«Eine Tat der reinen Bosheit»

Ein 64-jähriger Rentner ist für den blutigsten Amoklauf der US-Geschichte verantwortlich. Donald Trump verurteilte die Todesschüsse und rief das Land zur Geschlossenheit auf.

Rettungskräfte bringen ein verletztes Opfer des Anschlags in Las Vegas in Sicherheit. Foto: Chase Stevens (Las Vegas Review-Journal, AP)

Rettungskräfte bringen ein verletztes Opfer des Anschlags in Las Vegas in Sicherheit. Foto: Chase Stevens (Las Vegas Review-Journal, AP)

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Das Profil des Täters ist das Profil eines «Lone Wolf», eines Einzelgängers ohne feste Wurzeln. Der 64-jährige Stephen P. lebte in Kalifornien, Texas und Florida und hatte eine Jagd- und Fischerlizenz in Alaska, bevor er vor zwei Jahren nach Nevada zog. Stephen P. lebte in der Kleinstadt Mesquite, rund 140 Kilometer nordöstlich von Las Vegas an der Grenze zu Arizona.

Anwohner in Florida berichteten, Rentner Stephen P. und seine Lebens­gefährtin hätten zwischen 2013 und 2015 unauf­fällig gelebt und seien nur selten zu sehen gewesen. P. arbeitete früher für ein Unternehmen, das zum Rüstungskonzern Lockheed gehört.

Eric P., der Bruder des Täters, zeigte sich ob des Vorfalls einerseits überrascht und andererseits geschockt. «Es ist, als ob ein Asteroid vom Himmel gefallen ist», sagte er. Zum letzten Mal habe er mit seinem Bruder gesprochen, um herauszufinden, wie es der Mutter in Florida nach dem Wirbelsturm Irma ging. Sein Bruder sei «kein gieriger Waffennarr» gewesen, meinte er. Und Stephen P. habe auch keinen militärischen Hintergrund gehabt. «Doch allein die Tatsache, dass Stephen diese Waffen hatte: Wo zum Teufel hat er diese automatischen Waffen hergehabt?», fragt sich auch Eric P.

Im Serienfeuer geschossen

Ersten Ermittlungen zufolge hatte Täter Stephen P. mehr als zehn Schusswaffen in seinem Hotelzimmer im 32. Stockwerk des Mandalay-Bay-Hotels als er die Fensterscheibe einschlug und das Feuer aus mehr als 300 Metern Entfernung auf die 22'000 Besucher des «Route 91 Harvest Festival» eröffnete. Auf Besucher­videos ist zu hören, dass er im Serienfeuer schoss. Das ist eigentlich nur mit offensiven automatischen Waffen, die für den Kriegseinsatz produziert werden, möglich.

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Als Eric P. vom Amoklauf in Las Vegas hörte, so erklärte er später, habe er gefürchtet, sein Bruder könnte auch seine Freundin umbringen. Marilou D. befand sich zur Tatzeit aber nicht in den USA. Sie wurde von der Polizei als mögliche Komplizin befragt, doch der Verdacht erwies sich offenbar als unbegründet.

Was war das Motiv?

Dafür machte die Terrororganisation Islamischer Staat geltend, Stephen P. sei zum Islam übergetreten und habe in ihrem Auftrag gehandelt. Solcherlei wies die US-Bundespolizei FBI gestern aber umgehend zurück. Der für Las Vegas zuständige Agent Aaron Rouse teilte mit, es bestehe «keine Beziehung zum internationalen Terrorismus». Diese Feststellung gilt es aber als provisorisch zu betrachten: Die Motive des Täters blieben zunächst völlig im Dunkeln.

Anthony Kappenman befand sich vor der Bühne, als die ersten Schüsse fielen. Wie viele andere Besucher auch, dachte er zunächst, die Schüsse seien Teil eines Feuerwerks. Erst als Täter Stephen P. zur zweiten Serie ansetzte, wusste er um die Gefahr. «Ich habe meine Freundin gepackt und sie in Sicherheit gebracht. Die Menge hat erst dann begriffen, dass es sich um Gewehrfeuer handelt.» Die Kugeln hätten in unmittelbarer Nähe eingeschlagen, sagte er gegenüber dem Lokalsender KTNV. «Eine Kugel hat meinen Kopf vermutlich nur um wenige Zentimeter verfehlt.» Bei der Flucht wurde er später am Bein und am Kinn getroffen. Im Spital eröffneten ihm die Ärzte, dass eine Kugel den Knochen durchschlagen hatte. Der Anschlag habe zwischen fünf und zehn Minuten gedauert und sich wie eine Ewigkeit angefühlt, sagt Kappenman.

In Panik geflohen

Der Country-Sänger Jason Aldean war am Sonntagabend kurz nach 22.00 Uhr Ortszeit daran, das dreitägige «Route 91 Harvest Festival» abzuschliessen, als die ersten Schüsse fielen. Er spielte zunächst weiter, brachte sich aber bei der zweiten Schussserie fluchtartig hinter der Bühne in Sicherheit. Später liess er über Instagram mitteilen, dass er und die ganze Band wohlbehalten seien.

Besuchervideos zeigen die panikartige Flucht der überwiegend jungen Konzertgäste und Dutzende von leblosen Körpern auf dem regennassen Asphalt. Ersten Meldungen zufolge kamen mindestens 58 Menschen ums Leben und mehr als 500 wurden verletzt. Der Amoklauf ist damit der gravierendste Anschlag eines Einzeltäters in der amerikanischen Geschichte. Beim zuvor schlimmsten Anschlag vom 12. Juni letzten Jahres in einem Homosexuellenclub in Orlando (Florida) wurden insgesamt 50 Menschen getötet und 68 weitere Personen teilweise derart schwer verletzt, dass sie ihr ganzes Leben unter den Folgen zu leiden haben werden.

Die Schwere der Anschläge hat in den letzten Jahren markant zugenommen. Seit 2012 kamen in den USA bei 13 Amokläufen mit Schusswaffen fast 200 Menschen ums Leben. Die Täter waren überwiegend junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren; fast alle Einzelgänger, Armeeveteranen oder radikalisierte Muslime.

Ein waffenfreundlicher Staat

Das Motiv der meisten Serienmörder ist ein Motiv des Zorns. Jeffrey Swanson, Psychiater und Verhaltensforscher an der Duke-Universität, warnt allerdings vor einer vorschnellen Klassifizierung des Täters. «Jede Massenschiesserei ist anders. Die Täter handeln oft zutiefst irrational.» Der Gewalttat gingen aber oft Drohungen oder andere Warnsignale voraus, sagt Swanson. Deshalb wäre es wichtig, dass auffälligen gewalttätigen Personen die Waffen weggenommen werden könnten. Nur drei US-Bundestaaten kennen aber ein solches Gesetz. Nevada, in dem Las Vegas liegt, gilt als einer der waffenfreundlichsten Staaten des ganzen Landes. «Es ist unglückselig, dass heute so viele Leute so einfach halbautomatische Waffen erwerben können», sagt Swanson. «Wir müssen unseren Kriterien verschärfen.»

Von einer Verschärfung wollte US-Präsident Donald Trump jedoch nichts wissen, als er zum Amoklauf Stellung nahm. Er sprach von einer «Tat der reinen Bosheit» und einer «schrecklichen, schrecklichen Attacke». Bei einem unüblich zurückhaltenden Auftritt rief Trump Gott als Beistand an und rief zur nationalen Geschlossenheit auf. «Unser Band kann mit Gewalt nicht gebrochen werden.» Der Präsident will morgen Mittwoch nach Las Vegas reisen. Hunderte von Freiwilligen folgten dem Aufruf, Blut für die Opfer zu spenden.

Erstellt: 02.10.2017, 22:04 Uhr

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