«Es ist eine Kriegserklärung»

Der US-Journalist Robert Rosenthal sagt, Donald Trump strebe «die totale Kontrolle der Nachrichtenlage an». Die Attacke auf CNN sei Teil einer systematischen Kampagne.

Der Tobende und die Medien. Foto: Jaap Arriens (NurPhoto, AFP)

Der Tobende und die Medien. Foto: Jaap Arriens (NurPhoto, AFP)

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Präsident Donald Trump, der soeben den Fernsehsender CNN frontal attackierte, hat die Medien zu Feinden des amerikanischen Volks erklärt und Journalisten als Abschaum der Menschheit beschimpft. Wie ist das allgemeine Befinden der Medien?
Die Lage ist chaotisch wie nie. Die Medien in den USA haben sich zwar immer in einer oppositionellen Rolle zum Präsidenten verstanden – und jeder Präsident hat auch versucht, die Botschaft der Medien zu kontrollieren. Auch hatten wir schon immer so etwas wie Fake-News. Es gibt zum Beispiel den «National Enquirer», ein Gossenblatt, und dessen Schlagzeilen über Marsmenschen, die angeblich auf der Erde gelandet sind, oder über Präsidenten mit fünf heimlichen Geliebten. Das ist fast schon Satire. Es gab auch immer schon Zeitungen mit einer völlig einseitigen Ausrichtung. Aber sie erreichten nie ein Massenpublikum, und sie haben sich nicht durchgesetzt. Mit Trump hat sich das fundamental und auf gefährliche Art geändert: Fake- News sind zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell geworden. Trump ist zu einem der grössten und erfolgreichsten Publizisten der Welt geworden. Benützt er Twitter, dann gehen seine Botschaften rund um die Welt. Trump erreicht Milliarden in Minuten. Kann eine «New York Times» das? Nein.

Die Glaubwürdigkeit der Medien ist so gering wie noch nie. Doch auch Trump ist unpopulär wie kein Präsident so kurz nach seiner Wahl. Wie gehen die Medien mit dieser Dissonanz um?
Trump verfolgt eine sehr gerissene Strategie. Wenn er die Medien zu Feinden des Volks macht, ist dies eine Kriegserklärung. Wenn er die Glaubwürdigkeit der Medien infrage stellt, gibt er seinen Anhängern zu verstehen, dass sie niemandem glauben können ausser ihm. Auf ähnliche Weise versuchte übrigens auch Präsident Nixon, den Watergate-Skandal wegzureden. Mit einem Unterschied: Nixon war ein zorniger Mann, Trump ist mehr als das. Der Präsident strebt vielmehr die totale Kontrolle der Nachrichtenlage an. Ihm ist das dank der Technologie möglich wie keinem Präsidenten vor ihm. Das ist eine äusserst gefährliche Situation. Wir befinden uns in einem Bürgerkrieg um Informationen. Die Lage wird verschärft, weil die Medien im Vergleich zur Berichterstattung über Watergate und die Pentagon-Papiere stärker zersplittert sind.

Die «New York Times» und die «Washington Post» versuchen, dem Druck der Regierung entgegenzuhalten. Und offenbar sind sie nicht allein. Denn fast täglich können sie mit Scoops aus der Umgebung von Trump aufwarten und den Präsidenten ganz offenkundig in Rage versetzen.
Beide Zeitungen waren auch bei der Berichterstattung über Watergate und die Pentagon-Papiere schon sehr stark. Die grosse Schwäche liegt auf regionaler Ebene. In den regionalen und lokalen Medien haben Abertausende Journalisten ihre Stelle verloren. Diese kleineren Blätter müssen die News-Dienste der «New York Times» oder der «Washington Post» abonnieren, wenn sie dafür überhaupt noch zahlen können. Besonders schwach ist deswegen die Berichterstattung aus dem Ausland geworden. Die Amerikaner wissen kaum mehr, was in der Welt läuft. Sie reisen nicht, sie sind provinziell und sie sind, um ein in den USA selten gebrauchtes Wort zu brauchen, nationalistisch. Niemand scheint es zu kümmern, dass wir fast konstant irgendwo Krieg führen. Mit Trump ist wieder eine weisse, nationalistische Bewegung gross geworden, die von der Angst lebt.

«Die Leitartikel der ‹New York Times› sind total vorhersehbar.»

Wie erklären Sie die Flut von Enthüllungen aus der Regierung Trump? Es vergeht fast kein Tag ohne neue und oft peinliche Lecks.
Das Ausmass der Enthüllungen überrascht mich. Sie müssen von sehr hoher Stelle kommen.

Warum?
Ich muss spekulieren: Entweder haben diese Informanten das Gefühl, dass illegale Aktivitäten passieren, sie hassen jemanden, oder sie wollen amerikanische Interessen schützen. Ich vermute, dass sich viele hochstehende Personen in der Regierung Sorgen machen um seinen Mangel an Respekt für die Pfeiler der Demokratie. Nicht nur die Medien, auch die Gerichte, der Kongress und das Militär sind bereits Opfer seiner Tweets geworden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, wie weit das Misstrauen reicht: Es gab ein Treffen zwischen dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten sowie Aussenminister Tillerson, Verteidigungsminister Mattis sowie dem Chef der Geheimdienste. Und dennoch wurden diese vertraulichen Treffen an die Medien weitergegeben. Sie können sich ausrechnen, wie echt die Angst im Umkreis von Trump sein muss, wenn so etwas passiert.

Die «New York Times», die «Washington Post» und öffentliche Sender wie PBS melden eine starke Zunahme ihrer Leser- und Zuhörerschaft. Das klingt doch hoffnungsvoll.
Ich bin etwas skeptisch. Ihre Leitartikel und Kommentare beispielsweise sind total vorhersehbar. Ich befürchte, dass sie in die gleiche Grube fallen, in der «Fox News» oder «Breitbart News» gefangen sind. Die Gefahr ist, dass sie nur jenen predigen, die bereits bekehrt sind. Wenn sie aber immer die gleichen Lieder singen, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit.

Was halten Sie von Jeff Bezos? Er hat die «Washington Post» gekauft und versprochen, einen unabhängigen Journalismus zu wollen.
Ich bin sehr zufrieden. Wenn sich eine einflussreiche, vermögende Persönlichkeit über die Rolle der Medien in der Demokratie Sorgen macht, ist das positiv. Als Bezos die Zeitung kaufte, stand sie kurz vor dem Untergang. Bezos hat sie nicht nur gerettet, er hat investiert und neue Stellen geschaffen. Die hervorragende Berichterstattung der «Post» über die Wahl von Trump bestätigt sein Modell.

Trump und seine Wähler sehen die Medien als total voreingenommen und klar links von der Mitte. Zu Recht?
Bis zu einem gewissen Grad. Die Machtzentren in New York und Washington haben das Gefühl, sie seien die Könige der Welt und wüssten alles. Wer aber wissen will, wie es um Trump und seine Anhänger steht, muss dorthin gehen, wo die Leute anders sind als Sie und ich. Was mich an Trump faszinierte, war nicht sein politisches Programm, sondern sein Status. Seine Wahlanlässe waren wie Rockkonzerte. 10 000 bis 15 0000 Fans in der Arena und noch einmal so viele warteten draussen an der Kälte, in der Hitze, bei Regen und Sonnenschein. Da steckte echte Begeisterung drin. Für Hillary dagegen gab es keine Leidenschaft.

Sie haben das Center for Investigative Reporting stark ausgebaut. Wird es mehr solche spendenabhängige und nicht gewinnorientierte Medien brauchen?
Das Philanthropie-Modell hat in den letzten Jahren einen starken Schub erhalten. Als ich 2008 die Führung des Center for Investigative Reporting übernommen habe, waren wir nur sieben Angestellte und hatten ein Budget von unter 1 Million Dollar. Heute beschäftigt das CIR über 70 Angestellte und verfügt über mehr als 11 Millionen Dollar. Wir sind um mehr als das Zehnfache gewachsen. Darauf wäre jedes gewinnorientierte Unternehmen stolz. Unser Ziel ist allerdings ein ganz anderes als jenes von gewinnorientierten Medien. Unser Ziel ist der Journalismus als öffentliche Dienstleistung. Auch stehen wir bewusst abseits der Parteien. Präsident Obama zum Beispiel war oft nicht zufrieden mit unseren Geschichten.

Trump hat gedroht, die Medienfreiheit einzuschränken und missliebige Journalisten zu inhaftieren. Wird er das tun?
Nein. Die Gerichte und der Kongress werden ihm das verwehren. Viele Anwälte sind zum Kampf bereit. Sie werden sofort gegen Trump vorgehen, wenn er irgendeine Form der Zensur einführen will. Die Gerichte sind und bleiben eine wichtige Gegengewalt in diesem Land.

Die Zustimmungsquote für Trump liegt hartnäckig unter 40 Prozent. Wird er wie andere Präsidenten je die Schwelle von 50 Prozent überspringen?
Nein, ausser es kommt zu einem Terroranschlag in den USA. In solchen Krisenfällen steht das Volk wie ein Mann zusammen und stellt sich hinter den Präsidenten. Das ist ein Grund, weshalb ich Trump zutraue, dass er eine Krise fabrizieren könnte.

Glauben Sie im Ernst, dass der Präsident so weit gehen würde?
Sicherlich. Schauen Sie die Geschichte des CIA an. Die USA haben über die Jahrzehnte hinweg zahlreiche Coups und Mordanschläge ausgeführt. Bobby Kennedy zum Beispiel setzte mit dem Segen von Präsident John F. Kennedy die «Operation Mongoose» in Gang, die darauf abzielte, den kubanischen Präsidenten Castro umzubringen. Das ist keine Bullshit-Theorie. Das ist erwiesen und könnte erklären, weshalb Castro hinter der Ermordung von Präsident Kennedy gewesen sein könnte.

Wird Trump seine ganze erste Amtszeit absolvieren?
Er kann vier Jahre überleben – es sei denn, er wird enttarnt. Seine grosse Schwäche ist nicht die Einmischung der Russen in die Wahlen, sondern die tiefe Verwicklung seiner Firmen mit russischem Geld. Wir sprechen hier von Immobiliengeschäften in New York, finanziert von russischen Oligarchen. Wenn solche Immobilien zum Beispiel für total überhöhte Preise die Hand gewechselt haben, dann gibt es nur einen Verdacht – Geldwäscherei.

Das wäre schwer zu beweisen – oder?
Nehmen wir Watergate. Die Enttarnung von Nixon brauchte viel Zeit. Die Medien haben über zwei Jahre hinweg ein Stück nach dem anderen aufgedeckt, bevor er definitiv überführt war. Als ich hörte, dass Nixon die Gespräche (über den Einbruch in die demokratische Parteizentrale) auf Band aufgenommen hatte, wusste ich, dass er erledigt war. Wenn Trump nun von sich aus über angebliche Tonbänder spricht, zeigt das nur, wie blöd er ist.

Erstellt: 03.07.2017, 17:04 Uhr

Robert Rosenthal

Der weitgereiste und mehrfach ausgezeichnete Journalist leitet seit 2008 das Center for Investigative Reporting und baute es zu einem angesehenen unabhängigen Medienunternehmen aus. Rosenthal begann seine Karriere 1970 bei der «New York Times». (wn)

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