Jetzt wollen alle den Segen des Anti-Trump

Jimmy Carter ist volksnah, bescheiden und erlebt eine Renaissance. Die Kandidaten der US-Demokraten stehen Schlange beim Ex-Präsidenten.

Jimmy Carter wird bald 95, aber Sonntagsschule gibt er in seiner Maranatha Baptist Church in Georgia immer noch. Foto: Reuters

Jimmy Carter wird bald 95, aber Sonntagsschule gibt er in seiner Maranatha Baptist Church in Georgia immer noch. Foto: Reuters

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Das Land hat sich nicht verändert. Es ist noch so wie damals vor fast hundert Jahren, als James Earl Carter Jr. ein Junge war, der auf der Farm seiner Eltern die Ziegen fütterte. Oben der Himmel mit der Sonne, die hier im Süden der USA wie ein Schmelzofen ist, aus dem flüssiges Glas herabtropft. Unten die Erde, der schwere, rote Lehm von Georgia. Wenn es regnet, wird er zu Schlamm, der über die Strassen fliesst wie Blut. Es ist ein fruchtbares Land. Baumwolle, Melonen und Mais gedeihen hier. Und Erdnüsse, die die Carters auf ihrer Farm angebaut haben. Aber in der schwülen Hitze des amerikanischen Südens wuchsen immer auch bittere Früchte: Rassismus, Unterdrückung, Gewalt.

Als James Carter 1924 in dem kleinen Ort Plains in Georgia zur Welt kam, gab es dort Weisse, deren Eltern noch Sklaven besessen hatten. Und es gab Schwarze, die noch als Sklaven geboren worden waren. Der Bürgerkrieg hatte ihnen zwar die Freiheit gebracht – arm und rechtlos waren sie trotzdem noch. Niemand fand damals etwas dabei, wenn ein Weisser einen Schwarzen «Nigger» nannte. Und manchmal zog der Mob los, mit Knüppeln und Henkersschlingen. 592 Lynchmorde an Schwarzen sind im Bundesstaat Georgia dokumentiert, davon vier in Sumter County, dem Landkreis, in dem Plains liegt. Die letzten beiden Morde fanden 1920 statt.

Das genaue Gegenteil von Trump

Wenn man das weiss, ist das Bemerkenswerteste an Carters Leben vielleicht nicht, dass Jimmy, der Bauernjunge aus Plains, es geschafft hat, der 39. Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Sondern, dass er dem Hass entkommen ist. Er ist zu einem Menschenfreund geworden, zum gütigsten Präsidenten, den die Amerikaner je hatten.

Und es ist wohl kein Zufall, dass die Demokraten sich jetzt, da sie versuchen, den Lügner und Hetzer Donald Trump aus dem Weissen Haus zu vertreiben, plötzlich an den milden alten Herrn in Georgia erinnern, der einmal ihr Präsident war. Wie sonst soll man erklären, dass sie in diesen Tagen zu Carter in die Provinz reisen, um sich den Segen des Mannes zu holen, der politisch und menschlich das genaue Gegenteil von Donald Trump ist?

Jimmy Carter kommt in die Kirche und nickt den Menschen zu. «Guten Morgen», sagt er. Im Oktober wird er 95 Jahre alt, und man merkt es ihm an. Seine Stimme ist heiser und hell, sie klingt nach Alter und Spital. Sein Gesicht ist blass und weich. Beim Gehen stützt er sich auf einen Rollator. Jimmy Carter ist in die Maranatha Baptist Church in Plains gekommen, um Sonntagsschule zu halten.

«Wie müsste eine Weltmacht aussehen, die Gottes Massstäbe erfüllt?»Jimmy Carter

Die Sunday School, eine Mischung aus Bibelstunde und Religionsunterricht, ist eine alte Tradition in den protestantischen Gemeinden in Amerika. Der Ablauf ist einfach: Der Lehrer wählt eine Passage aus der Bibel aus und spricht mit den Besuchern darüber, was sie bedeutet. Meistens halten Laien den Unterricht, angesehene Gemeindemitglieder wie Carter, dessen Vater bereits Sonntagsschullehrer war.

Carter war immer ein tief gläubiger Mensch. Sein Vater schickte ihn als Kind auf die Felder, um den schwarzen Arbeitern Wasser zu bringen, die dort in der Gluthitze schufteten. Längst nicht alle Farmer hatten so viel Nächstenliebe in sich. Carter hat seinen Glauben auch später nie versteckt. Das hat nicht allen Amerikanern gefallen, für viele klang seine offene Frömmigkeit zuweilen eher nach Selbstgerechtigkeit.

Carter selbst hat sich freilich stets als jemand gesehen, der die Botschaft von Jesus Christus nimmt und praktische Politik daraus macht. Er hat sich für die Gleichberechtigung der Schwarzen eingesetzt, als die Demokraten im Süden noch die Partei der Rassisten waren. Er hat sich als Präsident um Frieden und Abrüstung bemüht. Er hat versucht, seinen Landsleuten die zerstörerische Sucht nach arabischem Erdöl abzugewöhnen und sie zum Umweltschutz zu bekehren. Später widmete Carter sich dem Kampf gegen Infektionskrankheiten, die weit weg in Afrika wüteten. 2002, als der republikanische Präsident George W. Bush in Guantánamo Häftlinge foltern liess und zum Krieg gegen den Irak rüstete, bekam Carter für all das Gute, das er in seinem Leben getan hat, demonstrativ den Friedensnobelpreis verliehen.

In der Maranatha Baptist Church steht ein besonderer Stuhl für Carter. Er hat einen Elektromotor, um den darauf Sitzenden ein wenig hochfahren zu können. Ein Mann vom Secret Service hilft Carter auf den Stuhl, dann surrt der Motor, und der ehemalige Präsident schwebt einen halben Meter über dem Boden. So kann man ihn auch in der letzten Reihe sehen.

Bevor Carter mit dem Unterricht beginnt, fragt er seine Besucher, woher sie kommen. «Michigan» und «Texas», rufen die Leute, «South Carolina», «Tennessee», «Vermont». Einige Menschen sind Tausende Meilen angereist, aus Oregon oder Alaska. Carter hört genau hin. Er lächelt, als sei er stolz darauf, dass das ganze Land bei ihm versammelt ist.

Und es dauert nicht lange, bis Carter über Amerika spricht. «Wir sind eine Weltmacht, weil wir das stärkste Militär haben», sagt er. «Aber wie müsste eine Weltmacht aussehen, die Gottes Massstäbe erfüllt? Nämlich, dass eine Weltmacht sich für die guten Dinge einsetzen sollte. Für Frieden, für die Umwelt, für Gleichberechtigung. Das ist es, was Jesus Christus uns gelehrt hat.» «Amen», murmeln die Besucher.

Die Jahre, in denen die Demokraten Carter ignoriert haben, sind vorbei.

Die Demokraten haben in den vergangenen Jahren Abstand zu Carter gehalten. Für sie war er «der Erdnuss-Farmer aus Georgia», ein höflicher Ausdruck für «Hinterwäldler». Seine volkstümliche Religiosität war ihnen suspekt. Hinzu kam, dass Jimmy Carters kurze Präsidentschaft auch in der eigenen Partei als ein ziemliches Desaster angesehen wurde. Der Demokrat war nur vier Jahre Präsident, von Januar 1977 bis Januar 1981. Carter schürte den Pessimismus mit Reden, in denen er die «Malaise» im Land beklagte und von den Bürgern Opfer verlangte. Das war nicht immer falsch. Doch es klang für viele schwächlich, hilflos, geradezu unamerikanisch. Bei der Wahl 1980 ersetzten die Amerikaner Carter durch den sonnigen Patrioten Ronald Reagan.

Aber die Jahre, in denen die Demokraten Carter ignoriert haben, sind vorbei. Etliche der Frauen und Männer, die sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bewerben, sind nach Plains gepilgert. Sie beteten mit Carter und liessen sich mit ihm fotografieren. Auch Peter Buttigieg, der junge, schwule Bürgermeister aus South Bend, Indiana, besuchte mit seinem Ehemann die Sonntagsschule.

Ernsthaft, ehrlich, anständig

Diese erstaunliche politische Renaissance Carters hat mehrere Gründe. Sie hat zum einen etwas mit der langen Zeit zu tun, die seit dem Ende seiner Präsidentschaft vergangen ist. Eine Mehrheit der Amerikaner ist heute, vierzig Jahre später, der Ansicht, dass Carter eigentlich ein ganz ordentlicher Präsident war. Er wird nicht mehr als zögerlich und moralisierend gesehen, sondern als ernsthafter, ehrlicher, anständiger Mensch, der den Bürgern die Wahrheit gesagt hat.

Der Präsidentschaftskandidat sucht seinen Segen: Pete Buttigieg (r.) und sein Ehemann bei Jimmy Carter. Foto: Reuters

Carters neue Popularität hängt aber auch mit den Themen zusammen, die ihn immer bewegt haben und die heute bei den Demokraten wieder höchst beliebt sind. Umweltschutz, Minderheitenrechte, soziale Gerechtigkeit – das stand alles schon in alten Carter-Reden. Und es steht jetzt wieder im «Green New Deal», jener politischen Deklaration, mit der die junge Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez die demokratische Parteibasis begeistert hat.

Aber vielleicht gibt es noch einen tiefer liegenden Grund, warum sehr beschäftigte Kandidatinnen und Kandidaten den weiten Weg ins ländliche Georgia auf sich nehmen. Vielleicht wollen sie bei Jimmy Carter etwas wiederfinden, das die Demokraten, oder zumindest viele, die zum Spitzenpersonal der Partei gehören, offenbar verloren haben: ein wenig Volksnähe, etwas Bodenständigkeit und Bescheidenheit.

Die märchenhaft reichen Obamas

Im Gegensatz etwa zu Barack und Michelle Obama, die in den zweieinhalb Jahren, die sie jetzt nicht mehr im Weissen Haus leben, märchenhaft reich geworden sind. «Es ist schon ein bisschen – wie soll ich das sagen? – irritierend, dass die Obamas sich jetzt mit diesem ganzen Glitzer umgeben», sagt eine Frau, die zu Carters Sonntagsschule gekommen ist und sich als Nancy vorstellt. Sie ist aus Tampa in Florida hierhergefahren, fünfeinhalb Stunden. Nancy liest gerade «Becoming», das spektakulär erfolgreiche Buch von Michelle Obama. Und sie mag, das versichert sie, Michelle wirklich sehr. Aber um zu hören, was die frühere First Lady zum Zustand Amerikas zu sagen hat, hätte Nancy ein Ticket für eine der riesigen Shows kaufen müssen, bei denen Michelle Obama in den vergangenen Monaten überall in Amerika aufgetreten ist. Das hätte Nancy einige Hundert Dollar gekostet.

Um Carter zuzuhören, musste Nancy nur früh genug an der Kirche sein. Sie hat zehn Dollar in das Kollektenkörbchen gelegt. «Jeder kann für sich selbst entscheiden, was für ein Mensch er sein will», sagt Carter in der Kirche. «Jesus war nicht reich, trotzdem hat er ein vollkommenes Leben geführt.» Und nach seinem Unterricht bleibt der Altpräsident noch eine halbe Stunde geduldig sitzen, damit die Besucher ein Foto mit ihm machen können. Dann surrt der Motor, der Stuhl senkt sich, und der Mann vom Secret Service hilft Jimmy Carter auf die Beine.

Erstellt: 25.06.2019, 10:28 Uhr

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