Aufgewachsen ohne Arzt, aber mit Gewehren

Tara Westover kommt aus einer Sippe militanter US-Staatsgegner. Nun beschreibt sie ihre Befreiung aus dem Familienalbtraum.

Ein Leben fern aller Zivilisationszwänge, aber in Erwartung des Weltuntergangs: Eine amerikanische «Survivalists»-Familie, 1980. Symbolbild: Getty Images

Ein Leben fern aller Zivilisationszwänge, aber in Erwartung des Weltuntergangs: Eine amerikanische «Survivalists»-Familie, 1980. Symbolbild: Getty Images

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Als seine Hose Feuer fing, brachte Luke sie nicht vom Körper; er hatte ein Stück Schnur als Gürtel verwendet und bekam den Knopf nicht auf. Tara, zehn Jahre alt, spülte das Geschirr, als sie den älteren Bruder schreien hörte. Sie rannte hinaus, Luke humpelte durchs Gras, rief nach seiner Mutter und brach zusammen. Seine Jeans waren weggeschmolzen, das linke Bein eine einzige Wunde: «Einige Stellen waren rot und blutig, andere ausgebleicht und tot.»

Tara versuchte, das Bein zu kühlen – in einer Plastiktonne, gefüllt mit kaltem Wasser und gefrorenem Beutelgemüse aus dem Eisfach. Erst nach Stunden kamen ihre Eltern, schafften den Sohn ins Bett, schnitten ihm das tote Fleisch mit einem Skalpell vom Bein. Sie pflegten ihn mit Kräutersalben, niemand rief einen Arzt, der Bub schrie und schrie. «Ich war überzeugt, dass Medikamente aus dem Spital eine Abscheulichkeit gegenüber Gott sind, aber wenn ich Morphium gehabt hätte in dieser Nacht, ich hätte es Luke gegeben.»

Tara Westover notiert das Erlebte achtzehn Jahre später, auf der anderen Seite des Atlantiks. Und fragt sich plötzlich: Wie kam der Bruder bis zu ihr? Luke hatte an jenem Tag auf dem Schrottplatz oben am Berg die Tanks der Autowracks geleert und dabei aus Versehen seine Hose mit Benzin getränkt. Er fing Feuer. Doch wie schaffte er es bis nach Hause?

Die erwachsene Tara telefoniert mit ihren Geschwistern, long distance, kommt zum Schluss: Vater war bei ihm. Er muss das Feuer erstickt, den verbrannten Buben ans Steuer des Trucks gesetzt und den ersten Gang eingelegt haben. Vater hat ihn allein gelassen. Tara macht ihm keinen Vorwurf: Es war ein heisser Sommer in Idaho, Büsche standen nach dem Unfall in Flammen, Dad wollte wohl einen Flächenbrand verhindern, das Haus retten. Darum blieb er.

Tara stellt sich vor, wie Vater das Hemd auszog und damit die Flammen zurückschlug: «Der Herr sorgt für uns», könnte er gesungen haben. Der verletzte Sohn rollte bergab, kippte aus dem Wagen, stolperte zum Haus. Die Kinder mussten sich allein retten.

Heute lebt Tara Westover in England, im steinernen Cambridge, weit weg von Idaho. Sie wirkt schmaler als auf den Verlagsfotos, unauffällig, eine Frau von dreissig Jahren mit hellen Augen und mittellangem Haar. Im Gespräch ist sie konzentriert, sie spricht sehr schnell, ohne jede Unsicherheit, ohne Höflichkeitsfloskeln, brüsk, knapp, druckreif. Sie bringt ihre Sätze zu Ende und bleibt danach stumm, wartet fordernd auf die nächste Frage.

Sie wird nun oft interviewt, denn ihre Geschichte geht um die Welt: «Educated», ihre Lebensgeschichte, ist vor wenigen Wochen erschienen. Die Übersetzungsrechte für mehr als zwanzig Sprachen sind schon verkauft, nach China wie nach Island. «Mich überrascht das weltweite Interesse», sagt Westover. «Ich hielt meine Geschichte für sehr amerikanisch und sehr spezifisch.»

Tatsächlich haben wenige Menschen ein Leben wie ihres geführt. Bis sie siebzehn war, ging sie nicht zur Schule – die militant-religiöse Aussteigerfamilie, in der sie aufwuchs, misstraute neben der Schulmedizin auch dem Staat und seinen Lehrern. Dann aber brach Tara aus, schaffte es als Homeschooler direkt an die Universität – und dank eines Begabtenstipendiums sogar an die britische Topuniversität Cambridge, wo sie mit 27 den Doktor der Geschichte erhielt.

Seine Kinder arbeiten für den Vater, er nennt sie seine «Crew».

Eine Geschichte wie ein Märchen, und Tausende wollen sie nachlesen. «Educated» – auf Deutsch etwa «Ausgebildet» – steht auf der Bestsellerliste der «New York Times», die Autorin wird in der «Vogue» und in «Vanity Fair» porträtiert. «Offenbar wirkt der Zauber des Erzählens», sagt sie, zufrieden, dass ihr das schriftstellerisch gelungen ist. «Ich habe mich auch schon oft mit Figuren in Büchern identifiziert, die gar nichts mit mir zu tun hatten.»

Buck’s Peak ist ein Berg im Grasland von Idaho, im tiefen Westen der USA. Tara ist das jüngste von sieben Kindern, das Haus der Familie steht allein. Vater Gene – «gut aussehend, schwarzes Haar, ein strenges, kantiges Gesicht», schreibt die Tochter im Buch – betreibt einen Schrottplatz und baut Ställe und Scheunen für Bauern der Region, seine Kinder arbeiten für ihn, er nennt sie seine «Crew».

Er war nicht immer auf den Weltuntergang fixiert. Auf dem Hochzeitsfoto trägt er ein so breites Grinsen, dass es «unter den Ecken seines Schnauzes hervorlugt». Mit der Zeit aber verändert er sich. Fängt an, Lebensmittel und Munition zu horten, rechnet mit dem Zusammenbruch der Zivilisation.

Erzählt, wie es war bei mormonischen «Survivalists» aufzuwachsen: Tara Westover im Gespräch mit CNN-Moderatorin Christiane Amanpour. Video: Youtube

Die Eltern nehmen die älteren Kinder von der Schule, die jüngeren schicken sie gar nicht erst hin. «Dad sagte, die öffentliche Schule sei ein Trick der Regierung, die Kinder fort von Gott zu führen.» Die Westovers sind Mormonen, aber Aussenseiter in ihrer Gemeinde; niemand in ihrem Umfeld lebt so streng wie sie. Tara und drei ihrer Geschwister haben lange keine Geburtsurkunden – aus Sicht des Staates existieren sie nicht.

Kopf in der Kloschüssel

Die Mutter, Kräuterheilerin und Hebamme, versucht anfangs, die Kinder daheim zu unterrichten. Aber das Homeschooling ist chaotisch und scheitert schliesslich; der Vater braucht seine «Crew» auf dem Schrottplatz. Er ist kein Hippie-Aussteiger, hat nichts gegen die Moderne, im Gegenteil: Alles ist voller Maschinen, Trucks, Motorenöl.

Sie kenne niemanden, der so hart arbeite wie ihr Vater mit seinen «dicken und ledrigen Händen», schreibt Tara. Trotzdem bleibt das Einkommen karg. Tara Westovers Geschichte ist auch die vom Niedergang des amerikanischen Arbeiters, dessen Muskelkraft ausgedient hat. Dad wartet auf den Crash des Staates und der Börsen.

Die Kinder machen Pfirsiche ein, stocken Vorräte auf, Vater beschafft Solarpanels, legt Quellwasserleitungen. Immer wieder sagt er: «Wir werden am Ende aller Tage Wasser und Strom haben, während alle anderen aus Pfützen trinken und in Dunkelheit leben.»

Die Mutter ist schwer verletzt. Abermals ruft niemand den Arzt.

Kurz vor dem Jahrtausendwechsel schafft der sonst weltabgewandte Vater einen Fernseher an – um live dabei zu sein, wenn zum Millennium alle Computer zusammenbrechen. Als das Y2K-Desaster ausbleibt, ist er geschockt, bleibt bis lange nach Mitternacht im blauen Licht des Fernsehers sitzen. «Die Enttäuschung auf seinem Gesicht war so kindlich, dass ich mich einen Moment lang fragte, wie Gott ihm dies versagen konnte», erinnert sich die Tochter. Noah hatte die Arche gebaut, aber Gott liess es nicht regnen.

Tara Westovers Geschichte könnte schrullig sein, romantisch, wer hat nicht schon vom Leben fern aller Zivilisationszwänge geträumt? Doch das Geschehen wird düsterer.

Immer wieder geschehen schreckliche Unfälle: Nach einem Besuch bei der Grossmutter im fernen Arizona ordnet der Vater an, dass die Familie durch die Nacht nach Hause fährt. Um sechs Uhr früh kommt ihr Station Wagon von der Strasse ab, Taras siebzehnjähriger Bruder ist am Steuer eingeschlafen. Er verliert Zähne, die Mutter ist schwer verletzt. Abermals ruft niemand den Arzt.

Die Mutter bleibt über Wochen im Keller, weil sie kein Licht erträgt. Hat Kopfschmerzen, verwechselt Namen und Rezepte. Erst viel später wird der Tochter klar, dass die Mutter wohl eine Hirnverletzung erlitten hatte. «In der Familie sind sich alle einig, auch Mutter, dass sie nach dem Unfall nicht mehr dieselbe war.»

«Ich begann, jeden Morgen die Toilettenschüssel zu putzen, weil ich wusste, dass mein Kopf noch vor dem Mittagessen drinstecken könnte.»

Auch das Verhalten des Vaters wird seltsamer. Die Kinder arbeiten ungesichert zwischen leckenden Autobatterien und scharfkantigen Autowracks, immer wieder fallen sie von Baukränen, werden klaffende Fleischwunden genäht. Dad liebt seine Kinder, das schreibt die Tochter immer wieder. Doch für seinen zunehmenden Irrsinn zahlt die ganze Familie einen hohen Preis.

Als Tara in die Pubertät kommt, wird das Leben im Elternhaus zum Horror. Shawn, der wildeste, unberechenbarste ihrer grossen Brüder, erträgt es nicht, dass die Schwester zur Frau wird. Er schimpft sie eine Hure, quält sie. «Ich begann, jeden Morgen die Toilettenschüssel zu putzen, weil ich wusste, dass mein Kopf noch vor dem Mittagessen drinstecken könnte.»

Die Eltern sehen weg. Vielleicht ist es gerade die Finsternis, die Westovers Buch massentauglich macht. «Misery Memoirs», Autobiografien des Leids, sind nicht nur im angelsächsischen Sprachraum ein gut verkaufendes Genre, von Frank McCourts irischem Elend in «Angela’s Ashes» (1996) bis zu Heidi Benneckensteins Bestseller über ihre Kindheit in einer Neonazi-Familie (2017).

Nicht alle diese Bücher braucht es. Wir leben in einer Zeit der übertriebenen Mitteilsamkeit, schrieb der US-Kritiker Neil Genzlinger vor einigen Jahren. Wir hätten die Kunst verlernt, den Mund zu halten: «Jeder, der einmal Krebs hatte, magersüchtig war, mit Depressionen rang oder Gewicht verlor, verfasst nun seine Memoiren.» Auch viele unglückliche Leben seien aber nicht interessant genug für ein Buch.

Es könnte ein Sehnsuchtsort sein, das wilde Amerika: Eine Farm inmitten der Wildnis, Idaho. Foto: Getty Images

Westovers Geschichte dagegen besteht hier mühelos. Weil sie wirklich ungewöhnlich und über weite Strecken packend erzählt ist. «Educated» entwickelt einen gruseligen Sog. Zudem nimmt das Buch einen mit an einen Sehnsuchtsort: ins wilde Amerika.

Schrecken und Schönheit tanzen bei Tara Westover einen Reigen – Idahos Schneestürme sind tödlich, zugleich wunderbar. Die Wildpferde, die die Kinder zureiten, sind frei und schön, aber auch Bestien: «Tausend Pfund schwere Teufel mit dem einzigen Ziel, Köpfe gegen Fels zu schlagen.» Die langen Fahrten im Truck mit dem destruktiven Bruder Shawn sind monoton, dennoch voller Magie: «Wir sahen zu, wie die weissen Linien hypnotisch unter der Motorhaube verschwanden». Das ist dunkle Americana, wie ein Bruce-Springsteen-Song.

Westover sagt, sie habe ihre Geschichte aufgeschrieben, weil es ihr zu wenige Bücher über Familien gab, «die so richtig kompliziert sind». Oft gehe es um Aussöhnung. «Doch für mich und wahrscheinlich viele Leute kann Aussöhnung vielleicht nicht möglich sein.» Sie habe etwas lesen wollen darüber, dass man seiner Familie vergeben kann, ohne sich zu versöhnen.

An einer Stelle schreibt sie, wie Vater und Tochter sich bei einer der letzten Begegnungen betrachten: «Er sah eine Frau der Verdammnis, ich einen wirren alten Mann.» Zueinanderfinden können sie nicht mehr. Sie hat den Kontakt zu den Eltern abgebrochen. «Mein Buch zeigt, dass man jemanden lieben kann und doch nicht in seinem Leben haben will. Dass man jemanden jeden Tag vermisst und doch sehr froh ist, dass man ihn niemals mehr zu sehen braucht.»

Hätte ihr jemand helfen können? Vielleicht der Staat, wie er in Europa tätig wird, wenn Eltern ihre Sorgfaltspflichten vernachlässigen oder nur schon ihre Kinder nicht zur Schule schicken? Westover ist nicht überzeugt. Homeschooling ist in den ganzen USA legal. «Eure Gesetze würden in Idaho niemals funktionieren. Das gäbe eine Rebellion», sagt sie. Wenn bei ihr daheim der Sheriff angerückt wäre, um die Kinder abzuholen, hätte das ein Drama gegeben.

«Nächstes Mal könnten wir dran sein.»Der Vater von Tara Westover

Tatsächlich erwartete der Vater den Zugriff der Behörden regelrecht und rüstete den Haushalt mehr und mehr auf. Erst schleppte er ein Dutzend ausgemusterte Sowjetgewehre mit silbernen Bajonetten an, eingelegt in dicke, braune Rostschutzflüssigkeit, später sogar ein 50-Kaliber-Maschinengewehr auf Stativ mit Extra-Reichweite. Um Plünderer abzuwehren, die vielleicht an die Pfirsiche und die Benzintanks wollten. Oder Bundespolizisten.

Entscheidend für die Radikalisierung des Vaters war die Tragödie von Ruby Ridge im August 1992, bei der zwei Mitglieder der Familie Weaver und ein Beamter der U.S. Marshals starben. Randall und Vicki Weaver hatten sich mit ihren Kindern in einer Waldhütte verschanzt, im nördlichen Idaho, nicht allzu weit von den Westovers. Auch sie erwarteten den Weltuntergang. Dann rückten Bundesbeamte an.

Vater Westover erzählte seinen Kindern in jenem Sommer so davon: «Die Feds umstellten die Hütte der Familie, behielten sie für Wochen drin. Als ein hungriges Kind sich herausschlich, um zu jagen, ein kleiner Bub, schossen die Feds ihn tot.» Sohn Samuel, 14. Später tötete ein FBI-Scharfschütze auch Mutter Vicki, während sie ihr Baby im Arm hielt. Und das alles nur wegen der Schule, sagte Vater Westover: «Es waren Freiheitskämpfer, sie wollten ihre Kinder nur nicht hirnwaschen lassen in der Schule.»

Der Vater weint, als er es erzählt. «Nächstes Mal könnten wir dran sein.» Tara verfolgt die Geschichte bis in ihre Träume. Der Traum – ein Schuss, die Mutter, das Baby, das fällt – wird zu einer ihrer frühesten Erinnerungen.

«Survivalists»: Sie misstrauen dem Staat, bewaffnen sich und bereiten sich auf das letzte Gefecht vor.

Viele Jahre später liest Tara an der Universität den Fall Ruby Ridge nach. Und staunt: Weil die Polizeiaktion damals von der Politik nicht vertuscht, sondern öffentlich verurteilt wurde und der Vater Randall Weaver Entschädigungsgeld erhielt. Und weil der Hintergrund für den Polizeizugriff nicht die Schulverweigerung der Weavers war, sondern deren Rechtsextremismus und Waffenhandel: Randall Weaver verstand sich als «weisser Separatist», pflegte Kontakte zur Organisation Aryan Nations und verkaufte einem verdeckten Beamten illegal Gewehre. Deshalb kam die Polizei ihn holen.

Vater Westover hatte das ausgeblendet, die Geschichte zu seiner eigenen gemacht. Tara Westovers Erzählung gibt einen Einblick in die Welt der amerikanischen «Survivalists»: Sie misstrauen dem Staat, bewaffnen sich, bereiten sich vor auf das letzte Gefecht mit den Behörden und die darauf folgende Zeit der Anarchie. Solche Familien gibt es heute zuhauf in den USA, sie haben ihre eigenen Magazine, Messen, Waffenverbände.

Manche von ihnen sind tief religiös, doch es gibt auch säkulare Endzeitler. Der Glaube, sagt Tara Westover überraschend, habe auch mit ihrer Geschichte nur am Rande zu tun: «Mein Vater war schlicht paranoid, glaubte an Illuminaten, sein Glaube an Gott war da nur ein Anhängsel.»

An der Universität stiess sie später auf Beschreibungen der bipolaren Erkrankung – und meinte sofort, ihren Vater darin zu erkennen. «Meiner Meinung nach hat die Geisteskrankheit seinen religiösen Extremismus hervorgebracht, nicht andersherum.»

Auf den ersten Seiten schreibt Westover, dass sie «keine Geschichte über das Mormonentum» verfasst habe. Im Gespräch sagt sie, dass sie viele gute Mormonen kennen gelernt habe und die Kirche weiterhin respektiere. «Ich gehe jedoch nicht mehr hin.» Ihre Emanzipation als Frau laufe dem konservativen Rollenverständnis der Kirche zu sehr zuwider. Zuerst habe sie noch versucht, eine «feministische Mormonin» zu sein, vergebens.

Welt der Rednecks

Dass die «Survivalists» so zahlreich sind in den USA, findet Westover nicht erstaunlich. Es liege an der Grösse der Nation, an den ungeheuren Distanzen: «Es ist für Leute auf dem Land sehr leicht, grosse Skepsis gegenüber den weit entfernten Städten zu entwickeln.»

Aus Sicht eines Landbewohners sei die Regierung in Washington auch wirklich schlecht. «Das Einzige, was wir vom Staat bekommen, sind Geschwindigkeitsbussen und absurde Landwirtschaftsregulierungen.» Und die Post, die doch immerhin auch? «Der nächste Briefkasten war fünfzehn Meilen von uns weg», gibt Westover zurück. «Aber wir verschicken ohnehin nicht viel, denn alle, die wir kennen, leben bei uns am Ort.»

Ihr Ton ist scharf. Tara Westover hat sich weit entfernt von Idaho, dennoch spricht sie nach wie vor von «Wir». Im Buch beschreibt sie das Redneck-Gebaren des Vaters oft zärtlich. Einmal fragt ihn die Grossmutter, ob er seinen Kindern nicht beibringe, nach dem Besuch des WCs die Hände zu waschen. «Ich lehre sie, sich nicht auf die Finger zu pissen», antwortet der Vater. Die Schilderung des Wortwechsels glüht vor Stolz.

Westover hat mit der Gewalt und der geistigen Zerrüttung ihrer Familie gebrochen, nicht aber mit ihrer Herkunft.

Westovers «Educated» erscheint zu einer Zeit, da Amerika intensiver denn je über seine konservative, weisse Landbevölkerung nachdenkt. Sie soll Trump mit ihrer Wut über abgehobene Eliten und verlorene Jobs und Privilegien zum Wahlsieg verholfen haben, heisst es.

Auch Westover ist überzeugt, dass das ländliche, einfache Amerika von vielen urbanen, gut ausgebildeten Politikern und Akademikern vernachlässigt und verspottet werde: «Die Linke denkt, man müsse diese ignoranten Leute einfach mit Druck zur Wahrheit führen.» Aber das sei falsch; die Kultur, der sie entstamme, verdiene mehr Respekt.

Westover hat mit der Gewalt und der geistigen Zerrüttung ihrer Familie gebrochen, nicht aber mit ihrer Herkunft. Dass J.D. Vance, Verfasser des autobiografischen Bestsellers «Hillbilly Elegy», Tara Westovers Buch öffentlich preist, ist da nur logisch: Beide berichten vom Schrecken des Landlebens und sind zugleich verliebt in ihn.

Es ist ihr Bruder Tyler, der Zarte, Intellektuelle, der Tara hilft, das Elternhaus zu verlassen und eine Ausbildung anzufangen. Ihm hat sie ihr Buch gewidmet. Als Kind hatte Tyler noch zur Schule gehen dürfen und Gefallen daran gefunden. Er zog früh aus und ging an die Uni. Heute ist auch er promoviert, Ingenieur an einem US-Energieforschungszentrum.

Er rät seiner Teenagerschwester zu gehen: «Es gibt eine Welt da draussen», flüstert er ihr zu. Die Mormonenuniversität Brigham Young im Nachbarstaat Utah nimmt auch Homeschooler, wenn diese den Eignungstest bestehen.

Sie erkennt den mächtigsten Vorteil von Geld: «dass man an andere Dinge denken kann.»

Tara fährt vierzig Meilen, um Bücher fürs Selbststudium zu besorgen, Mathematik, Englisch, die Naturwissenschaften. Sie lernt frühmorgens, vor der Arbeit. Tyler hilft ihr in der Wohnung einer Tante heimlich bei Mathe. Im zweiten Anlauf schafft sie die Prüfung. Darf studieren.

Der Vater ist dagegen, doch die Mutter fährt sie zur Universität, im Kofferraum Bettzeug und ein paar Gläser Pfirsiche. Lange plagen Tara Gewissensbisse. «Die Wahrheit ist: Ich bin keine gute Tochter. Ich bin eine Verräterin.»

Sie hält sich fern von freizügig gekleideten Mitstudentinnen in den geschlechtergetrennten Unterkünften, fährt in den Semesterferien heim, arbeitet auf dem Schrottplatz. Auch die Misshandlungen durch den psychotischen Bruder Shawn dauern an. Erst ein Stipendium der Mormonenkirche, gegen das sie sich lange sträubt, verschafft ihr Luft. Sie erkennt den mächtigsten Vorteil von Geld: «dass man an andere Dinge denken kann.» Sie befreit sich.

In den Vorlesungen ist sie zunächst komplett verloren. Im Hörsaal wird es still, als sie fragt, was das Wort Holocaust bedeute. Ihre Mitstudenten denken an einen schlechten Scherz. Sie weiss auch nicht, wer Martin Luther King war und was die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Gerettet habe sie das lange Bibelstudium ihrer Kindheit, weil sie es gewohnt war, Texte anzupacken, die sie nicht auf Anhieb verstand.

Tara lernt schnell, ihre Begabung fällt auf. Ein Professor verschafft ihr Austauschwochen im britischen Cambridge; sie soll sich «etwas strecken», die Welt sehen. Die Eltern fahren sie zum Flughafen, der Vater will nicht, dass sie reist. «In Amerika können wir dich holen, wo immer du bist», sagt er. «Ich habe tausend Gallonen Benzin eingelagert unterm Acker. Ich hole dich, wenn das Ende kommt, bringe dich heim, in Sicherheit. Aber wenn du übers Meer gehst …»

Rettung in Cambridge

Sie fliegt trotzdem. Überzeugt die Professoren mit einem Essay über staatstheoretische Schriften des 18. Jahrhunderts. Das sei «der beste Aufsatz», den er in dreissig Jahren Cambridge zu lesen bekommen habe, befindet der Professor – und empfiehlt sie für ein Stipendium. Sie gewinnt es und zieht fest nach England, wird Doktorandin der Geistesgeschichte. Die Denkweisen verschiedener Gelehrter zu verschiedenen Zeiten faszinieren sie. «In meinem ganzen Studium ging es nur um eins: um das Privileg, weitere Wahrheiten zu sehen und zu erfahren als jene, die mir mein Vater vermittelte», heisst es im Buch. Mithilfe all dieser Stimmen will sie sich ein neues Selbst erarbeiten.

Doch auch aus England kehrt sie immer wieder zurück nach Buck’s Peak, Idaho. Sie will sich neu erfinden und ihre Familie behalten. Es funktioniert nicht. Ihr Bruder Shawn verletzt sie erneut, die Eltern aber wollen nichts hören von seiner Gewalt, glauben die Tochter von Dämonen besessen. Sie gefährde die Familie, sagt der Vater, und zwingt die Geschwister, sich zwischen ihr und den Eltern zu entscheiden.

Schliesslich bricht sie mit den Eltern. Sie stürzt in eine Krise. Kann nicht mehr lernen, sieht nur noch Serien im TV, oft achtzehn Stunden am Stück. Nachts erwacht sie aus Albträumen. Das zieht sich über einen Winter, Frühling, Sommer. Dann, schreibt sie, habe sie wieder klarer gesehen und ihre Doktorarbeit fertiggestellt. 2014 erhält sie den Doktortitel, mit 27.

Das Schreiben brachte die schönen Erfahrungen zurück.

Ihre Lehrer in Cambridge rieten ihr, ihre Geschichte aufzuschreiben. Es habe ihr gutgetan, sagt sie nun, auch wenn es anders als erwartet gewesen sei: «Es fiel mir leicht, die schwierigsten Erlebnisse aufzuschreiben. Doch es war schwer, die schönen Dinge zu rekonstruieren.»

Sie glaubt, mit den schlechten Erfahrungen ihres Lebens so sehr gerungen zu haben, dass darüber alles Schöne verloren ging. Das Schreiben aber brachte es zurück. «Ich bin froh darüber. Ich wollte niemand sein, der keine schönen Erinnerungen hat.» Zorn sei ein guter Motor, hat sie festgestellt, aber er dürfe sich nicht im ganzen Leben ausbreiten. «Nachdem ich das Buch geschrieben hatte, fühlte ich mich wie jemand, der eine glückliche Kindheit hatte.»

Ihr Buch geht jetzt um die Welt. Manche Charaktere – der Vater, der gewalttätige Bruder – sind mit Pseudonymen versehen. Anderen sei es recht gewesen, namentlich genannt zu werden. «Ich bin ziemlich sicher, dass meine Eltern das Buch inzwischen gelesen haben», sagt Tara Westover. Gesprochen aber hätten sie nie darüber. «Ein Gespräch zwischen uns kann zu diesem Zeitpunkt nichts bringen.»

«Ein Fact-Checker bestätigte, dass Taras Geschichte wahr ist.»Najma Finlay, Chefin Öffentlichkeitsarbeit Verlag Hutchinson

Die Familie scheint gegen ihr Buch aufzutreten. Auf der US-Amazon-Seite schreibt ein Kundenrezensent unter dem Namen «a sibling» (ein Geschwister) zu Westovers Buch, es sei «voller Lügen und Täuschungen». Der Vater werde als wilder Staatsgegner dargestellt, dabei sei er «lediglich konservativ».

Und unter dem Kundennamen «trouble» (Ärger) schreibt ein anderer: «Ich war dort und sah, was war: Meine Eltern, denen das Geld zum Leben fehlte, schickten ihre begabte Tochter auf die Uni. Das war ein grosses finanzielles Opfer für sie.» Dass Tara nun behaupte, sie habe es ohne Hilfe geschafft, sei Unfug. Schliesslich seien zwei weitere Geschwister heute promoviert, was doch für die Erziehung der Eltern spreche: «Sie verdienen Liebe und Dankbarkeit, nicht diesen Dreck.»

In einer Hinsicht wenigstens stützen diese Reaktionen die Sicht der Autorin: Ihre Familie existiert, die Kindheit fern der Schule war real. Denn auch das gab es schon – erfundene Memoiren angeblicher Junkies oder Holocaust-Überlebender.

Die Buchverlage sind daher misstrauischer geworden, Westovers Verlag Hutchinson in London, Teil von Penguin Random House, teilt auf Anfrage mit, man habe einen Fact-Checker angeheuert, der sowohl Tara als auch weitere Familienmitglieder befragt habe. «Er bestätigte, dass Taras Geschichte wahr ist», sagt Najma Finlay, die Chefin der Öffentlichkeitsarbeit bei Hutchinson.

Mit «Educated» sagt sich Tara Westover los von ihrer Familie. Unter Schmerzen. «Ich liebe dich, weisst du das?», sagt der Vater ihr beim Abschied. «Ich weiss. Das war nie der Punkt», antwortet die Tochter im Buch.

Erstellt: 28.04.2018, 13:52 Uhr

Ohne Schulbildung an die Universität


Tara Westover ging nicht zur Schule, bis sie 17 war. Dann schaffte sie es direkt an die Universität. Mit 30 hat sie ihre Autobiographie geschrieben, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wird.

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