Ein Lottogewinn für jeden feindlichen Nachrichtendienst

Ein Hackerangriff auf die US-Regierung trifft 21,5 Millionen Menschen. Die Entrüstung hält sich in Grenzen.

Hackerziel: Das Hauptquartier des Personalmanagements der US-Bundesverwaltung  in Washington. Foto: Andrew Harrer (Bloomberg)

Hackerziel: Das Hauptquartier des Personalmanagements der US-Bundesverwaltung in Washington. Foto: Andrew Harrer (Bloomberg)

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Zuerst Flugzeuge, dann Wertpapiere, jetzt Fingerabdrücke – kein Tag verging diese Woche ohne Meldung über einen neuen Hackerangriff. Am Mittwoch musste die US-Fluggesellschaft United Airlines aufgrund von «Schwierigkeiten mit der Netzwerkverbindung» alle Inlandflüge stoppen. Wenig später sprach die New Yorker Börse von technischen Problemen. Der Handel mit Wertpapieren wurde vorübergehend unterbunden. Als dann zeitgleich auch die Website des «Wall Street Journal» zusammenbrach, waren sich die Fernsehkommentatoren in den Mittagsnachrichten einig, dass hinter den IT-Problemen eine koordinierte Cyberattacke gegen die Vereinigten Staaten von Amerika stecken musste.

Diese drei Vorfälle, die sich alle als mehr oder weniger harmlose Störungen entpuppten, überschatteten den eigentlichen kriminellen Akt, bei dem es sich tatsächlich um einen geplanten Hackerangriff handelt, und zwar um den grössten in der Geschichte der US-Regierung: 21,5 Millionen Regierungsangestellte und deren Familien sind betroffen.

Hochsensible Akten

Der Datendiebstahl in der amerikanische Bundesverwaltung (OPM) ist letztes Jahr erfolgt, blieb aber lange unentdeckt. Im April war erst von vier Millionen Geschädigten die Rede, nach einer weiteren Überprüfung hat sich diese Zahl nun aber verfünffacht. Die Hacker haben sich Zugang zu hochsensiblen Akten verschafft und erbeuteten nicht nur Adressen, Geburtsdaten, Anstellungs- und Gehaltsinformationen, sondern, wie jetzt bekannt wurde, auch ­Sozialversicherungsnummern, Krankengeschichten, Fingerabdrücke und Informationen, die die Regierung für ­Sicherheitschecks zusammengetragen hat: Verurteilungen, Drogengebrauch, Adressen von Verwandten oder Kontakten im Ausland.

Nicht auszudenken, welche Missbrauchsmöglichkeiten durch diesen Diebstahl entstanden sind. Im Vergleich dazu ist der Hackerangriff auf die Computer von Sony vor knapp einem Jahr, bei dem vertrauliche Firmen­unterlagen sowie persönliche E-Mails aus den Systemen erbeutet wurden, ein unbedeutendes Ärgernis.

Betroffen sind nicht nur Regierungsangestellte, die jetzt um ihre Privatsphäre fürchten, darunter auch verdeckte Ermittler, deren gefälschte Identität nun auf dem Spiel steht. Betroffen sind auch Menschen, die sich um einen Job in der US-Bundesverwaltung beworben haben, sowie deren Familienangehörige. «Einen Angriff dieses Ausmasses gab es bislang in den USA noch nie», sagte Michael Daniel, Sonder­beauftragter des Weissen Hauses für Cyberkriminalität. Ein Datenexperte nennt es «den Raub der Kronjuwelen», ein Lottogewinn für jeden feindlichen Nachrichtendienst. Alles, was Spione und Agenten in Zeiten des Kalten Krieges in mühsamer Kleinarbeit zusammentragen mussten, könne jetzt auf Knopfdruck heruntergeladen werden.

Laut dem Nachrichtenportal Politico sind unter den entwendeten Akten auch diejenigen von FBI-Direktor James ­Comey. «Wenn dem so ist, dann kennt man nun jeden Ort, an dem ich gelebt habe, seit ich 18 Jahre alt bin, jeden Nachbarn, alle Menschen, mit denen ich beruflich zu tun hatte, alle meine Reisen ins Ausland», so Comey. Der persönliche Schaden, aber auch der Schaden für das ganze Land, sei immens. Dass die Nationale Sicherheitsbehörde (NSA) seit Jahrzehnten ähnliche Spähangriffe auf andere Regierungen ausübt, davon sprach Comey nicht.

Steht China hinter der Attacke?

Die internationale Entrüstung über den grössten Hackerangriff in den USA hält sich denn auch in Grenzen, nachdem – Edward Snowden sei Dank – so viel über die dreisten Methoden und das Ausmass der Spionagetätigkeiten der NSA bekannt wurde. Fast hat man das Gefühl, es herrsche so etwas wie Schadenfreude. Aber der Vorfall zeigt einmal mehr, dass kein Unternehmen und keine Regierungsstelle vor Daten­diebstahl sicher ist.

US-Ermittler gehen zwar davon aus, dass eine chinesische Gruppe hinter den Angriffen auf die Bundesverwaltung steckt. Sie soll sich in den vergangenen drei Jahren schon Zugriff auf Dateien in mehreren amerikanischen Behörden und Unternehmen militärischer Vertragspartner verschafft haben. Die genaue Beziehung der Gruppe zum chinesischen Staat ist jedoch nicht bekannt. Aber die Chronologie der Attacken ­entspricht wirtschaftlichen und strate­gischen Zielen Pekings. China hat die Vorwürfe als «grundlose Anschuldi­gungen» zurückgewiesen.

Erstellt: 10.07.2015, 21:02 Uhr

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