Endspiel für Chapo Guzmán

Im Prozess gegen den Drogenboss klären sich jahrzehntealte Geheimnisse. Die Beweise sind erdrückend, doch Chapos Ehefrau glaubt an seine Unschuld.

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Je länger der Prozess dauert, desto besser geht es dem Angeklagten. Laut dem Prozessbeobachter von «El País» ist Chapo Guzmán nicht mehr der verlorene, verwirrte, leidende Mann, von dem seine Anwälte noch vor einigen Monaten behaupteten, er sei ob der unmenschlich harten Haftbedingungen drauf und dran, den Verstand zu verlieren. Die spanische Zeitung schreibt: «Täglich für sechs Stunden die Zelle zu verlassen, von seinen Anwälten umgeben zu sein und den Aussagen der Zeugen zu folgen, ist für ihn zur Therapie geworden. (...) Er macht ständig Notizen und diskutiert mit seinem Verteidigerteam, er unterbreitet ihm Ideen. Er weiss, dass er Protagonist ist.»

Am 5. November 2018 hat im Federal District Court in Brooklyn, New York, der Prozess gegen Chapo Guzmán begonnen. In einem oder zwei Monaten soll die zwölfköpfige Jury das Urteil fällen. Die Sitzungen beginnen jeweils um 9.30 Uhr. Im Gerichtssaal 8D sind 50 Plätze für Zuschauer reserviert, 17 davon für Journalisten, einer für Guzmáns Ehefrau Emma Coronel, die bisher an jedem Verhandlungstag anwesend war.

Was sich in Brooklyn abspielt, ist der bedeutendste Mafiaprozess in der Geschichte der USA.

Wer als Zuschauer an einer Sitzung teilnehmen will, muss mindestens um 7 Uhr beim Gerichtsgebäude sein und darauf hoffen, dass die Liste mit den Interessierten nicht schon voll ist. Am 28. Dezember 2018 schrieb der Gerichtsreporter der «New York Times»: «Der dramatischste Moment ist, wenn eine Gruppe von Federal Marshals Chapo Guzmán vom Sicherheitsbereich in den Gerichtssaal bringt. Er trägt meist Anzug und Krawatte, aber einmal, während der Auswahl der Jurymitglieder, hatte er das Hemd offen bis zum Brustbein, im Stile von ‹Scarface›.»

Hier eine Übersicht über Hintergründe, Ereignisse und die bisher wichtigsten Zeugenauftritte im Prozess gegen Chapo Guzmán.

Worum es geht

Was sich gegenwärtig in Brooklyn abspielt, ist der bedeutendste Mafiaprozess in der Geschichte der USA. Angeklagt ist der 61-jährige Mexikaner Joaquín Guzmán Loera alias Chapo Guzmán (der kleine Guzmán). Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen der Welt angeführt zu haben, das Kartell von Sinaloa. Der Prozess liefert eine Art Röntgenbild mexikanischer Kartelle und des internationalen Drogenhandels: Figuren, Allianzen, Hierarchien, Transport- und Schmuggelrouten, Machtkämpfe, Vergeltungsaktionen, Morde.

Dabei zeigt sich, dass die Welt der mexikanischen Drogenmafia so bizarr ist wie die halb fiktionalen Werke eines Don Winslow und so blutig wie eine Netflix-Serie. Oder noch schlimmer. Der Chapo-Guzmán-Prozess bedient nicht zuletzt den voyeuristischen Lustgruselinstinkt des Publikums, bloss sind die Gräueltaten, die darin geschildert werden, real. Im Fall einer Verurteilung droht Chapo Guzmán eine lebenslängliche Gefängnisstrafe.

Die Strategie der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung

Die Staatsanwaltschaft hat bisher sechs von insgesamt 16 Kronzeugen aufgeboten. Die meisten sind ehemalige Mitglieder des Sinaloa-Kartells, die an die US-Justiz ausgeliefert und in den Vereinigten Staaten bereits verurteilt wurden. Als Belohnung für ihre Aussagebereitschaft können sie mit erleichterten Haftbedingungen oder einer vorzeitigen Entlassung rechnen. Die Beweise, welche die Staatsanwaltschaft bisher gegen Chapo Guzmán vorgelegt hat, sind erdrückend.

Das Verteidigerteam des Mexikaners argumentiert, die Zeugenaussagen seien allesamt unglaubwürdig, weil sie von skrupellosen Verbrechern stammen, die einzig auf persönliche Vorteile schielen. In den Kreuzverhören versuchen die Verteidiger, die Belastungszeugen unglaubwürdig erscheinen zu lassen, indem sie ihnen Widersprüche und Ungereimtheiten nachweisen – ganz wie im Film. Guzmáns Anwalt Jeffrey Lichtman bezeichnet sie ihres angeblichen Opportunismus wegen als «degeneriert».

Wer die rund fünf Millionen Dollar bezahlt, welche Guzmáns erfahrene, hochkarätige Anwälte laut Experten insgesamt kosten dürften, und woher diese Summe stammt, ist nicht bekannt.

Von politischer Bedeutung ist eine weitere Strategie der Verteidigung: Sie versucht, Chapo Guzmán als kleines Rädchen in einer gigantischen kriminellen Maschinerie darzustellen, die in Wahrheit von viel grösseren, mächtigeren Figuren angetrieben wird. Hinweise auf die Verstrickung mexikanischer Politiker und hochrangiger Sicherheitsfunktionäre blockt der Richter Brian Cogan jedoch häufig ab. Er will dadurch verhindern, dass der Prozess ausufert, dass sich die Aufmerksamkeit der Jury und der Öffentlichkeit vom Angeklagten abwendet und sich stattdessen auf Mexikos Korruptionssumpf richtet.

In Mexiko hatte man sich vom Prozess gegen Chapo Guzmán eine ähnliche Wirkung erhofft wie von einer Wahrheitskommission. Diese Erwartungen hat Richter Cogan enttäuscht. Trotzdem lässt sich bereits jetzt sagen: Die Aussagen der Belastungszeugen zeigen, dass der mexikanische Korruptionssumpf noch tiefer, breiter und stinkender ist, als man es jemals gedacht hätte. Dazu gleich mehr.

Vicente Zambada Niebla verrät seinen eigenen Vater

Einen der bisher eindrücklichsten Auftritte hatte ein Mann mit dem Spitznamen «El Vicentillo», der kleine Vicente. Dessen Vater ist Ismael Zambada García, der seit Jahrzehnten flüchtig ist und als heutiger Chef des Sinaloa-Kartells gilt. Sein Sohn, vom Drogenboss schrittweise ins Geschäft eingeführt, hatte sich innerhalb der Verbrecherorganisation zu einer wichtigen Figur entwickelt. Am 19. März 2009 wurde Vicente Zambada Niebla in Mexiko-Stadt verhaftet, später lieferte ihn die mexikanische Justiz in die USA aus.

Verrat am eigenen Vater: Vicente Zambada Niebla, Sohn des Drogenbosses Ismael Zambada García. Foto: Keystone

Bei seinem Auftritt am Chapo-Prozess grüsste «El Vicentillo» den angeklagten Drogenboss ehrfürchtig, doch dann erzählte er alles, was er über ihn und das Sinaloa-Kartell weiss: Namen, Daten, Verbindungen, Komplizen, Lieferanten, Operationen, alles. Damit verriet er seinen eigenen Vater. Eine der ersten Fragen, die ihm die Staatsanwaltschaft stellte, war: «Was arbeitet Ihr Vater?» Worauf Zambada antwortete: «Mein Vater ist der Anführer des Sinaloa-Kartells.»

Vicente Zambada Niebla soll jahrelang ein Informant der US-Drogenpolizei DEA gewesen sein.

Ausserdem sagte «Vicentillo» aus, er habe sich 2007 mit einer Gruppe wichtiger mexikanischer Politiker sowie mit Managern des staatlichen Erdölkonzerns Pemex getroffen. Sie hätten darüber gesprochen, 100 Tonnen Kokain in einem Pemex-Tanker in die USA zu transportieren. Ein General der mexikanischen Armee habe monatlich 50’000 Dollar Schmiergeld erhalten. Auf der Lohnliste des Kartells sei auch der Name eines Leibwächters des ehemaligen mexikanischen Präsidenten Vicente Fox gestanden.

Vicente Zambada Niebla wurde 2013 in Chicago verurteilt. Seine Anwälte behaupteten damals, er sei jahrelang ein Spitzel der amerikanischen Drogenpolizei DEA gewesen. Für seine Informationen über rivalisierende Kartelle hätten die amerikanischen Ermittler das Sinaloa-Kartell mehr oder weniger in Ruhe gelassen. Ähnliche Gerüchte zirkulierten in den Nullerjahren auch in Mexiko. 2011 schrieben Zambadas Anwälte: «Die Regierung der Vereinigten Staaten hat sich mit einem der weltweit grössten Drogenkartelle verschworen.» Auf Anweisung von Richter Cogan durften die Vorwürfe beim Chapo-Prozess nicht erwähnt werden.

Und auch der Bruder des Bosses ist ein Verräter

Nicht nur der Sohn des gegenwärtig mächtigsten mexikanischen Drogenbosses hat beim Chapo-Prozess ausgesagt, sondern auch sein Bruder Jesús «El Rey» Zambada. Er beschrieb, wie er Beamte der mexikanischen Flughafenpolizei, der Bundespolizei und selbst Angestellte von Interpol bestach. Allein in Mexiko-Stadt habe er dafür 300’000 Dollar monatlich eingesetzt. Schmiergelder in der Höhe von drei Millionen Dollar habe auch Genaro García Luna angenommen, der zwischen 2006 und 2012 Mexikos Minister für Innere Sicherheit war. Zusätzlich habe er vom Kartell der Gebrüder Beltrán Leyva 56 Millionen Dollar erhalten. Zuständig für die Bestechungen sei Héctor Beltrán Leyva gewesen. Dieser starb einen Tag vor Zambadas Aussage in einem mexikanischen Gefängnis, angeblich an einem Herzinfarkt.

«El Rey» Zambada war auch bereit, zuzugeben, einen mexikanischen Präsidenten mit sechs Millionen Dollar bestochen zu haben. Der Richter verbot es ihm, «um Individuen und Institutionen zu schützen, die in diesem Prozess nicht vertreten sind und in Verlegenheit geraten würden». Am Ende seiner Aussage wurde Jesús Zambada von einem Anwalt der Verteidigung höhnisch gefragt: «Wissen Sie, was eine Telenovela ist? Haben Sie schon mal eine geschrieben?»

Chapo Guzmán in der Schweiz

Miguel Ángel Martínez hatte innerhalb des Sinaloa-Kartells die Funktion eines Buchhalters. Er beschrieb vor Gericht den Reichtum und das Luxusleben des Chapo: Flugzeuge, Jachten, Haziendas, Villen, Autos. «Ein Landgut war mit vier Schwimmbädern ausgestattet. Und einem Privatzoo mit Tigern, Löwen, Panthern und Rotwild. Besucher fuhren in einem kleinen Zug durch den Zoo.» Laut Martínez, der Guzmán zwischen 1987 und 1993 zu Diensten war, reiste der Anführer des Sinaloa-Kartells mindestens einmal auch in die Schweiz, um sich einer «Verjüngungskur» zu unterziehen.

Ein Mann wie aus Frankensteins Labor

Um sein Aussehen so zu verändern, dass ihn selbst die eigene Mutter nicht mehr erkennen würde, hat sich der Kolumbianer Juan Carlos Ramírez Abadía alias «Chupeta» sechsmal einer plastischen Chirurgie unterzogen, an den Augen, der Nase und den Ohren, den Backenknochen, dem Kinn und den Wangen. Das Resultat liess Jury und Zuschauer erschaudern. Und laut dem Berichterstatter von «El País» war selbst Chapo Guzmán, der «Chupeta» vor mehr als zehn Jahren letztmals gesehen hat, sichtlich erstaunt. Nachdem Ramírez 2007 in São Paulo verhaftet worden war, identifizierten ihn die Ermittler aufgrund seiner Stimme und seiner Fingerabdrücke.

«Chupeta» war der Mann, der Chapo Guzmán tonnenweise mit reinem kolumbianischen Kokain belieferte. Die mexikanischen Zulieferer nannten den Mexikaner «el rapido», der Schnelle. Kokain sei oft von einer Firma nach Mexiko transportiert worden, die angeblich auf die Organisation von Banketten und festlichen Anlässen spezialisiert war. Danach dauerte es jeweils «weniger als eine Woche», bis Guzmán die Droge in die USA geschmuggelt hatte.

Mit stolzer Selbstverständlichkeit gab «Chupeta» zu, für mindestens 150 Morde verantwortlich zu sein.

Ramírez behauptete, er habe Millionen Dollar Bestechungsgelder gezahlt, an kolumbianische Abgeordnete und hochrangige Polizisten. Er habe den Wahlkampf des späteren Präsidenten Ernesto Samper mit einer halben Million Dollar unterstützt und Journalisten mit Geld dazu bewogen, nichts über ihn zu schreiben. Ein schriftliches «Freies Geleit» eines Abgeordneten habe ihn eine Million Dollar gekostet.

Mit stolzer Selbstverständlichkeit gab «Chupeta» zu, mindestens 150 Morde angeordnet und einige auch selbst ausgeführt zu haben. Nachdem ihn ein Drogenhändler namens Victor Patiño Fómeque vor einem US-Gericht belastet hatte, liess er dessen Familienangehörige, Anwälte, Freunde und Geschäftspartner hinrichten, insgesamt 35 Personen. Auf die Ermordung zweier kolumbianischer Polizistinnen angesprochen, reagierte Chupeta vor Gericht mit einem «thumbs-up», erhobenen Daumen.

Gruseliger Auftritt vor Gericht: Juan Carlos Ramírez Abadía alias «Chupeta», entstellt nach vielen Gesichtsoperationen. Foto: Keystone

Der Gerichtsreporter der englischen Zeitung «The Guardian» schreibt: «Das einzige Mal, als er so etwas wie Reue zeigte, betraf es den Verlust von zwei Drogenladungen an die amerikanischen Behörden.» Seine Taten rechtfertigte Chupeta mit den Worten: «Es ist unmöglich, Anführer eines kolumbianischen Kartells zu sein, ohne Gewalt einzusetzen.»

Die reumütigen Zwillinge

Die Zwillingsbrüder Pedro und Margarito Flores aus Chicago waren jahrelang Guzmáns wichtigste Statthalter im grössten und kaufkräftigsten Drogenabsatzmarkt der Welt, den USA. Laut Schätzungen haben sie für das Kartell von Sinaloa illegale Substanzen im Wert von 800 Millionen Dollar umgesetzt. Als sie am reichsten und mächtigsten waren, beschlossen sie, ihre kriminelle Laufbahn abzubrechen, sich der Justiz zu stellen und alles zu erzählen, was sie wussten.

Zuvor hatten sie begonnen, ihre Kontakte zur mexikanischen Verbrecherorganisation zu dokumentieren und Gespräche mit deren Anführern heimlich aufzuzeichnen. Der «Verrat» der Gebrüder Flores war für das Sinaloa-Kartell ein furchtbarer Schlag. Als Belohnung verurteilte sie die Justiz zu lediglich 14 Jahren Gefängnis.

Bei seinem Auftritt vor Gericht nannte Pedro Flores den Angeklagten zwar höflich «Señor». Doch der Effekt der beiden Gesprächsmitschnitte, welche die Anklage den Jurymitgliedern dank Flores präsentieren konnte, war für Chapo Guzmán verheerend. Es ist zu hören, wie er mit den Zwillingsbrüdern in der Nacht des 15. November 2008 über eine Lieferung von 20 Kilo Heroin verhandelt. Er nennt seinen Gesprächspartner «Amigo» und sagt Dinge wie «Ich stehe zu deiner Verfügung». Chapo Guzmán sei immer ausnehmend höflich gewesen, kommentierte Pedro Flores vor Gericht.

Die Aufnahme war für die mexikanischen Behörden ein entscheidendes Element, um Chapo Guzmáns Auslieferung an die Vereinigten Staaten juristisch zu begründen. Und sie ist der bisher wohl gewichtigste Beweis für seine Schuld, weil es den Verteidigern des Mexikaners unmöglich ist, sie als erlogen zu deklarieren.

Die unerschütterliche Ehefrau

Emma Coronel Guzmán, 29 Jahre alt, ehemalige Schönheitskönigin aus Sinaloa, verleiht dem Prozess jenen Zug ins Telenoveleske, den man niemals für möglich hielte, bekäme man ihn nicht täglich vorgeführt. Denn täglich macht sich Emma Coronel auf den Weg zum Gerichtssaal, im Gesicht eine Sonnenbrille mit überdimensionierten Gläsern, im Mund fast immer einen Kaugummi (schreibt zumindest der Reporter des englischen «Guardian»). Wenn Chapo Guzmán hereingeführt wird, winkt er seiner Gattin zu, und während der Verhandlung sucht er häufig ihren Blick. Aber umarmen durfte er sie seit seiner Auslieferung an die US-Justiz noch nie.

Zweimal musste das Gericht Emma Coronel ermahnen, weil man sie im Gerichtsgebäude mit einem Handy erwischt hatte. Da die Frau des Drogenbosses in Santa Clara, Kalifornien, geboren wurde, ist sie US-amerikanische Staatsbürgerin, genau wie die beiden Zwillingsmädchen Emalí Guadalupe und Maria Joaquína Guzmán, die ebenfalls in Kalifornien zur Welt kamen.

Interview mit Emma Coronel, der Ehefrau von «El Chapo». Quelle: Youtube/Telemundo

Die junge Frau hat in Culiacán, der Hauptstadt von Sinaloa, Journalismus studiert. Ihr Vater Ines Coronel Barreras gehört ebenfalls dem Sinaloa-Kartell an. Emma Coronel ist im sogenannten goldenen Dreieck aufgewachsen, dem von der Drogenmafia beherrschten Grenzgebiet zwischen den mexikanischen Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua. Ihren heutigen Ehemann hat sie 2006 bei einem Dorffest kennen gelernt. Zu ihren fast 600’000 Followern auf Instagram gehört Diego Maradona, der kürzlich das Management des Fussballclubs Sinaloa Dorados übernommen hat.

Chapo Guzmán sei ein ehrlicher, einfacher und grundgütiger Mensch, sagt seine Frau Emma Coronel.

Mitte Dezember hat Emma Coronel Guzmán dem spanischsprachigen Fernsehsender Telemundo ein Interview gegeben. Darin lässt sie nie auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen, dass sie an Chapo Guzmáns Unschuld glaubt. In keinem Moment vermittelt sie den Eindruck, dass all die Schilderungen von den Verbrechen, die sie täglich zu hören bekommt, ihren Glauben auch nur erschüttern könnten, wonach Chapo Guzmán ein ehrlicher, einfacher, grundgütiger Mensch sei. Auf die Frage, wovon sie lebe, spricht sie von «Grundstücken mit Bewässerungsanlagen», die sie besitze und legal verwalte. Als Chapo Guzmán im Januar 2017 in die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde, schrieb Coronel auf Twitter: «Egal, was passiert, ich habe dir versprochen, immer für dich da zu sein, und hier bin ich.»

Dies und das

Der Prozess gegen Chapo Guzmán hat in Brooklyn einen eigentlichen «Narco-Tourismus» entstehen lassen: Leute, die sich vor dem Gerichtsgebäude versammeln, in der Hoffnung, einen Blick auf einen der Protagonisten werfen zu können. Das von der Anklage vorgelegte Material umfasst 300’000 Dokumente und Zehntausende von Fotos, Videos und aufgezeichneten Gesprächen. Die Mitglieder der Jury haben mittlerweile Dutzende Codewörter und Decknamen gelernt, mit denen die mexikanischen Drogendealer ihre Aktivitäten benennen: «Fiestas» (Feste) für die Nächte, in denen grosse Transporte unterwegs sind. «Muchachas» (Frauen) für geheime Landepisten. «Camisas» (Hemden) für Kokain. «Documento» für Geld.

Was noch kommt

In den folgenden Wochen werden voraussichtlich noch zwei Themen ausführlich erörtert werden: wie und mit wessen Hilfe es Chapo Guzmán zweimal gelungen ist, aus mexikanischen Hochsicherheitsgefängnissen zu entkommen. Und die unfassbar blutigen und grausamen Kriege, die das Kartell von Sinaloa unter Chapo Guzmán gegen andere Verbrechersyndikate geführt hat: gegen die Gebrüder Beltrán Leyva, die Gruppe «Los Zetas» oder das Juárez-Kartell. Das Gemetzel um Ciudad Juárez machte die Stadt an der Grenze zu Texas zwischen 2008 und 2010 dreimal hintereinander zum gefährlichsten Ort der Welt. In dieser Zeit stieg die Mordrate um 800 Prozent und erreichte phasenweise unglaubliche 191 Morde auf 100’000 Einwohner. Auf die Frage, was sie an ihrer Stadt trotzdem schön finde, antwortete damals die mexikanische Journalistin Blanca Carmona nach langem Zögern. «Vielleicht die Sonnenuntergänge.»

Erstellt: 08.01.2019, 21:31 Uhr

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