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Dzhokhar Tsarnaev ist wach

Der jüngere der beiden mutmasslichen Boston-Attentäter ist bei Bewusstsein und beantwortet Fragen schriftlich. Trotzdem ist sein Zustand weiterhin kritisch.

Noch immer ist unklar, ob sie allein handelten: Der getötete Tamerlan (l.) und der verhaftete Dzhokhar Tsarnaev.
Noch immer ist unklar, ob sie allein handelten: Der getötete Tamerlan (l.) und der verhaftete Dzhokhar Tsarnaev.
AFP
Wurde vom FBI befagt: Katherine Tsarnaeva mit ihrem Anwalt. (29. April 2013)
Wurde vom FBI befagt: Katherine Tsarnaeva mit ihrem Anwalt. (29. April 2013)
AP
Anzor Tsarnaev, Vater der beiden Attentäter, kann es nicht fassen: «Meine Söhne sind strenggläubige Muslime.» (19. April 2013)
Anzor Tsarnaev, Vater der beiden Attentäter, kann es nicht fassen: «Meine Söhne sind strenggläubige Muslime.» (19. April 2013)
Keystone
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Der mutmassliche Attentäter des Bostoner Marathons ist nach Informationen mehrerer US-Medien wieder bei Bewusstsein. Der schwer verletzte 19-jährige Dzhokhar Tsarnaev reagiere von Zeit zu Zeit auf die Fragen der Ermittler, berichtete der Sender ABC. Demnach schreibt er seine Antworten nieder. Laut dem Sender befragen ihn die Ermittler zu möglichen Komplizen und weiteren noch nicht explodierten Sprengsätzen.

Ähnliches berichteten auch die NBC News sowie die Zeitung «USA Today». Der Bürgermeister von Boston, Thomas Menino, hatte wenige Stunden vorher noch Zweifel geäussert, ob Tsarnaev jemals befragt werden könnte. Der 19-Jährige hat schwere Genickverletzungen. Die Ermittler vermuten, dass der gebürtige Tschetschene sich auf der Flucht durch einen Schuss in den Mund selbst töten wollte. Er wird im selben Krankenhaus behandelt wie die Verletzten der Bostoner Anschläge.

Die US-Behörden wollten allerdings bis Sonntagabend (Ortszeit) keine Angaben über eine etwaige Vernehmung Dzhokhar Tsarnaevs machen. Ein Mitglied des Geheimdienstausschusses des Senats, Dan Coats, sagte, Tsarnaevs Verletzung am Hals werfe die Frage auf, ob er jemals wieder sprechen könne. «Das heisst nicht, dass er nicht kommunizieren kann», erklärte Coats im Fernsehsender ABC. «Aber zum jetzigen Zeitpunkt denke ich, dass er in einem Zustand ist, in dem wir von ihm überhaupt keine Information bekommen können.»

Todesursache des Bruders noch unklar

Die Gerichtsmedizin des US-Staates Massachusetts hat bis Sonntagabend die Todesursache eines der beiden mutmasslichen Bombenleger von Boston, Tamerlan Tsarnaev, noch nicht geklärt. Das teilte ein Sprecher des Amtes für öffentliche Sicherheit mit. Nach Angaben der Polizei wurde Tamerlan am Freitag von seinem Bruder bei der Flucht überfahren.

Nach dem Bombenanschlag beim Boston-Marathon am vergangenen Montag ist Dzhokhar Tsarnaev, der jüngere der mutmasslichen Attentäter, Augenzeugen zufolge an seine Universität zurückgekehrt. Er habe sich verhalten, als sei nichts gewesen.

Dies berichtete die Zeitung «Boston Globe» in ihrer Internetausgabe unter Berufung auf Mitstudenten. Dzhokhar Tsarnaev habe in seinen Seminaren an der University of Massachusetts Dartmouth gesessen, während die Ermittler fieberhaft nach den Tätern des Anschlags fahndeten, bei dem drei Menschen getötet und mindestens 170 verletzt wurden.

Fitnessraum und danach Party

Der 19-Jährige sei ganz er selbst gewesen, habe im Fitnessraum trainiert und sei abends sogar auf eine Party gegangen. «Er war völlig entspannt», sagte eine Mitstudentin der Zeitung. Tsarnaev habe auch bis zum Donnerstag im Studentenwohnheim übernachtet.

Die US-Ermittler sind derweil überzeugt, dass die zwei Brüder, Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev, den Bombenanschlag auf den Marathon von Boston vor einer Woche verübt haben. Wann Dzhokhar Tsarnaev verhört werden kann, war völlig unklar. Seinen Zustand bezeichneten die Ärzte als «ernst». Im Bostoner Beth Israel Deaconess Medical Center, in dem er untergebracht ist, werden derzeit auch noch elf Opfer des Bombenanschlags behandelt. Die US-Bundespolizei FBI wies das Krankenhauspersonal an, keine weiteren Informationen über seinen Zustand oder die Art seiner Verletzungen zu geben. Unklar war, ob der 19-Jährige überleben würde.

Einsatz von Massenvernichtungswaffen

Auch wie die Anklage gegen ihn lauten soll, wurde bisher nicht mitgeteilt. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama signalisierte jedenfalls, schnell ein Strafverfahren gegen Dzhokhar Tsarnaev einleiten zu wollen. Der schwerstwiegende Vorwurf gegen den 19-Jährigen könnte der Einsatz von Massenvernichtungswaffen sein, was die Todesstrafe nach sich ziehen könnte. Im Staat Massachusetts gibt es sie allerdings nicht. Als US-Bürger kann Tsarnaev nicht vor ein Militärgericht gestellt werden.

Ermittler planten ein erstes Verhör, ohne ihn zuvor über seine Rechte aufzuklären, hiess es. Üblicherweise kann ein Verdächtiger die Aussage verweigern und sich einen Anwalt nehmen. Eine Strafverteidigerin des Staats Massachusetts, Miriam Conrad, forderte derweil, Tsarnaev schnell einen Anwalt zur Seite zu stellen. Der republikanische Abgeordnete Mike Rogers, selbst ein ehemaliger FBI-Agent, sagte dem Sender NBC, die Beweise gegen den Verdächtigen seien so erdrückend, dass eine Verurteilung kein Problem darstellen sollte.

Seelenruhig weggelaufen

Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, sagte dem Sender, Aufnahmen von Überwachungskameras zeigten, wie Dzhokhar Tsarnaev seinen Rucksack mit der darin befindlichen Bombe abstelle und dann seelenruhig weggehe. «Es scheint ziemlich klar, dass er den Rucksack vom Rücken nahm, ihn hinstellte, nicht reagierte, als die erste Bombe hochging, und sich dann rechtzeitig vor der zweiten Explosion vom Tatort entfernte», sagte Patrick am Sonntag.

Präsident Obama versprach, die Ermittler würden das Motiv der Tat aufklären. «Die Familien der so sinnlos Getöteten verdienen Antworten», sagte er und bezeichnete die Brüder als «Terroristen». Die Festnahme schliesse ein wichtiges Kapitel, aber es blieben viele Fragen offen, sagte Obama. Auch die, ob die Brüder Hilfe von aussen hatten oder im Alleingang handelten.

sda/AFP/mrs/chk/fko

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