Ein Kapitän für stürmische Zeiten

Joe Biden steht offenbar kurz davor, seine Kandidatur für die US-Präsidentschaft zu erklären. Was für den 76-Jährigen spricht – und was gegen ihn.

Erfahren und kompromissbereit – aber noch nicht Kandidat: Joe Biden spricht vor Feuerwehrleuten in Washington. Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

Erfahren und kompromissbereit – aber noch nicht Kandidat: Joe Biden spricht vor Feuerwehrleuten in Washington. Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

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«Run, Joe, run!», riefen die Feuerwehrleute, «Run, Joe, run!», stand auf den Schildern, die sie in die Höhe hielten. So heisst eine in Amerika populäre Fernsehserie aus den 70er-Jahren über einen gleichnamigen Schäferhund, aber das war nicht das, was die Männer und Frauen der International Association of Fire Fighters meinten. Auf der Bühne vor ihnen stand am Dienstag Joe Biden, der Veteran der Demokratischen Partei. Schon eine gefühlte Ewigkeit spielt er mit dem Gedanken, für die Präsidentschaft zu kandidieren. Nun, so die Ermunterung der Feuerwehrleute, solle er endlich antreten. Biden tat ihnen den Gefallen nicht. «Hebt euch die Energie noch auf», sagte er, «ich werde sie womöglich in ein paar Wochen brauchen.»

Ein paar Wochen, ein paar Tage: Kaum jemand in Washington zweifelt noch daran, dass Biden seine Kandidatur bald bekannt geben wird. Mehr als ein Dutzend Bewerber gibt es bei den Demokraten bereits, doch Bidens Eintritt in das Rennen um die Nomination der Partei würde vieles verändern. Der 76-Jährige wäre auf einen Schlag in der Rolle des Favoriten. Laut der Website FiveThirtyEight liegt er in 25 von 26 Umfragen unter demokratischen Parteigängern an der Spitze. Das hat damit zu tun, dass Biden schlicht viel bekannter ist als die meisten anderen Interessenten. Das hat aber auch damit zu tun, dass es aus demokratischer Sicht durchaus Gründe gibt, ihn zum Herausforderer von Donald Trump zu bestimmen.

Da ist erstens Bidens Erfahrung. In seinen acht Jahren als Vizepräsident von Barack Obama und in seinen vielen Jahren als Senator zuvor eignete er sich ein praktisches Politikwissen an, das ihn von allen Konkurrenten abhebt. Er wäre eine sichere Hand in unsicheren Zeiten, stabilisierend gegen innen und gegen aussen, wo es gilt, bei den verstörten Verbündeten Amerikas wieder Vertrauen zu schaffen: So zumindest stellen es Bidens Unterstützer dar. «Wir brauchen einen Kapitän, der uns durch stürmische See führen kann», schrieb der demokratische Stratege Peter Fenn auf dem Portal «The Hill».

Waffe im Mittleren Westen

Da ist zweitens sein Profil. Biden politisiert am rechten Flügel der Demokraten, Forderungen wie jene nach einer staatlichen Einheitskrankenkasse trägt er nicht mit. Als Sozialist wird er sich schlecht abstempeln lassen. Das macht ihn für jene Wähler attraktiv, denen das jetzige Kandidatenfeld der Demokraten zu links ist. Vor allem aber pflegte er bisher einen anderen Stil: eher auf Kompromiss denn auf Konfrontation bedacht. «Ich habe in der ‹New York Times› gelesen, dass meine Kandidatur das Problem hätte, dass ich Republikaner mag», sagte er bei einem Auftritt vor einigen Wochen. «Na gut, in diesem Fall: Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt.» Solche Töne werden jene Leute gerne hören, die genug haben von der immer schärferen Polarisierung der jüngsten Zeit, an der auch die Demokraten eine Mitschuld tragen.

Und da ist drittens seine Herkunft. Trotz einer jahrzehntelangen Laufbahn als Berufspolitiker betont Biden gerne seine Wurzeln im Rostgürtel von Pennsylvania, wo er aufwuchs, bevor seine Familie an die Küste von Delaware zog. Biden, so das Kalkül, hätte als weisser Mann mit einer einfachen Sprache bessere Chancen, jene Wähler der Arbeiterschicht abzuholen, die die Demokraten 2016 an Trump verloren. In der Parteiführung scheint dieses Kalkül derzeit an Gewicht zu gewinnen: Diese Woche entschied sie, den Nominierungsparteitag in Milwaukee auszutragen, im Bundesstaat Wisconsin, der ebenfalls zur Kampfzone des Mittleren Westens gehört.


Bildstrecke: Die möglichen Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten

Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Gründe, warum Biden mit seiner Entscheidung so lange zögert. Da ist, natürlich, sein Alter: Als Biden 1973 zum ersten Mal als Senator vereidigt wurde, regierte im Weissen Haus Richard Nixon, und im Bundesrat sass noch Hans-Peter Tschudi, der Vater der AHV – eine untergegangene Welt. Und Bidens lange Karriere bietet eine Fülle von Material, das sich gegen ihn verwenden lässt. Die «Washington Post» erinnerte vergangene Woche daran, dass sich Biden 1975 gegen Massnahmen zur Aufhebung der Rassentrennung an Schulen ausgesprochen hatte. Er fühle sich nicht verantwortlich «für die Sünden meines Vaters und meines Grossvaters», sagte er, sondern für jene seiner eigenen Generation.

Und dann war da auch die unglückliche Weise, mit der Biden als Vorsitzender des Justizausschusses mit der Anhörung von Anita Hill umging, die 1991 Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den Bundesrichter Clarence Thomas erhob. Hill wurde damals von vielen Senatoren «diffamiert», wie Biden später einräumte.

Der Hipster-Kandidat

Möglich ist schliesslich, dass Bidens erwartete Ankündigung von einem anderen Demokraten überschattet wird: Beto O’Rourke steht nach Medienberichten ebenfalls kurz davor, seine Präsidentschaftskandidatur zu erklären. Sein Heimatsender KTSM twitterte am Mittwoch: «Es ist offiziell. Beto O'Rourke geht ins Rennen für die Präsidentschaft.»

Auch O’Rourke, der vergangenes Jahr in Texas beim Versuch unterlag, Senator Ted Cruz zu verdrängen, würde wohl um Wähler in der Mitte kämpfen. Im Vergleich zu Biden nimmt sich der politische Leistungsausweis des früheren Kongressabgeordneten allerdings bescheiden aus.

Dafür ist O’Rourke genau drei Jahrzehnte jünger, er wäre mehr auf der Linie des «kulturellen Zeitgeists», wie es die «Washington Post» nennt – der Hipster-Kandidat, der in diesen Tagen auf seinem Velo zu Auftritten am South-by-Southwest-Festival in Austin fährt. Manche bei den Demokraten träumen deshalb bereits von einem Zweierticket: Biden als Übergangspräsident, O’Rourke als sein Vize, der dann in vier Jahren übernimmt. Vorerst ist all dies nicht mehr als das: ein Traum.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.03.2019, 18:59 Uhr

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