Elefant im Porzellanladen

Donald Trump macht sich bei seinem Antrittsbesuch bei Nato und EU keine Freunde. Es ist höchste Zeit, dass sich die Europäer emanzipieren.

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Das Szenario für die Versöhnung war geschrieben, die Atmosphäre vorbereitet. Die Signale aus Washington waren entsprechend und die Erwartungen aufseiten der Europäer gross. Es hätte für den US-Präsidenten einiges an Klärungsbedarf gegeben bei diesem Antrittsbesuch. Schliesslich ist es nicht lange her, dass Donald Trump Brüssel als «Höllenloch» bezeichnet, die Nato für überflüssig erklärt und auf den Zerfall der EU gewettet hat.

Aber nein, Donald Trump nutzte die Gelegenheit nicht, um die transatlantischen Beziehungen zu reparieren. Im Gegenteil, er war ganz der ungehobelte Rüpel, der Elefant im Porzellanladen der freien Welt. Ein Mann zum Fremdschämen eigentlich, ein US-Präsident, der berechenbar unberechenbar ist. Symptomatisch die kurze Szene bei einem der Fototermine, als Trump den verdutzten Premierminister Montenegros brüsk zur Seite bugsierte und sich nach vorne drängte. Kein Wunder, macht die kurze Videosequenz Furore im Internet.

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Ein Affront aber war vor allem die Standpauke an die Adresse der versammelten Staats- und Regierungschefs bei der Eröffnung des neuen Nato-Hauptquartiers in Brüssel. Dabei haben sich die Verbündeten längst auf eine fairere Lastenverteilung verpflichtet und nach Jahren der Kürzungen bei den Verteidigungsausgaben die Trendumkehr eingeleitet. Zusätzlich sprach Trump noch ominös von «enormen Mengen Geld», welche andere Nato-Staaten den USA schuldeten. Der US-Präsident bewies einmal mehr, dass er nicht versteht oder nicht verstehen will, wie das Militärbündnis funktioniert.

Es gibt bei der Nato keine Mitgliederbeiträge, sondern nur Vorgaben für die Verteidigungsausgaben. Und diese wollen die Verbündeten bis 2024 erreichen. Die Europäer und der Kanadier im Club warten hingegen vergeblich auf ein klares Bekenntnis des Amerikaners zu Artikel 5 der Nato-Charta, zur sogenannten Beistandspflicht. Es wäre für Trump einfach gewesen, diese Worte zu sagen. Schliesslich weihte er bei seinem Auftritt auch ein Denkmal am Eingang zum Nato-Hauptquartier ein, das an die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA erinnert – das bisher einzige Mal, dass Artikel 5 aktiviert wurde. Es waren ausgerechnet die USA, die damals den Beistand der Verbündeten in Afghanistan beanspruchten.

Also nicht die erwarteten Zeichen der Einheit und Geschlossenheit, sondern neue Zweifel, ob die USA unter Trump in einem Ernstfall etwa mit Balten oder Polen solidarisch wären. Wladimir Putin in Moskau kann einmal mehr zufrieden sein mit seinem Mann im Weissen Haus.

Das Treffen zuvor mit der EU-Spitze war nicht besser verlaufen. Dass Trump sich dafür an den neuen Sitz von EU-Ratspräsident Donald Tusk begab, hatte man im Vorfeld als positives Zeichen gewertet. Doch der US-Präsident nutzte den Termin, um sein Unverständnis der EU-Handelspolitik zu beweisen, einmal mehr über Exportweltmeister Deutschland herzuziehen und sich über die vielen deutschen Autos auf Amerikas Strassen zu beklagen.

Deutliche Worte der Europäer

Es war, als wollte Trump den europäischen Verbündeten den Stinkefinger zeigen. Das ist ein schlechtes Omen für die sogenannte freie Welt, als deren zwei Pfeiler sich Nordamerika und Europa sonst gerne sehen. Immerhin gibt es Anzeichen, dass die Europäer sich emanzipieren. Trump hatte wohl gehofft, in Brüssel mit einer Präsidentin Marine Le Pen zu Mittag essen zu können. Nun musste er mit dem Proeuropäer Emmanuel Macron vorliebnehmen, dem er für seinen «überragenden» Sieg gratulierte. Beim Händeschütteln schien der Franzose jedenfalls den besseren Griff und mehr Ausdauer zu haben.

Wie überhaupt die Europäer selbstbewusst auftraten und nicht nur kopfschüttelnd auf Trumps Auftritt reagierten. Hinzu kamen deutliche Worte etwa von Tusk, der die Meinungsverschiedenheiten beim Handel oder beim Klimawandel klar benannte. Oder von Angela Merkel, die dem Mauerbauer in spe Trump zurief, dass nicht Abschottung und Mauern erfolgreich seien, sondern offene Gesellschaften, die auf gemeinsamen Werten aufgebaut seien.

Grund für Selbstvertrauen der Europäer gibt es genug. Nach der Wahl von Trump und dem Votum der Briten für den Brexit schien der Vormarsch der Populisten nicht mehr aufzuhalten. Inzwischen haben die Österreicher einen grünen EU-Fan als Bundespräsidenten, in den Niederlanden landete Trump-Verehrer Geert Wilders weit unter den Erwartungen, und Le Pen will nach der gescheiterten Wahl ihre Haltung zu Euro und EU überdenken.

Auf absehbare Zeit also kein Frexit und auch kein Nexit, wie es Trump und sein englischer Vertrauter Nigel Farage wohl gehofft hatten. Selbst der Brexit scheint nicht der grosse Erfolg zu werden. Ein Jahr nach dem Votum der Briten sind es die europäischen Partner, die auf einen raschen Start der Scheidungsgespräche drängen.

Die britische Premierministerin Theresa May kam unter dem Schock des Anschlags von Manchester nach Brüssel, wirkte aber auch sonst verzagt. Der US-Präsident sollte eigentlich ihr Verbündeter sein. Doch jetzt gibt es selbst unter den Angelsachsen Ärger, weil Trumps Leute Details aus den Ermittlungen in Manchester geleakt haben sollen.

In Grossbritannien schwächeln Pfund und Wachstum, während die Euroländer so gut dastehen wie lange nicht mehr. Trump hat sich mit dem Engländer Farage, der Französin Le Pen und dem Niederländer Wilders die falschen Freunde in Europa ausgesucht. Entsprechend einsam stand er am Ende in Brüssel da.

Der unberechenbare Mann im Weissen Haus und die Aussicht auf die Brexit-Verhandlungen haben die europäischen Partner zusammengeschweisst wie selten zuvor. Auf dem alten Kontinent ist der Sturm der illiberalen Nationalisten vorerst gestoppt – für die Europäer eine Atempause, um sich zu organisieren. Auch in der Hoffnung, dass die Trump-Ära wieder zu Ende geht und ein berechenbarer Partner ins Weisse Haus zieht.

Bildstrecke - Auch beim G7-Gipfel gab es Differenzen

Erstellt: 26.05.2017, 22:43 Uhr

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