Eine sehr beunruhigende Entwicklung

Donald Trump hat Hillary Clinton in den Umfragen überholt.

Schreien, wenn die Argumente fehlen: Donald Trump bei einer Wahlveranstaltung in Albuquerque, New Mexico. Foto: Jett Loe (AP, Keystone)

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Der Milliardär und Hobbypolitiker Donald Trump gilt in den USA zunehmend als normal. Im Wettbewerb um das Weisse Haus liegt er mehreren landesweiten Umfragen zufolge gleichauf oder sogar knapp vor der Millionärin und Profipolitikerin Hillary Clinton. Sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl sind solche Umfragen zwar noch nicht sehr belastbar, und am Ende entscheiden nicht so sehr landesweite Zahlen als vielmehr die Stimmung unter Wechselwählern in einigen wenigen Staaten. Und doch ist der Trend sehr beunruhigend: Immer mehr Amerikaner sind offenbar bereit, Trump trotz seiner Ausfälle gegen Ausländer und trotz seiner düsteren Drohungen mit Handelskriegen als einen normalen Kandidaten zu sehen.

Wer dies alarmistisch findet, sollte sich ansehen, wie leicht Trump die Republikanische Partei erobert hat. Vor ein paar Wochen noch wollten Amerikas Konservative ihn verhindern, notfalls mit einem Drittkandidaten in der Hauptwahl. Doch es hat sich keiner gefunden. Niemand wollte in den Verdacht geraten, der Demokratin Clinton ins Weisse Haus zu helfen. Im Namen von Parteiräson und chronischer Clinton-Aversion scharen sich die Republikaner jetzt lieber hinter Trump. Die Partei, die sich sonst für prinzipientreu hält, unterwirft sich damit einem Anführer, der jüngst im Fernsehen noch mit der Grösse seines Gemächts prahlte.

Mit einem Präsidenten Trump begäben sich die USA auf einen gefährlichen Weg; der Mann ist unberechenbar, er hetzt gegen Minderheiten, verträgt keine Kritik, besitzt weder Überzeugungen noch ein Programm. Seine Gegner müssten gerade jetzt und sehr eindringlich daran erinnern, nicht erst im Herbst. Jetzt, im Frühsommer, beginnt die breitere Öffentlichkeit, sich mit der Wahl zu beschäftigen. Etwa zu diesem Zeitpunkt vor vier Jahren definierten die Demokraten den republikanischen Kandidaten Mitt Romney als kalten Kapitalisten, und er wurde diesen Ruf nie mehr los. Bei Trump hingegen scheint der Widerspruch gerade ab-, nicht zuzunehmen.

Wettbewerb der Unbeliebten

Die Normalisierung Trumps hat auch mit den Schwächen Hillary Clintons zu tun. Anders als Trump ist sie noch immer nicht die designierte Kandidatin ihrer Partei, noch immer kämpft sie mit ihrem Rivalen, dem Linkspopulisten Bernie Sanders. Anders als Trump hat sie es noch nicht geschafft, ihre Partei zu einen. Und es bleiben ihre notorischen Schwächen als Wahlkämpferin: Noch immer wirkt Clinton verkrampft, gekünstelt, reizbar. Viele Amerikaner halten sie für unehrlich, sie misstrauen ihr, weil sie schon so lange der Macht und dem grossen Geld so nahe ist. Sie verkörpert das verhasste Washingtoner System. Die letzte Politikerin also, die Trump im Weissen Haus noch verhindern kann, ist ebenfalls unbeliebt.

Am Ende wird sich die Präsidentschaftswahl also weniger danach entscheiden, wer die Wähler mehr begeistert, sondern danach, wer sie weniger abstösst. Es galt lange als ausgemacht, dass Clinton in diesem Wettbewerb der Unbeliebten obsiegen würde, weil Trumps Temperament so offensichtlich ungeeignet ist. Aber Clinton kämpft selbst mit einem dauerhaften Nachteil: Sie ist schon so lange die Politikerin Hillary Clinton, dass sie die Politikerin Hillary Clinton bleiben wird. Niemand glaubt im Ernst, dass sie sich noch einmal ändern wird oder überhaupt ändern kann.

Trump jedoch trauen womöglich etliche Wechselwähler trotz seiner Exzesse zu, dass er andere, elegantere Rollen beherrscht. Amerikaner vergessen schnell, und vielleicht nehmen sie dem talentierten Verkäufer nun sogar sein kühnstes Versprechen ab: dass er ein kompetenter, verantwortungsbewusster Präsident werden könnte.

Erstellt: 26.05.2016, 00:01 Uhr

Ausschreitungen

Trump-Gegner randalieren

Bei einer Wahlkampfveranstaltung des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump im US-Bundesstaat New Mexico ist es zu Ausschreitungen gekommen. Mehrere Hundert Demonstranten versuchten am Dienstag, das Kongresszentrum in der Stadt Albuquerque zu stürmen. Sie rissen Absperrungen nieder und bewarfen Sicherheitskräfte mit Steinen und Flaschen. Auch drinnen im Saal gab es Proteste. Trumps Rede wurde durch Zwischenrufe unter­brochen. Im US-Vorwahlkampf provoziert der Milliardär durch seine polarisierenden Äusserungen. Regelmässig kommt es bei seinen Auftritten zu Protesten.

Trump ist der einzige verbliebene Bewerber der Republikaner. Bei der Vorwahl im Staat Washington sicherte er sich am Dienstag mit einem klaren Sieg weitere Delegierte für den Parteitag im Juli. Die nötige Zahl von 1237 Delegierten wird er bis dahin locker erreichen. Das Gleiche gilt für Hillary Clinton bei den Demokraten, deren letzter partei­interner Konkurrent Bernie Sanders jedoch noch nicht aufgegeben hat. (Reuters/SDA)

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