Er tänzelt, er schwitzt – und hofft auf ein Wunder

Beto O’Rourke will in Texas für die Demokraten einen Sitz im US-Senat erobern. Selten erzeugte ein Kandidat einen derartigen Hype – und doch droht ihm der Absturz.

Beto O’Rourke verzichtet im Wahlkampf darauf, seinen Konkurrenten Ted Cruz anzugreifen. Foto: Getty Images

Beto O’Rourke verzichtet im Wahlkampf darauf, seinen Konkurrenten Ted Cruz anzugreifen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist das der Retter der Demokraten? Der neue Bobby Kennedy? Der weisse Obama? Wer an diesem Abend in San Antonio eine Antwort auf diese Fragen sucht, muss erst die Tex-Mex-Partyband überstehen, die ihre Spielzeit auf der Bühne längst um das erträgliche Mass überschritten hat. Das Schlagzeug stampft, die Handorgel jammert, und der Frontmann mit dem Cowboyhut schreit Songzeilen in das Mikrofon, bei denen sich auch die vielen zweisprachigen Leute im Publikum nicht sicher sind, ob das jetzt Englisch ist oder Spanisch oder sonst etwas. Irgendwann ist es vorbei, endlich, die Band verschwindet, und auf die Bühne tritt Beto O’Rourke.

Auf dem Papier ist Robert O’Rourke Kandidat der Demokratischen Partei von Texas für einen Sitz im US-Senat. In Wahrheit ist O’Rourke, den alle nur Beto nennen, viel mehr: die personifizierte Hoffnung des linken Amerika. Ein 46 Jahre alter, charismatischer Politiker aus der Grenzstadt El Paso, der in einem der konservativsten Bundesstaaten einen Sieg holen will, der vor dieser Kampagne ähnlich realistisch schien wie die Aussicht der Tex-Mex-Band in der Cowboy Dancehall auf einen Grammy.

Doch nun ist sie da, Beto O’Rourkes Chance. Kurz vor dem Wahltag zeigen ihn die Umfragen zwar immer noch hinter seinem Rivalen Ted Cruz, sieben Prozentpunkte im Schnitt – aber in Reichweite. Wird er am 6. November gewählt, wäre es eine Sensation, die weit über Texas hinaus strahlen würde.

Für schärfere Waffengesetze

Jetzt steht O’Rourke, der einst in einer Punkrock-Band spielte und heute Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus ist, auf der Bühne, wobei «stehen» nicht das richtige Wort ist. Eher tänzelt er, von links nach rechts, von vorne nach hinten, immer in Bewegung. Er trägt dunkle Hosen und ein hellblaues Hemd, die Ärmel sind hochgekrempelt, die Haare verwuschelt.

Ab und zu geht er in die Knie und schüttelt die Hände von Leuten im Publikum. Viele dieser Leute tragen T-Shirts und Stecker mit einem «Beto»-Schriftzug, sie halten ihre Handys in die Luft und filmen, während O’Rourke oben spricht. Es ist der letzte von vielen Anlässen an diesem Tag, er ist heiser und schwitzt, und er sagt gleich zu Beginn: «Ich fühle mich besser als ich aussehe. Viel besser!»

Sein Appell an die Amerikaner: Lasst uns den politischen Gegner wieder respektieren.

O’Rourkes Botschaft besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist ein inhaltlicher: Er ist für schärfere Waffengesetze, eine Einheitskrankenkasse, bessere Löhne für Lehrer und eine Legalisierung von Marihuana. Darin unterscheidet er sich nicht gross von anderen Demokraten, die diesen Herbst überall im Land zur Wahl antreten.

Aber da ist der zweite Teil seiner Botschaft, ein grundlegender, optimistischer, man könnte auch sagen: hochfliegender Appell an die Amerikaner: Lasst uns den politischen Gegner wieder respektieren. «Wenn du Republikaner bist, bist du hier am richtigen Ort», ruft O’Rourke von der Bühne. «Wenn du Demokrat bist, bist du am richtigen Ort. Alles, was zählt, ist, dass wir gemeinsam hier sind.»

Wahrscheinlich sind hier an diesem Abend nicht viele Republikaner im Saal, doch O’Rourke sagt Sätze wie diesen überall, wo er auftritt. Seit 20 Monaten ist er auf Wahlkampftour, er hat alle 254 Bezirke von Texas besucht, einem Bundesstaat, der 16-mal so gross ist wie die Schweiz.

Und viele hören seine Botschaft gerne, besonders in aufgewühlten Zeiten wie diesen, in denen Politiker Paketbomben zugeschickt erhalten und Betende in einer Synagoge erschossen werden. In Zeiten, in denen im Weissen Haus einer sitzt, der die Opposition als «Tiere» bezeichnet und die Medien als «Volksfeinde».

O’Rourke verzichtete in seinem Wahlkampf grösstenteils darauf, seinen Konkurrenten Ted Cruz anzugreifen – obwohl dieser für die spalterische Politik steht, die Amerika derzeit prägt. Und viele Leute in Texas schätzen genau das. «Beto hat eine ­inspirierende Art», sagt Michael Munoz, ein 28-jähriger Verkäufer, der im «Beto»-T-Shirt in die Cowboy Dancehall gekommen ist. «Im Gegensatz zu Cruz sehe ich von ihm keine Negativ­werbung. Wenn ich beide Kampagnen vergleiche, ist der Unterschied glasklar.» An O’Rourke möge er, wie er über Livevideos auf Facebook zu seinen Anhängern spreche – beim Autofahren, in der Waschküche. «Beto ist zugänglich und authentisch.»

Es ist auch diese Art, die dazu geführt hat, dass sich in progressiven Kreisen ein beispielloser Hype um O’Rourke entwickelt hat. Dass nationale und internationale Medien seinen Wahlkampf begleiten wie kein anderes Rennen in diesem Herbst. Und dass er bereits als Präsidentschaftskandidat für 2020 gehandelt wird, obwohl das weit hergeholt ist. Die Hoffnung, die O’Rourke bei linken Amerikanern im ganzen Land ausgelöst hat, sieht man auch an den riesigen Geldbeträgen, die O’Rourke gesammelt hat. Allein von Juni bis September waren es 38 Millionen Dollar – ein einsamer Rekord. Und würde man seine Wahlchancen anhand der Zahl der viralen Videos über ihn messen: Er hätte längst gewonnen.

Tod in der politischen Wüste

Doch die Entscheidung fällen die Wähler von Texas. Und Texas, das ist für die Demokraten seit vielen Jahren eine politische Wüste, in der schon mehr als eine vielversprechende Karriere ein frühes und klägliches Ende nahm. Das letzte Mal, dass die Partei hier einen Sitz im Senat eroberte, ist 30 Jahre her.

Und blendet man die Aufregung um seine Person aus, sprechen nicht viele Dinge dafür, dass es diesmal anders sein wird. O’Rourke vertritt – im Gegensatz zu anderen Demokraten in konservativen Staaten – eine konsequent linke Politik. Das ist zwar prinzipientreu, aber ob er damit ­genügend unabhängige und moderate Wähler überzeugen kann, ist zweifelhaft. O’Rourke verfolgt deshalb eine andere Strategie: Er will Bevölkerungsgruppen mobilisieren, die normalerweise nie zur Wahl gehen.

Er braucht die ­Stimmen der Latinos. Aber wenn diese wählen, dann oft konservativ.

Gemeint sind damit besonders die Latinos. Sie machen 28 Prozent der Wahlberechtigten in Texas aus, und auf sie hat O’Rourke einen Grossteil seiner Anstrengungen gerichtet. Er hat im ganzen Staat zweisprachige Werbespots geschaltet, auch an seinen Auftritten wechselt O’Rourke regelmässig in ein fliessendes Spanisch.

«No necesitamos un muro!», ruft er an diesem Abend in San Antonio, «wir brauchen keine Mauer». Das Problem für O’Rourke: Kaum eine Gruppe geht seltener zur Wahl als die Latinos. Und wenn sie gehen, wählen sie in Texas häufig die Republikaner. 40 Prozent gaben beim letzten Mal Cruz ihre Stimme.

«Ein privilegierter Weisser»

Einer von ihnen war der 37-jährige Miguel Garcia. Auf seinem T-Shirt prangt eine USA-Fahne, an seinem Hals hängt ein Kruzifix, und er steht jetzt auf einem Parkplatz ausserhalb von San Antonio. Garcia ist in Mexiko aufgewachsen, und obwohl er homosexuell ist, unterstützt er den Evangelikalen Cruz: «Er nimmt mir meine Rechte als Schwuler ja nicht weg.» Cruz, sagt Garcia, sei ein echter Latino, sein Vater stamme aus Kuba. O’Rourke hingegen schmücke sich mit einem spanischen Vornamen, dabei sei er «ein privilegierter Weisser, der seine Tacos mit der Gabel isst».

Auch O’Rourke weiss, dass die Latinos kein einheitlicher Wählerblock sind. Zwei Drittel der Latinos, so schätzen es Meinungsforscher, müssen für den Demokraten stimmen, wenn dieser eine Chance haben will. Aber dafür muss er sie überhaupt erst an die Urne bringen. Die ersten Anzeichen sehen gut aus: Seit die Wahllokale für die frühe Stimmabgabe geöffnet sind, wurde vielerorts eine hohe Beteiligung gemeldet.

«Wir werden in San Antonio den Rekord brechen», ruft O’Rourke in den Saal der Cowboy Dancehall. Er dreht noch einmal eine Runde auf der Bühne, tänzelt von der einen Ecke zur anderen, schüttelt Hände. Dann gibt er das Mikrofon weiter. Es wartet die nächste Band.

Erstellt: 29.10.2018, 23:34 Uhr

Artikel zum Thema

US-Wahlmaschinen öffnen Tür und Tor für Hacker

Veraltete Software, Ersatzteile von Ebay: Es sei ein Kinderspiel, das US-Wahlsystem zu manipulieren, kritisieren Experten kurz vor den Midterms. Mehr...

Der erste echte Test für Trump

Die Midterms sind Denkzettelwahlen für US-Präsidenten. Fakten und Prognosen zu den Zwischenwahlen 2018 in zwei Wochen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...