Es ist gespenstisch ruhig in Mexiko-Stadt

Mexikos Präsident geht gegen organisierte Benzindiebe vor: Er lässt Pipelines, die sie anzapfen, einfach stilllegen. Die Folge ist ein Treibstoffmangel im ganzen Land.

Nachschub gibts nur noch per Tanklastzug statt Pipeline: Autos stauen sich vor einer Tankstelle im mexikanischen Morelia. Foto: Enrique Castro (AFP)

Nachschub gibts nur noch per Tanklastzug statt Pipeline: Autos stauen sich vor einer Tankstelle im mexikanischen Morelia. Foto: Enrique Castro (AFP)

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Jede Krise hat ihre Krisengewinner, und in diesem Fall sind es die Fussgänger. Seit einigen Tagen herrscht auf den Strassen von Mexiko-Stadt eine Ruhe, die man als gespenstisch bezeichnen könnte, die manch einer aber auch als ausgesprochen angenehm empfindet. Auf den Hauptverkehrsadern wie der Eje Central oder der Avenida Cuauhtémoc konnte man mitunter bedenkenlos spazieren gehen.

Mexiko-Stadt ist ungefähr das Gegenteil von einem Luftkurort. Regelmässig legt sich eine Glocke aus Smog über die Megametropole. Aber es geht hier nicht um eine neue Feinstaubverordnung und entsprechende Fahrverbote. Es geht um den Kampf gegen die Korruption und das organisierte Verbrechen. Von «Benzinkrieg» ist die Rede.

Privilegien gestrichen

Der neue und fast schon manisch unkonventionelle Präsident Andrés Manuel López Obrador (65) hat versprochen, sein Land grundlegend zu verbessern. Und das tut er ohne Rücksicht auf Verluste. Als eine seiner ersten Amtshandlungen strich er im Dezember Privilegien und Zuschläge aller höheren Staatsbediensteten, er selbst eingeschlossen. Der Sturm der Entrüstung der ehemals Privilegierten pfeift ihm noch immer ins Gesicht. Das hielt López Obrador, kurz Amlo, aber nicht davon ab, zum Jahreswechsel eine neue Front zu eröffnen. Jetzt will er den sogenannten Huachicoleros, den Benzinräubern, das Handwerk legen.

Seit Jahren zapfen kriminelle Gruppen, die mit den Drogenkartellen in Verbindung gebracht werden, im grossen Stil Treibstoff aus den mexikanischen Benzin-Pipelines ab. Besonders gut lief dieses Geschäft laut López Obrador in den sechs Jahren unter seiner Vorgängerregierung von Enrique Peña Nieto. Allein 2018 sei beim staatlichen Ölkonzern Pemex dadurch ein Schaden von rund 2,7 Milliarden Euro entstanden. Die zapfanfälligsten Pipelines liess Amlo deshalb kurzerhand stilllegen. Viele Tankstellen in dem riesigen Land werden seither nur noch mit Kesselwagen beliefert. Es sind angeblich 5000, aber es sind offensichtlich nicht genug.

Viele Mexikaner halten es grundsätzlich für eine gute Idee, dass López Obrador im Gegensatz zu seinen Vorgängern gegen die Benzinräuber vorgeht. Aber genauso viele schimpfen, dass die Idee schlecht umgesetzt wurde. «Wie kann man die Pipelines schliessen, ohne vorher über eine Alternative nachzudenken?», fragt sich nicht nur die Zeitung «El Universal». Der Januar hat in mehreren Regionen mit teilweise dramatischen Versorgungsengpässen begonnen. In den Bundesstaaten Jalisco, Guanajuato und Michoacán blieben zuletzt viele Tankstellen komplett geschlossen – andernorts, etwa in der Hauptstadt, bildeten sich kilometerlange Schlangen vor den Zapfsäulen. Auch Busse und Taxis blieben stehen, viele Menschen erschienen deshalb nicht zur Arbeit oder zur Schule. Durch Hamsterkäufe mit Kanistern wurde die Benzinknappheit zunächst noch verstärkt.

80'000 Barrel Treibstoff pro Tag gestohlen

López Obrador hat damit nicht nur die Autofahrer gegen sich aufgebracht, sondern auch die Unternehmerschaft. In der Logistikbranche ist von Millionenverlusten die Rede. Falls die Pipelines nicht sofort wieder geöffnet würden, könne die Lebensmittelversorgung nicht mehr garantiert werden. Für die eben noch völlig desillusionierte Opposition ist dieses Chaos ein Geschenk, aber der Präsident bleibt bislang betont gelassen. Er will zeigen, wer am längeren Benzinhebel sitzt, und ruft die Bevölkerung zur Ruhe auf. Es sei genug Treibstoff für alle da, Probleme gebe es lediglich bei der Verteilung. In wenigen Tagen, verspricht Amlo nahezu täglich, werde sich die Lage wieder normalisieren. Im Übrigen diene das alles ja einem guten Zweck.

In das gigantische Korruptionsnetzwerk sind nach seinen Angaben auch Mitarbeiter von Pemex selbst verstrickt. Über ein paralleles Pipeline-Netz seien grosse Mengen von Treibstoff zum Teil direkt von den Raffinerien des Staatsbetriebs in geheime Lagerhäuser abgepumpt worden – alles professionell organisiert, vom Raub bis zum Vertrieb. Auch den letzten drei Regierungen wirft Amlo Komplizenschaft vor. Im Rahmen eines Aktionsplans sind derzeit mehrere Tausend Soldaten und Polizisten im Einsatz, um die Raffinerien, die Verteilerstationen sowie die Tanklieferungen zu überwachen. Drei Pemex-Funktionäre wurden bereits verhaftet.

Gemäss Behördenangaben lohnt sich die Operation. Während im letzten November durchschnittlich 80'000 Barrel Treibstoff pro Tag gestohlen wurden, seien es derzeit nur noch 2500 Barrel pro Tag. Anderseits geben die Huachicoleros nicht so einfach auf, nur weil die Pipelines trocken bleiben. Auf einer Landstrasse in Guanajuato stahl ein bewaffnetes Überfallkommando am Montag einen Tanklaster mit 25 000 Liter Benzin.

Erstellt: 15.01.2019, 20:57 Uhr

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