Ein weltberühmtes Hotel zerfällt

Im New Yorker Chelsea Hotel logierten einst Andy Warhol, Janis Joplin und Madonna. Heute ist es so heruntergekommen, dass die verbleibenden Bewohner gefährlich leben.

Hier wurde die Liebe, aber auch der Exzess zelebriert: Rockerin Janis Joplin 1969 an der Réception des Chelsea Hotel in Manhattan. Foto: David Gahr (Getty Images)

Hier wurde die Liebe, aber auch der Exzess zelebriert: Rockerin Janis Joplin 1969 an der Réception des Chelsea Hotel in Manhattan. Foto: David Gahr (Getty Images)

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«Are you helping, are you hurting?», hat jemand auf den Bauzaun vor dem Chelsea gesprüht, dem berühmten ­Hotel in Manhattan, in dem Bob Dylan tagelang aufblieb, um «Sad Eyed Lady of the Lowlands» zu schreiben. Die Fassade des Hotels ist, wie man sie von Bildern kennt: dunkelrot, unten ein kleiner Gitarren­laden, ein geschlossenes Restaurant.

Der Eingang zur Lobby ist verbarrikadiert. Nur durch den ehemaligen Dienstboteneingang kann man das ­Gebäude betreten. Er wird von Sicherheitsmännern bewacht. «Sie können nur rein, wenn Sie hier wohnen. Haben Sie Freunde hier? Nein? Keine Chance», heisst es. Der Eingang führt zu einem Lift, der Menschen mit misstrauischen Blicken ausspuckt. Ein paar der alten Mieter wohnen noch inmitten der Baustelle, etwa 50 bis 100 Menschen. Unregelmässig hört man von einem Streit mit den neuen Eigentümern. Genaueres zu erfahren, ist schwer.

Wieso steht ein Ort, an dem sich kulturelle Weltgeschichte ereignet hat, mitten in Manhattan kurz vor der Zerstörung?

Wenn man es doch ins Chelsea schafft, hat man den Eindruck einer Kriegszone. Die Menschen sind skeptisch und müde. «Bleiben Sie direkt hinter mir», sagt ein früherer Bewohner. «Ich führe Sie vom 13. Stock bis nach unten. Machen Sie sich selbst ein Bild.» Die Wände sind mit Gipskarton verkleidet. Kabel hängen aus den Decken. Ab und zu schaut ein Bewohner aus den Zimmern. Schritte hallen in den leeren Fluren. Fotografieren ist schwierig wegen der Verfahren – beide Seiten fürchten, Bilder könnten gegen sie verwendet werden. Manche befürchten, dass es ihnen schadet, mit Journalisten zu sprechen.

Auf jeder Etage hängen Pläne, die zeigen, welche Zimmer noch bewohnt sind. Sie sind weltberühmt. In Raum 205 trank sich Dylan Thomas zu Tode. Im Lift bändelten Leonard Cohen und Janis Joplin an, in Raum 100 erstach Sid Vicious angeblich Nancy Spungen. Madonna lebte nach ihrer Ankunft in NY in Raum 822. Hier filmte Andy Warhol «Chelsea Girls» mit Nico und Edie Sedgwick.

Der Mann im rosa Anzug

Wieso steht ein Ort, an dem sich kulturelle Weltgeschichte ereignet hat, mitten in Manhattan kurz vor der Zerstörung? Sucht man nach Menschen, die Auskunft geben können, stösst man nach ein paar harschen Absagen schliesslich auf Scott Griffin.

Griffin hat 18 Jahre im Chelsea gelebt; als er nach New York kam, nahm es ihn auf. Inzwischen wohnt er im Carlyle, wo er in seiner Suite empfängt. Er ist ein grosser Mann, der einen rosa Anzug trägt. Obwohl es draussen 30 Grad sind, ist es in der Suite kühl. Griffin bietet Wasser und Nüsse an. «Das Chelsea?», fragt er: «Wie viel Zeit haben Sie?» Er wirkt, als verbinde sein Gehirn immerzu Fäden und Fakten, um Lösungen für unmögliche Probleme zu finden. Seit er aus dem Chelsea Hotel gezogen ist, ­verbringt er drei Stunden pro Woche mit Denkmalschützern, Anwälten und Bezirksleuten, um das Hotel zu retten.

«Die Situation dort ist so schlimm, dass ich mir ernsthafte Sorgen mache, dass jemand sterben könnte.» Griffin zeigt ein Video aus dem obersten ­Geschoss. Wassermassen werden von einer Plane zurückgehalten, wo sie nicht hält, rauscht das Wasser wie aus einer Dusche ins Haus. «Ich sage das ungern, aber ich wäre nicht überrascht, wenn mir jemand erzählen würde, dass es einen Brand im Chelsea gegeben habe und das Gebäude vollständig abgebrannt sei.»

Viele Zimmer im Gebäude haben heute weder Heizung noch Strom. Foto: Alamy

«Es gibt kein Gas im gesamten Gebäude, weshalb niemand kochen kann. ­Klimaanlage und Heizsystem funktionieren überhaupt nicht», sagt Griffin: «Die Aufzüge sind häufig kaputt. Das ­Gebäude hat keine angemessenen Notausgänge, sodass im Falle eines Brandes viele Leute nicht mal lebend aus dem ­Gebäude kämen. Fenster fallen aus ihren Rahmen und werden durch Plexiglasscheiben ersetzt.» Die Räume, in denen Jack Kerouac «On the Road» schrieb, sind versiegelt. 75 Prozent des Hotels stehen leer, in den anderen 25 harren die Mieter aus, teilweise ohne fliessend Wasser, ohne Heizung und zunehmend ohne Hoffnung.

«Ich mache mir ernsthafte Sorgen, dass jemand
sterben könnte.»
Scott Griffin,
Ehemaliger Langzeitbewohner

«Als Erstes muss man sich vergegenwärtigen, dass das Chelsea Hotel, wie wir es aus unserer Vorstellung kennen, von der Bard-Familie, besonders dem Hotelier Stanley Bard, erschaffen wurde», erzählt Scott Griffin. Dessen Strategie war auf den Wert der Marke ausgerichtet. «Das war, lange bevor Leute wussten, was eine Marke ist. Es gab ständige Bewohner und Bewohnerinnen, die ein bestimmtes kulturelles Klima schufen, und Hotelgäste. Ein normaler Mensch checkte ein und traf im Fahrstuhl auf Allen Ginsberg. Das war eine alltägliche Situation.

Es war ein spezielles Ökosystem, das aus irgendeinem magischen Grund funktionierte.» So kam es, dass etwa Kerouac, Joni Mitchell, Jimi Hendrix, Robert Mapplethorpe und ­Patti Smith dort unterkamen, dort arbeiteten. Wodurch das Hotel zu Weltruhm gelangte. Obwohl er Millionär war, führte Bard das Tagesgeschäft selbst.

Dieses Konzept trug das Chelsea viele Jahre lang. Mitte der 2000er, nach dem 11. September und vor der Rezession, kam es zur Eskalation auf dem New Yorker Immobilienmarkt. Der Hauptteil des Hotels gehörte der Familie Bard, aber die Anteilseigner des Chelsea, die nicht zur Familie gehörten, begriffen, dass ihr Hotel zwar Geld abwarf, aber keinen von ihnen wohlhabend machte. Und dass es inzwischen viele Millionen Dollar wert war.

«Ich denke beim Chelsea immer an den ‹Herrn der Ringe›», erklärt Griffin: «Es ist wie der Ring. Alle, die das ­Chelsea erblicken, fangen zu träumen an. Dass sie ein Vermögen machen werden, dass ihr Glück garantiert ist, sobald sie nur das Chelsea besitzen. Aber genau wie in den Filmen kann nur der eine Träger den Ring tragen.»

Sämtliche Angestellte gefeuert

2007 zwangen die Minderheitseigner die Bards als Mehrheitseigner nach einem Rechtsstreit zum Verkauf. Joseph Chetrit, dem auch das Sony-Gebäude in der Madison Avenue gehört, kaufte es weit über dem Marktwert für 78 Millionen Dollar bei einem Gebäudewert von maximal 55 Millionen. «Nach dem Kauf des Gebäudes feuerte er sämtliche ­Hausmeister, Ingenieure, sämtliche ­Angestellte, um die Gewerkschaften zu brechen», so Griffin. Es gab im Chelsea Kaminsimse der Firma Pottier & ­Stymus, einige bis zu 200'000 Dollar wert. «Chetrit hat sie einfach rausgerissen und auf die Strasse geworfen. Er hat sie sogar manchmal zweigeteilt, nur um sicherzu­gehen, dass niemand sie rettet.»

Ferner liess Chetrit Rohre herausreissen, einen grossen Teil der Elektrik entfernen und das Heizungssystem lahmlegen. Dann verkaufte er das Gebäude an Ed Scheetz. Der stellte fest, dass bei der Sanierung des Gebäudes selbiges zerstört worden war. Also verkaufte er es weiter an BD Hotels. Griffin: «Der Denkmalschutz in New York gilt momentan nur für das Äussere von Bauten. Wir mussten zusehen, wie das Waldorf Astoria und das Plaza Hotel im Grunde genommen ausgelöscht wurden. Eben weil die Gesetzgebung sich nicht auf das Innere erstreckt.»

BD Hotels besitzt also ein sehr teures Gebäude, das sie nicht reparieren können. Dazu kommen Rechtsstreitigkeiten mit den Bewohnern und den Behörden. Das Chelsea zu retten, würde inzwischen 250 Millionen Dollar kosten, schätzt Griffin, zusätzlich zum Verkaufspreis. Selbst die Mahagonitüren im Chelsea wurden damals in den Müll geworfen – wo ein ehemaliger Bewohner, der damals obdachlos war, sie fand, abtransportierte und Jahre später 2018 auf Anfrage eines Auktionshauses zur Auktion freigab. Die Tür des Nobelpreisträgers Bob Dylan brachte 100'000 Dollar.

Erstellt: 22.12.2019, 21:24 Uhr

Seit 2007 wird das Haus renoviert

Das Chelsea war seit Mark Twains Besuch dort nicht nur Inspiration und Heimat, sondern ein Biotop – ein Zufluchtsort für einige der bedeutendsten Künstler und Weltstars zweier Generationen. Seit 2007 wird es renoviert, so heisst es, um es in ein Luxushotel umzufunktionieren. In Wirklichkeit befindet es sich jedoch in einem so schlechten Zustand, dass seine Zukunft nahezu aussichtslos ist. (jl)

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