Ein Präsident der Angst

Zwischen Trump und dem Weissen Haus steht nur noch Hillary Clinton. Was macht ihn so erfolgreich?

Jetzt offiziell im Rennen um das Weisse Haus: Donald Trump bei seiner Nominierungsrede in Cleveland. Foto: Mario Anzuoni (Reuters)

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Das Land geht vor die Hunde, die Kriminalität höhlt die Innenstädte aus, die Immigranten überschwemmen das Land, der Terror regiert die Welt. Donald Trump hat in seiner Nominierungsrede in Cleveland ein düsteres Bild unserer Zeit gezeichnet. Am 20. Januar 2017 soll damit Schluss sein, so Trump, dann will der 70-Jährige ins Weisse Haus einziehen und die Sicherheit wieder herstellen. Die Lösung aller Probleme lautet für ihn: America first. Das bedeutet so viel wie: Mauern bauen, Wirtschaftsabkommen neu aushandeln, Militär und Polizei auf­stocken. «Ich bin eure Stimme», wieder­holte er. «Ich bin kein Politiker, sondern der Präsident des Volkes.»

Es war der vielleicht wichtigste Auftritt in seinem bisherigen Wahlkampf, so behaupteten viele. Es ging für ihn darum, diesen Parteitag versöhnlich zu beenden, den innerparteilichen Knatsch vergessen zu machen und Schwung mitzunehmen für die Wahl im November. Den Delegierten und Parteigrössen im Saal, vor allem aber den Millionen von Menschen in den Wohnzimmern Amerikas, präsentierte er sich als Kandidat, der für echten Wandel steht. Hillary Clinton sei nichts anderes als eine Marionette, so Trump, der präsidialer wirkte, als zuletzt, der auf die üblichen xeno­phoben Äusserungen weitgehend verzichtete und stellenweise versöhnlich wirkte: Er werde Minderheiten schützen, sich für Schwule und Lesben einsetzen und für Afroamerikaner. Jeder im Land habe unter ihm als Präsident die gleichen Chancen, den amerikanischen Traum zu leben.

Als Trump vor etwas mehr als einem Jahr seine Kandidatur verkündete, wurde er als Clown abgetan. Nachdem er nun 16 republikanische Mitbewerber aus dem Rennen geworfen hat, steht zwischen ihm und dem Weissen Haus nur noch Hillary Clinton. Ob er Chancen hat, gegen sie zu gewinnen, hängt auch davon ab, was in den nächsten Monaten in den USA und der Welt passiert. Die Rassenunruhen und toten Polizisten im eigenen Land, die Terroranschläge von Paris und Nizza und der Bürgerkrieg in Syrien, all das hilft dem «Law and Order»-Kandidaten, wie er sich in seiner Rede nannte.

Trump muss seine Staaten behalten, westlich des Mississippi gut abschneiden und es schaffen, einige der Swing States wie Pennsylvania, Florida oder Ohio umzudrehen. Dafür benötigt er die Stimmen vom anderen Lager: Weisse Amerikaner aus der Apalachenregion zum Beispiel, deren Eltern und Grosseltern noch zu den Demokraten hielten, die sich aber in den vergangenen Jahren zu Recht übergangen fühlten. In Städten wie Youngstown, Ohio, gibt es viele solche Männer und Frauen, die von den Politikern in Washington nichts mehr halten und es nun mit Trump versuchen wollen. Aus den Kaminen der Stahlwerke von Youngstown steigt schon lang kein Rauch mehr, der Strukturwandel in ­vielen solchen Orten im Nordosten wurde verschlafen. Die Einwohner sehen in Trump ihre letzte Chance. Wenn er sie an die Urne locken kann, könnte es im Herbst knapp werden.

Clinton und Trump sind ein un­gleiches Paar. Sie ist die erfahrene Politikerin, eine Vertreterin des Establishments – Trump hingegen der unkonventionellste Kandidat der jüngeren US-Geschichte. Clinton ist die Realistin, die in ihrer langen Karriere schon für oder gegen so vieles war, dass man den Überblick verloren hat – Trump der Provokateur, der sich durch den Vorwahlkampf pöbelte und gern die Seiten wechselt: Er war mal Abtreibungsbefürworter und Waffengegner. Im Wahlkampf aber hat er sich als Waffenfreund und Abtreibungsgegner geoutet. Vielen Sozialkonservativen ist er nicht konservativ genug, viele Wirtschaftsliberale haben Panik vor seinem Protektionismus und seinem Antiglobalisierungskurs. Trump aber ist vor allem eines: unvorhersehbar.

Ein Bauchmensch

Clinton und Trump vereint, dass sie beide höchst unbeliebt sind. Sollte Trump gewinnen, werden sich die Parteispitzen der Demokraten die Haare raufen, nicht auf ein frischeres, unverbrauchtes Gesicht gesetzt zu haben. Bernie Sanders’ Aufstieg hat gezeigt, wie unpopulär Hillary Clinton ist, doch die Partei hielt an ihr fest.

Es gibt kein Rezept für einen guten amerikanischen Präsidenten, soll Abraham Lincoln gesagt haben. Es gab Generäle und Gouverneure, Senatoren und Aussenminister. Trump aber wäre der erste ohne jegliche politische und militärische Erfahrung. Das allein ist bemerkenswert. Er hat eine tiefe Abneigung gegen intellektuelle und gesellschaftliche Eliten, zu denen er sein Leben lang vielleicht gehören wollte, die ihn aber nie akzeptierten.

Und er macht aus seiner Abneigung keinen Hehl. «Warum soll ich Bücher über die Nato lesen, wenn ich über die Nato spreche?», sagte er dem «Time-Magazine». Als er jüngst in Schottland war, um seinen Golfplatz zu ver­markten, wurde er gefragt, ob er sich mit Brexit-Experten besprechen wolle, worauf er antwortete: «Wozu?»

Trump hat Talent und Bauchgefühl immer Erfahrung und guten Zeugnissen vorgezogen, sagte sein Sohn in Cleveland. Er ist ein Bauchmensch, der erst um sich schlägt, um danach zu sehen, was er angerichtet hat. Darin könnte er sich von Barack Obama nicht deutlicher unterscheiden, der wartet und austariert und dem vor allem in aussenpolitischen Fragen eine Zögerlichkeit vorgeworfen wird, die Trump für seine Zwecke nutzt.

«Was ist das nur für eine verrückte Reise?», fragte Trump am Ende seiner Rede in Cleveland, kurz bevor die Ballone von der Decke fielen. Die Amerikaner haben nun vier Monate zu überlegen, ob diese Reise weitergeht.

Erstellt: 22.07.2016, 23:36 Uhr

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