Ein weisses Trump-Städtchen muss sich anpassen

Hazleton war eine uramerikanische Kleinstadt im Kohlerevier von Pennsylvania. Dann wurden neue Jobs geschaffen – und die Latinos kamen.

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Drei Wörter, ein Ausrufezeichen, nachzulesen auf der ersten Seite des «Standard-Speaker», der auf dem Tresen bei Jimmy’s Quick Lunch liegt. «ES IST AUS!», schreibt das Lokalblatt an diesem Septembertag. In Grossbuchstaben. 30 Jahre lang brannte das unterirdische Feuer in der Kohlemine an der Stadtgrenze. Die Leute wissen nur, dass es stank. Der Rauch stieg über der alten Grube hoch, durch Ritzen im verseuchten Erdboden, die Schwaden rochen nach faulen Eiern, Tag und Nacht. Nun ist das Feuer gelöscht. Endlich.

Die brennende Mine war der Hitzekern einer Stadt, die wie kaum eine andere in Pennsylvania von der Kohle lebte. Im Untergrund verläuft das grösste Anthrazit-Feld der Welt, nach Kohle graben sie hier in Hazleton noch immer, aber viele Jobs gibt der Bergbau nicht mehr her. Man hört davon in den Erinnerungen der Stammgäste in Jimmy’s Quick Lunch, der Imbissbude der Alten, Weisse allesamt. Und man begegnet ihnen in den Biografien der Einwohner.

Zum Beispiel in jener von Mary Ann Guza. Ein Betonbunker in der Innenstadt, ein paar Schritte von Jimmy’s Quick Lunch entfernt. Hier ist die Hautarztpraxis eingemietet, für die Guza als Krankenschwester arbeitet, obwohl sie mit 68 Jahren in einem Alter ist, in dem andere längst in Rente gegangen sind. Die Arbeit, sagt sie, halte sie fit. Sie sitzt jetzt auf einem Drehstuhl in ihrem fensterlosen Büro, blonde, hochgesteckte Haare, rundliches Gesicht. Ihr Grossvater war Grubenarbeiter, ihr Vater ebenfalls, und Guza hat nie anderswo gelebt als in Hazleton. «Es war ein idyllischer Ort», sagt sie. Zum Einkaufen ging man in die Geschäfte an der Hauptstrasse, wo zur Adventszeit jeweils der Weihnachtsmann stand, der Geld für die Heilsarmee sammelte. «Jeder kannte jeden. Niemand schloss je die Haustür ab.»

Guzas Familie stammt aus Deutschland und aus Polen, jene ihres Mannes aus der Slowakei. Auch das ist typisch für Hazleton. Fast alle hier haben Wurzeln in Mitteleuropa, in Italien oder Irland. Es waren Einwanderer, die Hazleton im 20. Jahrhundert zu einer Stadt machten, die zwar nicht reich wurde, der es aber gut ging. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg sank die Nachfrage nach Kohle, neue Sicherheitsstandards verteuerten die Förderung. Bald schlossen die ersten Minen, die örtliche Seidenspinnerei, einst die grösste der Welt, machte ebenfalls zu. Auch die kleinen Geschäfte an der Hauptstrasse begannen zu verschwinden, immer mehr Häuser standen leer und verlotterten, die Bevölkerungszahl nahm ab.

Dann kamen die Latinos.

Plötzlich in der Minderheit

Es begann mit den Industrieparks, die Investoren Anfang der 2000er-Jahre rund um Hazleton hochzogen, angelockt von Steuersenkungen. Unternehmen wie Amazon bauten Logistikzentren, der Agrarkonzern Cargill stellte eine Fleischfabrik hin. Fehlten nur noch die Arbeitskräfte. Die Firmen fanden sie unter den Latinos. Sie kamen aus New York und New Jersey, zwei bis drei Autostunden entfernt, meist stammten sie aus der Dominikanischen Republik, und sie veränderten das Gesicht von Hazleton. Von den 23'000 Einwohnern, die im Jahr 2000 in Hazleton lebten, waren 95 Prozent Weisse, die Latinos machten keine 5 Prozent aus. 2007 stellten sie bereits ein Viertel der Stadt­bevölkerung. Heute sind 53 Prozent der inzwischen 25'000 Einwohner Latinos. Die Weissen, die noch bis vor kurzem unter sich waren, sind heute in der Minderheit.

Und die Weissen wehrten sich. Die Stadtregierung erliess 2006 eine Reihe von Verfügungen, die Hazleton landesweit in die Schlagzeilen brachten. Hauseigentümern wurde es untersagt, Wohnungen an Einwanderer ohne gültige Dokumente zu vermieten, und Unternehmen, die Einwanderer ohne Papiere als Arbeitskräfte beschäftigten, wurden bestraft. Hazleton solle zu einer der unangenehmsten Orte für illegale Immigranten werden, sagte der damalige Bürgermeister Lou Barletta. Mehrere Bürgerrechtsorganisationen zogen gegen die Verfügungen vor Gericht und erhielten recht. Die Stadt musste die Auflagen zurücknehmen und 1,4 Millionen Dollar an die Kläger bezahlen.

Leute wie Mary Ann Guza, die Kran­kenschwester in der Hautarztpraxis, erlebten das in ihrem eigenen Quartier. Ihre alten Bekannten zogen weg, in ihren Häusern wohnen jetzt neue Nachbarn. Es sind oft grosse Familien, die untereinander Spanisch sprechen. Mit vielen dieser Nachbarn hat sich Mary Ann Guza angefreundet, für viele hat sie Bewunderung: «Die Latinos arbeiten hart, sie sind unternehmerisch eingestellt.» Aber da waren eben auch die anderen Geschichten, besonders zu Beginn der Einwanderungswelle. Schiessereien, Messerstechereien, Gangs: «Es gab viel Gewalt, und viele Leute lebten in Furcht.»

Diese Zeit habe sie geprägt, sagt Guza. Sie habe nichts gegen Einwanderung, aber gegen Auswüchse müsse die Politik hart vorgehen. Deshalb unterstützt Guza, die zuvor ein Leben lang die Demokraten wählte, jetzt Donald Trump. «Seit er im Weissen Haus ist, fühle ich mich beschützt. Leute wie ich haben endlich eine Stimme.» So wie Guza denken hier viele. In Luzerne County, dem ländlichen Bezirk, in dem Hazleton liegt, siegte Trump mit 20 Prozentpunkten Vorsprung vor Hillary Clinton.

Ein Zimmer weiter sitzt Stephen Schleicher, der Dermatologe und Chef von MaryAnn Guza, auf einem Behandlungstisch, ein grosser, schlanker Mann in einem sportlichen Sakko. Hinter ihm hängt ein Poster mit Hautausschlägen. In der Praxis, die er seit 1980 führt, diskutierten sie häufig über die Einwanderer und noch häufiger über Trump, sagt er. Er möge Mary Ann sehr, «aber politisch ist sie unbelehrbar».

«White Angst»

Schleicher ist kein Trump-Anhänger, sondern ging politisch den umgekehrten Weg, immer weiter weg von der Republikanischen Partei, die er einst wählte. Das hat auch damit zu tun, dass er die Neuzuzüger in der Stadt «wunderbar» findet. «Sie kommen hierher, um zu arbeiten, sie gründen hier Familien, sie bauen sich ein neues Leben auf. Das ist der amerikanische Traum. Was kann man dagegen haben? Das macht unser Land doch aus.» Seit die Latinos da seien, sagt er, sei wieder Leben in den Strassen von Hazleton. «Die Stadt stirbt nicht mehr. Wir sind der Prototyp dafür, wie die Einwanderung Amerika neu beleben kann.»

Er hat recht, seine Stadt lebt wieder. An der Broad Street dröhnt heute Reggaeton aus einem Friseursalon. Davor wartet ein klappriges schwarzes Auto mit dem Schriftzug «Latino Taxi Service», der Motor läuft, der Fahrer unterhält sich angeregt am Telefon. Vor dem Secondhandshop nebenan steht eine Mutter mit ihrer Teenagertochter vor dem Schaufenster, in dem ein Plakat für «Especiales de Vestidos» wirbt, Kleider für 12 Dollar. Die Tochter interessiert sich für gelbe Leggings, die Mutter wirkt etwas unschlüssig, kurze Diskussion, dann verschwinden beide im Laden. Englisch? Hört man an diesem Nachmittag in Downtown Hazleton kaum.

Was sich in Hazleton abspielt, ist ein Vorbote dessen, was in den nächsten Jahrzehnten auf ganz Amerika zukommt. Noch im Jahr 1980 waren vier von fünf Einwohnern der USA Weisse. Doch inzwischen wächst nicht nur in den grossen Städten, sondern auch in ländlichen Gegenden die Anzahl der Bezirke, in denen die nicht weisse Bevölkerung – also Afroamerikaner, Latinos und Asiaten – die Mehrheit stellt. Laut US-Statistikbehörde werden bereits 2020 die Hälfte der Amerikaner unter 18 Jahren Nichtweisse sein. Bis 2044 werden diese heutigen Minderheiten in allen Altersgruppen die Mehrheit bilden.

Für die Folgen dieser Entwicklung verwenden viele Amerikaner einen halb deutschen Begriff: «White Angst». Er meint die Sorge, die viele Weisse haben, bald in der Minderheit zu sein und ihre Vorherrschaft, ihren Wohlstand, ihr Lebensgefühl zu verlieren. Es ist eine Sorge, die sich in den Kämpfen weisser Nationalisten um Denkmale der Konföderation ausdrückt oder in den abendlichen Tiraden der Moderatoren von Fox News, die klagen, dass das gute alte Amerika zugrunde gehe unter dem Strom von Einwanderern, der über die Südgrenze ins Land schwappe.

Francisco Torres-Aranda, geboren in Mexiko-Stadt, aufgewachsen in den USA, kennt diese Angst. Die war nicht immer da. Als er hier in den 1980er-Jahren in die Schule ging, war er der Einzige, der spanisch redete. Der Quoten-Latino, den die Mädchen interessant fanden, weil er ein Exote war. Torres, 43 Jahre, schwarze Haare, weisses Hemd über breiter Brust, sitzt im Wohnzimmer seines Hauses etwas ausserhalb der Stadt, es könnte auch als Jagdhütte in den Rocky Mountains stehen. Der Kamin ist riesig, an den holzgetäferten Wänden hängen Hirschgeweihe. Jeden Abend stapfen Rehe aus dem nahen Wald durch den Garten, sie wissen, dass Torres sie zuverlässig füttert.

«Wir Latinos sind die Zukunft»

Der Mann führt in Hazleton seine ei­gene Ingenieurfirma, daneben baut er ein Gründerzentrum auf, das Unternehmen von Latinos in die Gegend holen will. Die Sache sei doch ganz einfach, sagt er. «Die Demografie lässt sich nicht aufhalten. Die Latinos kommen nach Hazleton, weil die Unternehmen nach jungen, flexiblen Arbeitskräften rufen.» Gerade wenn man in Amerika die Industrieproduktion wieder aufbauen wolle, komme man um mehr Einwanderung gar nicht herum. «Legale Einwanderung», betont er. «Ich bin keiner von denen, die offene Grenzen für alle wollen.» Als Jugendlicher bewunderte er Ronald Reagan, später wählte er George W. Bush und unterstützte John McCain gegen Barack Obama. Von der Republikanern löste er sich erst dann, als in der Partei jene Stimmen immer lauter wurden, die in den Migranten das grösste Problem Amerikas sahen.

Die Demografie also. «Wir Latinos sind die Zukunft», sagt Torres. Die Feindseligkeit, die manche weisse Amerikaner den Neuzuzügern entgegenbringen würden, werde daran nichts ändern. Aber natürlich, sagt er, bekomme die Latinogemeinde die Abneigung zu spüren. Am Abend, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewann, waren in Hazleton Schüsse zu hören. Es waren Freudenschüsse, abgefeuert in den Nachthimmel über Pennsylvania, von einem Mann, der dabei schrie: «Das Weisse Haus gehört wieder uns!» Eine hässliche Szene, sagt Torres, aber schiebt dann sofort nach: ein Einzelfall. Die Spannungen seien nicht mehr so gross wie noch vor zehn Jahren, als die umstrittenen Verfügungen der Stadtregierung die Einwohner spalteten, als die Latinos regelmässig bedroht wurden: «Das war eine schlimme Zeit.»

Doch die Spannungen halten an. Das merkt man zum Beispiel im Erdgeschoss des historischen Geschäftshauses in der Innenstadt, in dem jetzt Joe Yannuzzi steht. Er schüttelt die Hand des republikanischen Kandidaten, der im November in den Kongress gewählt werden will, «good luck!», und lässt sich dann in einer Ecke des Foyers in einen Ledersessel fallen. Yannuzzi, weisse, nach hinten gekämmte Haare, blaues Hemd, Nadelstreifenanzug, war bis vor drei Jahren Bürgermeister von Hazleton, die umstrittenen Anti-Einwanderungs-Erlasse von 2006 hatte er damals als Stadtrat unterstützt. «Wir mussten ein Zeichen setzen», sagt er. «Jede Woche beging ein Illegaler wieder irgendein Verbrechen.»

Die Kriminalität, räumt Joe Yannuzzi ein, sei inzwischen zurückgegangen. Dafür gibt es andere Probleme. Da ist die Schule, die an ihre Grenzen stösst. 11000 Kinder und Jugendliche sind dort angemeldet, die Klassenzimmer und Sportanlagen sind längst übervoll, sechs Millionen Dollar Verlust schrieb der Schulbezirk vergangenes Jahr. Da sind die Steuereinnahmen der Stadt, die trotz den Zuzügern nicht steigen. Das grösste Problem, sagt Yannuzzi, sei aber die schlechte Integration der neuen Einwohner.

Auch sein eigener Grossvater kam einst als Einwanderer in die USA, aus Italien, so wie viele hier. «Aber unsere Familien lernten rasch Englisch und begriffen sich als Amerikaner. Sie legten ihre alte Identität ab.» Bei den Dominikanern sei das anders. «Sie gehen hier ja nicht einmal wählen, selbst wenn sie dürfen.» Hazleton fühle sich zu sehr an wie eine geteilte Stadt, mit einer Hälfte für die weissen Einwohner und einer anderen für die Latinos. «Das muss sich ändern», sagt Yannuzzi.

Sichere Strassen, tiefe Mieten

Vielleicht dauert das gar nicht mehr lange. Vielleicht ändert es sich jetzt schon, zumindest im Kleinen, in der Hautarztpraxis von Stephen Schleicher zum Beispiel. Weil in seinem Wartezimmer immer mehr Patienten auftauchten, die kein Englisch sprachen, stellte er neulich eine zweisprachige Réceptionistin aus der Dominikanischen Republik ein.

Pamela Rodriguez wurde auf der karibischen Insel geboren, kam als Kind nach New York und hat jetzt selber eine kleine Tochter, mit der sie Anfang Jahr nach Hazleton gezogen ist. Sie habe eine Weile gebraucht, sich einzuleben, sagt sie: «Wenn man aus Brooklyn kommt, ist jede Kleinstadt ein Kulturschock.» Aber jetzt sei sie glücklich hier. «Die Strassen sind sicherer als in New York, die Mietkosten tiefer, und die anderen Dominikaner machen es einem leicht, Anschluss zu finden.» Trotzdem hänge sie nicht nur mit ihren Landsleuten herum. «Ich habe zwei Identitäten, wie viele hier. Ich bin Dominikanerin und Amerikanerin. Das geht hier gut zusammen.» In Hazleton, sagt Rodriguez, wolle sie bleiben. Noch sehr lange.

(Erstellt: 20.10.2018, 14:23 Uhr)

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