Eine Woche reichte ihr, um zum Star der Partei zu werden

Alexandria Ocasio-Cortez ist eloquent, links und telegen. Das ist für Republikaner kaum auszuhalten. Für manche Demokraten auch nicht.

Alexandria Ocasio-Cortez mit ihrer Parteikollegin Jahana Hayes an ihrem ersten Tag im US-Kongress. Foto: Carlyn Kaster (AP)

Alexandria Ocasio-Cortez mit ihrer Parteikollegin Jahana Hayes an ihrem ersten Tag im US-Kongress. Foto: Carlyn Kaster (AP)

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Am Dienstag traten im amerikanischen Fernsehen vier Menschen auf. Der erste war der Präsident. Donald Trump sass an seinem Schreibtisch im Oval Office und erzählte den Bürgerinnen und Bürgern vom Vandalenangriff, den das Land derzeit erdulden müsse. Danach waren die Demokraten mit ihrer Antwortrede dran. Nancy Pelosi, Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, und Chuck Schumer, Chef der demokratischen Minderheitsfraktion im Senat, standen an einem Rednerpult, hinter sich eine Reihe amerikanischer Flaggen. Sie sahen ein bisschen aus wie der Farmer und seine Frau auf dem Gemälde «American Gothic» von Grant Wood – starr, ernst und vom vielen Sorgenmachen verhärmt.

Eine Viertelstunde später knallte es dann umso lauter. Der Krawall kam aus der «Rachel Maddow Show», einer Talksendung. Am Dienstag sass dort eine junge Frau mit langen dunklen Haaren. Zuerst ging es zwischen ihr und Maddow ein bisschen hin und her, aber dann legte sie los mit einem Frontalangriff auf den Präsidenten. «Die eine Sache, über die Trump nicht geredet hat, ist, dass er systematisch Menschenrechte an der Grenze bricht», sagte sie. «Der Präsident sollte nicht mehr Geld für eine Behörde fordern, die systematisch Menschenrechte verletzt. Er sollte sich dafür rechtfertigen, warum wir so eine Behörde überhaupt finanzieren.»

Diese junge Frau heisst Alexandria Ocasio-Cortez. Der Name ist in Zeiten von Twitter und Instagram etwas umständlich, weshalb sie allgemein unter dem Kürzel AOC bekannt ist.

Video: Eine 29-Jährige bringt Washington durcheinander

Alexandria Ocasio-Cortez ist in die US-Hauptstadt gekommen, um etwas zu bewegen. Und so sieht das dann aus.

Ocasio-Cortez ist 29 Jahre alt, Abgeordnete der Demokraten und vertritt seit dem 3. Januar im Repräsentantenhaus den 14. Wahlbezirk von New York. Sie ist die jüngste Frau, die je ins amerikanische Parlament gewählt wurde. Ihre Familie stammt aus Puerto Rico. Ihr Vater starb früh, sie wuchs mit ihrer Mutter auf, das Geld war knapp. Vor ihrer Wahl kellnerte Ocasio-Cortez in einem Taco-Lokal. Jetzt ist sie seit einer Woche im Amt. Und diese eine Woche reichte ihr, um zum Star ihrer Partei und des neuen Kongresses aufzusteigen. Am Dienstagabend konnte man sehen, warum: In wenigen Minuten schaffte Ocasio-Cortez es nicht nur, Donald Trump eins auszuwischen, sondern auch, die eigenen Parteiführer wie tranige Politbürokraten aussehen zu lassen.

Mehr Wucht als andere

Alexandria Ocasio-Cortez gehört zu einer Gruppe von Frauen, die bei der Kongresswahl im vergangenen November angetreten sind, weil sie von Donald Trump und seinem sexistischen, rassistischen Geschwätz genug hatten, ebenso aber auch von den Alteingesessenen in der eigenen Partei. Die meisten dieser Frauen sind jung und politisch dezidiert links.

Keine dieser Frauen aber hat eine solche Wucht entfaltet wie Alexandria Ocasio-Cortez. Normalerweise können Parlamentsneulinge froh sein, wenn die Lokalredaktionen daheim sich für sie interessieren. Rashida Tlaib erlebte in ihrer ersten Amtswoche gleich eine Medienkatastrophe: In einem Internet­video von einer Siegesfeier versprach sie begeisterten Anhängern, der «Motherfucker» Trump werde jetzt schleunigst aus dem Amt geworfen. Die «New York Times» – sonst eher etepetete, was unflätige Wörter angeht – druckte das komplette Zitat. Mikrofone meidet Tlaib seither lieber.

AOC wurde in ihrer ersten Woche hingegen von Anderson Cooper, einem der führenden CNN-Moderatoren, für ein landesweit ausgestrahltes Sonntagabendinterview gebucht. Am Dienstag folgte die Einladung von Rachel Maddow. Deren Show ist die wichtigste im linksliberalen Mediengeschäft, wer ein 8-Minuten-Segment bei Maddow bekommt, darf sich darauf durchaus etwas einbilden.

2,2 Millionen Anhänger auf Twitter

Und natürlich beherrscht Ocasio-Cortez auch das Spiel mit den sozialen Medien. Ihre politische Kommunikation erledigt sie weitgehend über Twitter, wo sie 2,2 Millionen Anhänger hat. Das sind nicht so viele wie bei Donald Trump (57 Millionen), aber mehr als bei Nancy Pelosi (1,9 Millionen) und Chuck Schumer (1,6 Millionen), die seit Jahrzehnten im Kongress sitzen.

Ocasio-Cortez weiss, was das wert ist: Vor einigen Tagen stellte ein anonymer Aktivist ein altes Video aus Ocasio-Cortez’ Studienzeit ins Internet, in dem diese zu sehen ist, wie sie sehr fröhlich und sehr harmlos mit Kommilitonen auf einem Hausdach tanzt. «Amerikas Lieblingskommunistin nannte sich früher Sandy», lautete der kryptische Kommentar dazu.

Video: Alexandria Ocasio-Cortez tanzte im College

Für ein Video aus College-Zeiten, das die junge US-Politikerin Ocasio-Cortez eigentlich diskreditieren sollte, wird sie nun im Netz gefeiert.

Das Video wurde so ein Renner, dass Ocasio-Cortez ein neues nachschob, das sie vor ihrem Abgeordnetenbüro drehte. Darin schaut sie kurz den Gang auf und ab, macht eine Drehung, zappelt ein bisschen mit den Händen und verschwindet lachend durch eine Tür. Im Hintergrund läuft das eigentlich untanzbare Lied «War» von Edwin Starr. Sie twitterte das zweite Video am 3. Januar, seitdem wurde es mehr als 20 Millionen Mal angeschaut. Das entspricht einem Drittel jener Amerikaner, die bei der letzten Kongresswahl für die Demokraten stimmten.

Wäre Twitter-Reichweite gleichbedeutend mit politischer Macht, dann wäre Alexandria Ocasio-Cortez eine mächtige Frau. Die Betonung liegt allerdings auf «wäre». Bisher ist sie vor allem eine Frau, die auf grossen und kleinen Bildschirmen sehr präsent ist. Was sie daraus machen kann, ist eine andere Frage.

Radikaler, grüner, linker

Sicher ist: Ocasio-Cortez und ihre Mitstreiterinnen sind ehrgeizig. Sie wollen die Demokraten zu jener Politik zwingen, die sie ihren Wählern versprochen haben – radikaler, linker, grüner. In einem Interview warf Ocasio-Cortez der demokratischen Führung vor einigen Tagen vor, zu mutlos und nachgiebig zu sein. Von ihren Zielen kann man das nicht sagen: Sie fordert eine Wende in der Energiepolitik und die völlige Abkehr von Öl und Gas. Ab 2035 soll Amerika nur noch grünen Strom erzeugen. Ausserdem ist sie für eine staatlich finanzierte, allgemeine Krankenversicherung und für kostenlose Universitäten. «In Amerika haben immer nur Radikale etwas verändert», sagte sie. Dann schlug sie vor, den Spitzensteuersatz auf 70 Prozent zu erhöhen.

Für Amerika grenzt es an sozialistisches Teufelszeug. Aber das ist Ocasio-Cortez egal. Genauso wie der Vorwurf der Republikaner, sie sei eine gefährliche, linksradikale Revoluzzerin. Ocasio-Cortez twitterte zurück: «Ihr solltet mich nicht hassen, nur weil ihr neidisch seid, dass ihr nicht so seid wie ich.»

Angeblich 2100 Milliarden Dollar entdeckt

Ocasio-Cortez und ihr Gewirbel stören freilich auch einige Demokraten. Sie hat sich Patzer und Fehler geleistet, zum Beispiel, als sie im Dezember mitteilte, sie habe 2100 Milliarden Dollar entdeckt, die irgendwo im Pentagon herumlägen. Damit könne man doch schon den Gutteil einer allgemeinen Krankenversicherung bezahlen. Wie sich herausstellte, existierte dieser sagenhafte Goldtopf dann doch nicht. Auch ihre Klage, dass es in der Öffentlichkeit für wichtiger gehalten werde, faktisch belegte Dinge zu sagen als moralisch richtige, kam nicht so gut an. Immerhin kämpfen die Demokraten ja gegen einen Präsidenten, der chronisch lügt.

«Da sind schon noch sehr viele Bildungslücken», sagt ein Parteikenner, der anonym bleiben will. «Vielleicht sollte sie erst mal ein bisschen was lernen, bevor sie alles aufmischt.» Ocasio-Cortez sei «sympathisch, aber anstrengend», sagt er. «In dieser Hinsicht ist sie ein typischer Millennial, kaum hat sie angefangen zu arbeiten, will sie eine Gehaltserhöhung.»

Keine mehrheitsfähige Politik

Der Grund für die Skepsis einiger Demokraten gegenüber Ocasio-Cortez ist aber nicht nur, dass sie so hibbelig ist. Gerade in Washington, wo Stimmanteile wichtiger sind als Klicks auf Tanzvideos, erinnert man sich recht gut daran, dass die junge Abgeordnete nicht im Repräsentantenhaus sitzt, weil sie bei der Wahl am 6. November einem Republikaner den Platz in der Kammer weggenommen hat. Stattdessen hat Ocasio-Cortez bei den parteiinternen Vorwahlen den demokratischen Amtsinhaber besiegt. Der Sieg in der Hauptwahl im November war eher Formsache, weil ihr Wahlkreis ohnehin solid demokratisch ist. Sie ersetzte in ihrem Wahlbezirk einen Demokraten namens Joseph Crowley, der den Sitz zuvor 20 Jahre lang innehatte. Mit der Rückeroberung der Macht im Abgeordnetenhaus von den Republikanern hatte sie wenig zu tun.

So war es bei vielen der jungen, wilden Linken. Das schmälert nicht deren Wahlerfolge. Aber es sagt etwas darüber aus, welche Politik und Personen wo in Amerika mehrheitsfähig sind. Oder eben nicht.

Das Rätsel der Rebellin

Es gibt durchaus Frauen, die bei der Wahl im November für die Demokraten Sitze von den Republikanern erobert haben. Die passen allerdings nicht so gut ins bunte, alternative Ocasio-Cortez-Raster. Die meisten von ihnen sind weiss, eher konservativ, vielleicht ein bisschen langweilig. Sie haben vor ihrer Wahl als Anwältinnen gearbeitet, als Lehrerinnen, manche beim Geheimdienst oder im Pentagon. Oder sie waren politisch engagierte Hausfrauen. Das sind keine so hippen Lebensläufe wie der von AOC. Aber es waren die richtigen, um Wahlen gegen Republikaner zu gewinnen. Dass Ocasio-Cortez ein enges Rennen gegen einen Republikaner gewinnen könnte, glaubt in Washington niemand.

Aber vielleicht muss sie das auch nicht, um die Demokraten nach links zu drücken. Ocasio-Cortez ist eine Ideen- und Meinungsmaschine, sie verschiebt und verbreitert allein durch ihre Auftritte und Vorschläge das Spektrum der politischen Positionen, die in der Partei als vertretbar gelten.

Dass sie etwas von Macht versteht, hat Ocasio-Cortez aber schon bewiesen. Als die Demokraten am 3. Januar die neue Vorsitzende des Abgeordnetenhauses wählten, stimmte sie trotz aller Kritik für die vermeintlich so mutlose und nachgiebige Nancy Pelsoi. Seither wird gerätselt, was Pelosi der jungen Rebellin dafür versprochen hat.

Was immer es war – Alexandria Ocasio-Cortez weiss offenbar, wen sie sich besser nicht zur Feindin macht.

Erstellt: 12.01.2019, 20:07 Uhr

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