lang. 1997 trat sie in die Marineinfanterie ein, da war sie 22. Sie wurde Pilotin und war die erste Frau, die ein Kampfflugzeug vom Typ F/A-18 im Kriegseinsatz geflogen hat.

89 absolvierte Kampfmissionen: Amy McGrath steigt in ihren Kampfjet ein. Foto: Amy McGrath

Sie war in Afghanistan im Einsatz, im Irak, dann wieder in Afghanistan. 89 Kampfmissionen hat McGrath hinter sich. 2017 verliess McGrath die Armee hoch dekoriert. Es wäre also verständlich, wenn sie jetzt, mit 43 Jahren, etwas mehr Zeit mit ihren drei kleinen Kindern verbringen wollte.

Rammbock gegen Trumps Mauer

Aber Amy McGrath kämpft wieder. In knapp drei Wochen ist Kongresswahl, die Amerikaner wählen das gesamte Abgeordnetenhaus sowie ein Drittel des Senats neu. Und einen der 435 Sitze im Repräsentantenhaus will McGrath erobern. Sie ist die Kandidatin der Demokraten im 6. Wahlbezirk von Kentucky. Der Wahlkreis wird seit sechs Jahren von einem Republikaner namens Andy Barr vertreten, einem Anwalt, der aus einer alten Familie in Lexington stammt.

Barr kennt sich aus in den Country-Clubs der Gegend, er ist mit den mächtigen Züchtern befreundet, jedes Jahr schlürft er mit ihnen Mint Juleps beim Kentucky Derby, einem der wichtigsten Pferderennen der Welt. Ihn muss McGrath besiegen. Und genau das hat sie vor. Auf den Mützen und Fleece-Pullis, die sie trägt, prangt ein Abzeichen: ein roter Kreis, darin in Blau die Umrisse eines Kampfjets. «90th mission» steht darunter – der 90. Einsatz. Andy Barr ist bei dieser Mission allerdings nicht das einzige Ziel. McGrath führt zwar Wahlkampf gegen ihn. Doch eigentlich ist ihr Gegner einer anderer Mann: Donald Trump. «Bei dieser Wahl steht die Seele Amerikas auf dem Spiel», sagt sie. «Es geht darum, wer wir als Amerikaner sein wollen. Und wen wir als unseren Anführer akzeptieren. Wollen wir jemanden, der pausenlos lügt und das Land spaltet?»

23 Sitze bis zu Trumps Albtraum

Der Präsident steht am 6. November nicht auf dem Wahlzettel. Trotzdem wissen alle, dass diese Wahl ein Referendum über Trump ist. Derzeit beherrschen die Republikaner das Abgeordnetenhaus und den Senat, und diese Mehrheiten schützen den Präsidenten wie ein Wall. Die Demokraten können nur voller Zorn zuschauen, wie er alles schleift, was sein Vorgänger Barack Obama aufgebaut hat. Aber sie können in der Opposition nichts dagegen tun.

Doch wenn die Umfragen stimmen, dann haben die Demokraten eine reelle Chance, in drei Wochen zumindest im Repräsentantenhaus die Macht zu übernehmen. Das wäre, als würden sie mit einem Rammbock eine Bresche in Trumps Schutzmauer schlagen.

Bilder: Die USA wählen ihren Kongress (2016)

Der Präsident könnte dann kein Gesetz mehr durch den Kongress bringen. Stattdessen würden die Demokraten ihn mit Untersuchungsausschüssen jagen, die jeden Skandal ausleuchten, in den Trump je verwickelt war. Die Hürde, die Trump von diesem Albtraum trennt, ist nicht besonders hoch: 23 Sitze müssen die Demokraten den Republikanern wegnehmen, dann gehört das Abgeordnetenhaus ihnen. 23 von 435.

Entscheid in der Wahlnacht 2016

Wenn die Demokraten das schaffen, dann verdanken sie das vor allem Frauen. Frauen, die bei dieser Wahl für die Demokraten kandidieren. Frauen, die bei dieser Wahl für die Demokraten stimmen. Frauen, die genug haben von Donald Trump, von seinem sexistischen, rassistischen Geschwätz, von seinen Lügen und seiner Hetze. Amy McGrath ist eine dieser Frauen.

Als Donald Trump im November 2016 die Präsidentschaftswahl gewann, hatte McGrath ihre 20 Dienstjahre beim Militär fast hinter sich. Sie lehrte damals an der Marineakademie in Annapolis, nach der Entlassung wollte sie mit ihrem Mann zurück nach Kentucky ziehen, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Kinder sollten zwischen Pferdeweiden gross werden.

Mutter von drei Kindern: Amy McGrath mit ihrer Familie. Foto: Amy McGrath

Das war der Plan. Trumps Sieg warf diesen Plan über den Haufen. Am 1. Juni 2017 schied McGrath aus dem Marine Corps aus. Zwei Monate später gab sie ihre Kandidatur für einen Sitz im Abgeordnetenhaus für die Demokraten bekannt. Dabei wollte sie gar nie Politikerin werden.

Eine laute, wütende Stimme

Schon in der Wahlnacht habe sie jedoch den Entschluss gefasst, dass sie etwas tun müsse, sagt McGrath. Ihr Mann, ein ehemaliger Marineoffizier, ist Republikaner, aber der sei von Trump genauso entsetzt gewesen wie sie, erzählt sie. Wenn sie jetzt Wahlkampf macht, redet McGrath viel über Dinge, die die Menschen im Alltag umtreiben. Tief drinnen jedoch wird sie angetrieben von ihrer Verachtung für Donald Trump und ihrer Sorge, was der in Amerika anrichtet. Sie nennt Trump nicht beim Namen, wenn sie über ihn spricht. Er war ihr Oberbefehlshaber, und er ist für sie immer noch der demokratisch gewählte Präsident ihres Landes. Sie hat Achtung vor dem Amt.

Aber McGraths Stimme wird laut und wütend, wenn sie über den Amtsinhaber redet. An Trump findet sie nichts, was sie respektieren könnte. «Der Eigennutz, die Lügen, diese Ansicht, dass Frauen nur Sexpuppen sind, die Vorstellung, dass Charakter unwichtig ist und man nur die Wahrheit sagt, wenn es einem gerade in den Kram passt – gegen so ein Verhalten habe ich mein ganzes Leben lang gekämpft.»

Kampf im konservativen Kernland

Und auch den vielen Frauen, die zu McGraths Auftritten kommen, merkt man an, dass für sie Donald Trump der wichtigste Grund ist, bei dieser Wahl für die Demokraten zu stimmen. So wie McGrath haben sich in diesem Jahr im ganzen Land Frauen entschieden, für die Demokraten zu kandidieren, um Republikaner aus dem Amt zu jagen. 183 Kandidatinnen schickt die Partei bei der Kongresswahl ins Rennen, so viele wie noch nie. Nicht alle von ihnen werden gewinnen, und etliche treten in Wahlkreisen an, die schon jetzt demokratisch sind. Aber es gibt mindestens vier, fünf Dutzend Wahlkreise, die derzeit von Republikanern gehalten werden und die am 6. November an Demokratinnen gehen könnten.

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Der Wahlkreis Kentucky-6, in dem McGrath antritt, gehört dazu. Den Umfragen zufolge liegt sie mit Barr derzeit etwa gleichauf. Das ist nicht schlecht, gemessen daran, dass hier überhaupt noch nie eine Frau gewonnen hat und der Republikaner zweimal mit etwa 60 Prozent wiedergewählt worden ist. Auch dass McGrath deutlich mehr Wahlspenden eingesammelt hat als Barr, knapp sieben Millionen Dollar insgesamt, ist für sie ein ermutigendes Zeichen. Und ähnliche Bezirke gibt es überall, von Pennsylvania und Ohio über Michigan, Iowa und Kansas bis Kalifornien.

Die Republikaner wissen natürlich, dass sich da eine gefährliche Welle vor ihnen auftürmt. Die Partei hat bereits eine ganze Reihe von Kandidaten aufgegeben. Ihnen wurden die Wahlkampfzuschüsse gestrichen, um kein Geld in aussichtslosen Kämpfen zu verschwenden. Um Andy Barrs Sitz schlagen die Republikaner allerdings eine harte, gnadenlose Schlacht. Kentucky ist für sie nicht irgendein Bundesstaat, sondern konservatives Kernland. Mitch McConnell, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, stammt von hier. Donald Trump hat den Staat vor zwei Jahren mit 63 Prozent gewonnen, 30 Prozentpunkte mehr geholt als die Demokratin Hillary Clinton. Wenn die Bastion Kentucky bröckelt, was bleibt den Republikanern dann noch?

Keine gruselige Werbespots

Also lügen sie. Und sie machen den Wählern Angst. Amy McGrath sei eine linksradikale Sozialistin, behaupten die Republikaner. Sie bombardieren die Menschen im Radio und im Fernsehen mit gruseligen Werbespots, in denen sie angeblich die «echte Amy McGrath» entlarven: Amy McGrath ist für Abtreibung. Amy McGrath will die Grenzen für illegale Einwanderer öffnen und die Steuern erhöhen. Amy McGrath vertritt nicht «unsere Werte».

Nichts davon stimmt. McGrath ist keine besonders linke Demokratin, schon gar keine verbissene Ideologin. Die Parteizentrale in Washington war anfangs gar nicht so begeistert, dass sie kandidiert – zu wenig Stallgeruch, zu unabhängig. McGrath ist Katholikin, Abtreibungen findet sie falsch, aber sie ist der Ansicht, dass Frauen darüber selbst entscheiden sollen, nicht der Staat. Sie war zwei Jahrzehnte bei der Armee, «und ausgerechnet ich soll nicht wissen, wie wichtig es ist, unsere Grenzen zu schützen?» Vor allem aber ist sie Patriotin. «Ich habe Freunde im Krieg verloren», sagt sie. «Wenn ich etwas bin, dann Amerikanerin. Und was Trump tut, macht mich als Amerikanerin traurig.»

«Ich will nicht wie Trump sein»

Trotzdem hoffen die Republikaner, dass etwas hängen bleibt, wenn sie Amy McGrath mit Dreck bewerfen. Das mag eine verzweifelte Strategie sein, aber das bedeutet nicht, dass sie wirkungslos ist. Vor ein paar Tagen kam sogar Trump persönlich nach Kentucky, um für Barr Wahlkampf zu machen. Der Präsident war dann leider so von dem vielen Lob hingerissen, das er über sich selbst ausschüttete, dass er fast vergass, den Kandidaten seiner Partei zu erwähnen.

Manchmal fragt McGrath sich, ob sie härter zurückschlagen sollte. Mit kruden Wahlwerbespots, in denen sie Lügen über ihren Gegner verbreitet. Es gibt Spezialisten dafür, die sie anheuern könnte, und viele Demokraten würden sich darüber freuen. «Aber dann wäre ich wie Trump», sagt sie. «Und ich will nicht wie Trump sein.»

Erstellt: 18.10.2018, 10:12 Uhr

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