Politik ist ein Vollkontaktsport, aber ...

Ohne Berühren und Händeschütteln geht es in der Politik nicht. Anfass-Grenzen gelten trotzdem.

Joe Biden (links) mit Stephanie Carter, der Frau des US-Verteidigungsministers Ash Carter (rechts), 2015. Foto: Getty

Joe Biden (links) mit Stephanie Carter, der Frau des US-Verteidigungsministers Ash Carter (rechts), 2015. Foto: Getty

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Wo andere Luftküsschen geben, gibt er alles. «Joe Biden begegnet dir nicht einfach, er verschlingt dich. Da ist der Direktkontakt seiner blauen Augen, der feste Handschlag, während seine andere Hand dich am Arm packt. Da ist das Blitzen dieser legendären weissen Zähne. Es ist ein Frontalangriff auf deine Intimsphäre.» So schrieb ein Reporter des «Atlantic» 2010 über den US-Vizepräsidenten.

Nähe ist Bidens Masche, so macht er Politik. Ob Mann oder Frau, Wählerin oder Journalist: Er umarmt. «Vergiss die Bodyguards, die Helfer, Berater, Fotografen: Der Vizepräsident der USA kommt herein wie ein alter Kumpel, der dir etwas Wichtiges zu erzählen hat – nur dir.» Er rückt seinen Stuhl näher, und wenn das Mobiliar am Boden fixiert ist, lehnt er sich herüber, heisst es im «Atlantic». «Zur Betonung einer Aussage berührt er ab und zu dein Bein oder deinen Arm.»

Nun prüft Biden (76) eine Kandidatur als US-Präsident, und seine Lust am Körperkontakt wird zum Problem. Zwei Frauen werfen ihm unpassende Berührungen vor. Einer hat er von hinten die Hände auf die Schultern gelegt und sie aufs Haar geküsst, die andere berichtet von Händen am Hals und einem forcierten Nasenreiben.

«Es ist die falsche Zeit für Biden.»

Im Internet werden unvorteilhafte Fotos gesammelt: Biden lehnt zu nah heran, Biden flüstert in ein Ohr, Biden küsst. Es ist eine organisiert wirkende Kampagne, Amtsinhaber Donald Trump zeigte sich erfreut. Dass ihm selbst mindestens sechs Frauen sexuelle Belästigung vorwerfen – egal.

Freunde verteidigen Joe Biden. Er sei ein feiner Kerl, entstamme einer Zeit, in der Politiker eben mehr Körperkontakt hatten. Ob das hilft? Letztlich sagen diese Freunde: Biden ist ein politisches Tier aus einer anderen Zeit. Er ist alt. Er hat einmal gepasst, aber passt nicht mehr. «Es ist die falsche Zeit für Biden», kommentiert bereits eine Kolumnistin der «New York Times». Harmlos gemeinte Umarmungen seien so passé wie nicht bestellte Schultermassagen im Büro oder der Klaps auf den Hintern der Bedienung.

Politik ist kein normales Geschäft. Volksvertreter leben davon, dem Volk nahbar zu erscheinen. Das Bad in der Menge ist ein Ritual, von Solothurn bis São Paulo. Babys werden geküsst, Hände tausendfach geschüttelt. Viele Politiker leiden darunter, Trumps Vorgänger Barack Obama und George W. Bush tauschten sich über die besten Desinfektionslotionen aus, die ihre Gehilfen, die «Body Men», stets dabei hatten. Reibung macht dreckig.

Die Zukunft wird wohl berührungsärmer

In der alpenländisch kühlen Schweiz ist Körperpolitik weniger ein Thema. Die Umarmung von Adolf Ogi und Moritz Leuenberger nach dem Durchbruch im Gotthard-Basistunnel 2010 war eine Sensation, maximale Körperintensität, unser Bruderkuss.

Doch in der Politik gilt wie sonst auch: Was einst charmant oder zumindest lässlich war, ist heute falsch. Danach muss man sich richten. Wenn EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einer Kollegin durchs Haar wuschelt, ist das kein liebenswerter Affekt, sondern ein Relikt aus der Herrenwitz-Zeit, das nach Frühpensionierung schreit.

Ja, die Zukunft wird wohl berührungsärmer. Politiker werden weiter mit ihren Körpern arbeiten, sich aber strenger kontrollieren – auch weil ständig eine Kamera läuft. Man kann das bedauern, da Spontanität unter Druck kommt. Doch dass es uns alle heute etwas mehr interessiert, ob sich die spontan Angefassten betatscht fühlen oder nicht, ist in Ordnung.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.04.2019, 09:07 Uhr

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