Ein rätselhafter Tod

Nahrungsmittelvergiftung, Sauerstoffmangel-Folter, Lungenembolie: Die Liste der Hypothesen für den Tod des US-Studenten Otto Warmbier in Nordkorea ist lang.

Über die Ursachen seines Todes kann momentan nur spekuliert werden: Otto Warmbier an einer Pressekonferenz nach seiner Verhaftung in Pyongyang im Februar 2016.

Über die Ursachen seines Todes kann momentan nur spekuliert werden: Otto Warmbier an einer Pressekonferenz nach seiner Verhaftung in Pyongyang im Februar 2016. Bild: Kim Kwang Hyon/Keystone

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Die Amerikaner reagierten mit Bestürzung und Wut auf die Nachricht, dass der Student Otto Warmbier an den Folgen seiner Gefangenschaft in Nordkorea gestorben ist. Der bekannte Senator John McCain sprach Klartext: «Er wurde vom Kim-Regime ermordet.» Die Eltern Fred und Cindy Warmbier sagten der Nachrichtenagentur AP, dass das nordkoreanische Regime ihren Sohn, der zuvor kerngesund gewesen war, misshandelt und terrorisiert habe. Er sei an den Folgen von Folter gestorben.

Die offizielle Version

Die Stellungnahme der nordkoreanischen Behörden lautet auf eine Kombination von Botulismus und Schlafmitteln, wegen welcher der Student in ein Wachkoma gefallen sei. Daher sollen auch die Gehirnverletzungen rühren. Botulismus, auch Fleischvergiftung genannt, ist eine Vergiftung durch verdorbenes Fleisch oder nicht fachgerecht eingekochtes Gemüse. Diese Vergiftung kann zur Lähmung der Herz- und Atemmuskulatur und schliesslich zum Tod durch Ersticken oder Herzstillstand führen.

Tragischer Tod: Der US-Student verstarb nach seiner Gefangenschaft. (Video: Tamedia/AFP)

Die Universitätsklinik von Cincinnati, die den jungen Amerikaner gleich nach seiner Rückkehr aus Nordkorea in Behandlung genommen hatte, konnte jedoch keine Anzeichen für Botulismus finden. Die Hypothese der nordkoreanischen Regierung scheint in dieser Hinsicht als unplausibel. Trotzdem muss erwähnt werden, dass der 22-Jährige laut den nordkoreanischen Behörden über ein Jahr im Koma gewesen sei, weshalb das giftige Botulinumtoxin nicht mehr nachgewiesen werden könnte. Amerikanische Medien vermuten, dass Warmbier an den Folgen von Folterungen starb.

Die Sauerstoffmangel-Folter

Dass Folter in nordkoreanischen Gefängnissen und Arbeitslagern an der Tagesordnung ist, haben Menschenrechtsorganisationen längst ausführlich dokumentiert. Gemäss Medienberichten soll Warmbier wiederholt geschlagen worden sein. In einer Situation von Todesangst könnte er einen Herzstillstand erlitten haben. Im Fall Warmbier könnte aber auch die sogenannte Sauerstoffmangel-Folter angewendet worden sein.

Allein bei dieser Foltermethode gibt es verschiedene Varianten. So wird bei Verhören dem Opfer eine Plastiktüte über den Kopf gezogen, die eng über die Atmungsorgane angelegt wird. Verhöropfern können auch Knebel angelegt werden, die die Luftzufuhr unterbinden. Eine weitere Variante ist das Waterboarding. Das simulierte Ertränken eines Opfers haben die USA gegen Terrorverdächtige angewendet. Die Sauerstoffmangel-Folter gehört zur sogenannten weissen Folter, die keine physisch sichtbaren Spuren hinterlässt. Beim verstorbenen US-Studenten Warmbier fanden die Ärzte keine Hinweise auf Knochenbrüche am Kopf oder Würgespuren am Hals.

Atemstillstand durch Medikamentenüberdosis

Der Atemstillstand, der zum Kreislaufstillstand und später zum Tod des Opfers geführt hat, kann nach Ansicht des Mediziners Jordan Bonomo, der von den australischen «ABC News» interviewt wurde, auch durch eine Medikamentenüberdosis hervorgerufen worden sein. Laut Bonomo können eine Vergiftung oder eine traumatische Verletzung zum Atemstillstand führen. Die von Bonomo erwähnte Vergiftung vermutet dieser durch die konstante und überdosierte Einnahme von Medikamenten. Eine Vergiftung durch Botulinumtoxin hat die Universitätsklinik Cincinnati ausgeschlossen, eine Medikamentenvergiftung wäre wahrscheinlich entdeckt worden. Auch in diesem Fall könnte es schwierig gewesen sein, die Medikamente, die Warmbier ins Koma versetzt hatten, nach einem Jahr nachzuweisen.

Auch «NBC News» spricht von einem Sauerstoffmangel, der den 22-Jährigen ins Koma versetzt hatte. Über die Ursachen wird jedoch spekuliert. So könnten eine Lungenembolie oder eine Lungenentzündung durch das Verschlucken des eigenen Speichels der Grund dafür gewesen sein. Auch über Blutgerinnsel aufgrund verwehrter Bewegung wird gesprochen. «The Australian» vermutet einen Herzinfarkt, der zu einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff geführt habe, spekuliert jedoch auch über das Gegenteil, nämlich, dass ein Sauerstoffmangel zum Herzstillstand führte.

Amerikanische Häftlinge als Faustpfand

Warmbier war vor wenigen Tagen – nach eineinhalbjähriger Gefangenschaft in Nordkorea – im Wachkoma liegend in die USA zurückgebracht worden. Der Student befand sich in den letzten Tagen vor dem Tod nach Angaben der Ärzte in einem Zustand «reaktionsloser Wachheit». Er habe seine Augen öffnen und blinzeln können. Es habe aber keinerlei Anzeichen dafür gegeben, dass er auf Sprache oder Aufforderungen reagiert hätte.

Dass Amerikaner in nordkoreanischer Haft lebengefährlich misshandelt werden, ist aussergewöhnlich, wie Robert R. King der «New York Times» sagte. King wirkte bis letzten Januar im Auftrag des US-Aussenministeriums als Sonderbeauftragter für Menschenrechtsfragen in Nordkorea. Amerikanische Häftlinge werden von den Nordkoreanern laut King tendenziell besser behandelt als andere Ausländer in Haft, wie zum Beispiel Südkoreaner oder Japaner. Der Grund für diese Behandlung ist, dass Nordkorea amerikanische Häftlinge als Faustpfand für Verhandlungen mit den USA einsetzen möchte. Nach Aussagen von King werden in Nordkorea inhaftierte Amerikaner zwar Psychoterror ausgesetzt, aber in der Regel nicht körperlich misshandelt. Dies geht auch aus Berichten von früheren amerikanischen Gefangenen in Nordkorea hervor.

Aktuell sitzen noch drei Personen mit US-Staatsbürgerschaft in Nordkorea in Haft.

Erstellt: 20.06.2017, 14:42 Uhr

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