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Epochales Ereignis in Mexiko

Der 64-jährige Andrés Manuel López Obrador verdankt seinen Wahlsieg seiner Aura – und nicht seinem teils illusorischen Programm.

Der Linke Andrés Manuel López Obrador gewinnt die Präsidentenwahl in Mexiko. (Video: Reuters)

Dass Politiker ihre Wahlsiege als «historisch» bezeichnen, ist normalerweise so bedeutsam wie das Summen einer Stubenfliege. Beim neuen mexikanischen Präsidenten ist es anders: Mit Andrés Manuel López Obrador hat erstmals ein Linker die Macht in einem der konservativsten Länder Lateinamerikas errungen, und dies ohne den Rückhalt einer traditionellen Partei. Dass es der bisherige Machtapparat unterlassen hat, den epochalen Vorgang durch Wahlfälschungen oder gar einen Mordanschlag auf López Obrador zu ver­hindern, haben seine Anhänger erleichtert aufge­nommen. Dass solche Szenarien nicht völlig abwegig waren, sagt einiges aus über Mexiko. Und über die kolossale Aufgabe, die López Obrador bevorsteht.

Den Triumph verdankt der 64-Jährige weniger seinem vagen, teils illusorischen Programm als vielmehr seiner Aura: López Obrador, der Mann aus dem Volk, zäh, bescheiden, unermüdlich, ehrlich. Was seine Strahlkraft trotz dürftigem rhetorischem Talent noch verstärkt, ist die allgegenwärtige Abscheu vor etablierten Parteien und Politikern, vor dem raffgierigen Klüngel, den López Obrador «Mafia der Macht» nennt. Bei seinen erfolglosen Kandidaturen in den Jahren 2006 und 2012 gelang es seinen Gegnern noch, viele Wähler zu erschrecken, indem sie ihn als «mexikanischen Hugo Chávez» diffamierten. Diesmal versuchten sie es erneut – und mussten feststellen, dass der Vorwurf des «Anti-System-Kandidaten» zu einer Auszeichnung geworden war.

López Obrador hat früher linke bis linksradikale Positionen vertreten und oft nationalistische Anwandlungen gezeigt. Im Verlaufe der Jahre hat er sich gemässigt. Er hat sich sogar mit einzelnen Exponenten jener korrupten Kaste verbündet, die er eigentlich bekämpfen will. Deshalb weiss niemand, ob in Mexiko ein Revolutionär oder ein Reformer das höchste Amt antreten wird. Für López Obrador spricht die gute Arbeit, die er von 2000 bis 2005 als Bürgermeister von Mexiko-Stadt geleistet hat. Gegen ihn spricht, dass jemand, der so grosse und so oft enttäuschte Hoffnungen verkörpert, nach menschlichem Ermessen eigentlich nur scheitern kann.

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