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Es passierte an einer Strassensperre

Steyci Escalona besucht über Weihnachten ihre Familie in Venezuela. Ihr Ehemann bleibt daheim in Dübendorf. Nun sitzt die junge Frau in einem Gefängnis, ihr drohen 28 Jahre Haft.

Verkehrskontrolle mit Gewehr: Die Polizei stoppt Autofahrer in Caracas. Foto: Daniel van Moll (Laif)
Verkehrskontrolle mit Gewehr: Die Polizei stoppt Autofahrer in Caracas. Foto: Daniel van Moll (Laif)

Das wenige, das David Bühlmann (Name geändert) für seine Frau tun konnte, hat er getan. Er hat das Aussendepartement (EDA) kontaktiert, die Schweizer Botschaft in Caracas angerufen und die venezolanische in Bern. Er hat eine Wohnsitzbestätigung und ein Arbeitszeugnis seiner Frau auf Spanisch übersetzen und apostillieren lassen, um die Papiere nach Venezuela zu schicken, zuhanden der Militärjustiz. Ungläubig, ratlos in einem Café seines Wohnortes Dübendorf sitzend, sagt der 33-jährige Schweizer: «Es ist unerträglich, nichts unternehmen zu können, wenn der eigenen Frau solches Unrecht geschieht. Falls es wirklich brutal wird, weiss ich nicht, wie ich reagieren werde.»

Am 22. Dezember 2016 fliegt Steyci Escalona (31) von Zürich in ihre Heimat Venezuela. Sie will Weihnachten und Neujahr bei ihrer Familie verbringen. Escalona lebt seit sieben Jahren in der Schweiz, zweimal in der Woche arbeitet sie als Babysitter. Um für ihre Angehörigen Lebensmittel und Medikamente zu kaufen, reist sie in den ersten Januartagen in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta. Das tun viele in diesen Zeiten, in denen der Mangel in Venezuela so schlimm ist, dass sich vor Supermärkten und Apotheken kilometerlange Menschenschlangen bilden.

Das Versagen des Regimes

Escalonas Reisebegleiter ist Gilber Caro, Abgeordneter der Oppositionspartei Voluntad Popular. Im Unterschied zu anderen oppositionellen Kräften will Voluntad Popular nicht bis zu den nächsten Wahlen warten, um den sozialistischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro aus dem Amt zu drängen. Die Partei setzt auf den Druck der Strasse. Der Anführer von Voluntad Popular ist Leopoldo López, wegen Verschwörung und Anstachelung zur Gewalt zu fast 14 Jahren Haft im Militärgefängnis Ramo Verde verurteilt. Für die Regierung ist López, den Präsident Maduro «das Monster von Ramo Verde» nennt, Staatsfeind Nummer eins. Für sämtliche internationalen Menschenrechtsorganisationen ist er der politische Gefangene eines Regimes, das angesichts seines eigenen Versagens immer unmenschlicher wird.

Am 11. Januar fahren Steyci Escalona und Gilber Caro im Auto des Abgeordneten von Cúcuta zurück nach Venezuela. Nach mehr als zehnstündiger Fahrt geraten sie in der Nähe der Stadt Valencia in eine Strassenkontrolle. Laut Anklage finden die Uniformierten in ihrem Wagen ein Maschinengewehr und Plastiksprengstoff. Escalona wird in die Ortschaft Naguanagua gebracht und in einem Gebäude des Geheimdienstes Servicio Bolivariano de Inteligencia Nacional (Sebin) inhaftiert. Zwei Tage nach der Festnahme verhängt eine Militärrichterin eineinhalb Monate Untersuchungshaft. Die Justiz wirft Escalona Rebellion und Diebstahl von militärischem Material vor. Bei einer Verurteilung drohen ihr 28 Jahre Gefängnis.

Laut Menschenrechtsorganisationen gibt es in Venezuela mehr als hundert politische Gefangene. Zum Jahreswechsel wurden sechs von ihnen entlassen, doch nun hat Amnesty International zufolge eine neue «Hexenjagd» auf Oppositionelle eingesetzt. Binnen 72 Stunden hat die Polizei neben Escalona und Caro drei weitere Regimekritiker festgenommen. Zuvor hatte die Regierung ein «Anti-Putsch-Kommando» gebildet, das den sozialen Frieden sichern und die angeblichen Umsturzpläne der Opposition vereiteln soll. Geleitet wird die Spezialeinheit von Tareck El Aissami, seit Anfang Januar venezolanischer Vizepräsident. Der Anwalt, dessen aus Syrien stammender Vater ein Vertrauter von Saddam Hussein war, gilt als Fanatiker.

Stecy Escalona mit Anwälten des Anwaltskollektivs «Foro Penal Venezolano» nach ihrer Verhaftung. Foto: Foro Penal Venezolano
Stecy Escalona mit Anwälten des Anwaltskollektivs «Foro Penal Venezolano» nach ihrer Verhaftung. Foto: Foro Penal Venezolano

María Bolívar, wie Gilber Caro Abgeordnete von Voluntad Popular, sagt am Telefon: «Die Regierung will uns Oppositionelle einschüchtern. Wenn es selbst Caro treffen kann, der parlamentarische Immunität geniesst, kann es jeden treffen.» Dass auch seine Begleiterin verhaftet wurde, mache die Drohung noch schlimmer. «Gefährdet sind offensichtlich nicht nur Regimegegner, sondern auch ihre Angehörigen. Oder jede und jeder, die sich bei der Festnahme zufällig in ihrer Gesellschaft befinden.»

Es ist neun Uhr abends, als David Bühlmann in Dübendorf erfährt, dass seine Frau in einer Einzelzelle des Sebin in Naguanagua sitzt. Um beim EDA anzurufen, ist es zu spät. Anderntags teilt ihm ein Beamter des Aussenministeriums mit, man könne leider nichts unternehmen, weil Escalona nicht Schweizer Bürgerin sei. Die Schweizer Botschaft in Caracas verspricht immerhin, die venezolanischen Behörden um Informationen zu bitten, aber erfahrungsgemäss könne es Monate dauern, ehe eine Antwort eintreffe. Die venezolanische Botschaft in Bern bittet um eine Mail mit den Personalien der Verhafteten und Informationen über Zeitpunkt und Ort der Festnahme. Noch bevor Bühlmann der Aufforderung nachkommt, ruft ihn eine Angestellte der Botschaft zurück. Das sei ein sehr schwerer Fall, ob er wirklich sicher sei, die Mail überhaupt schicken zu wollen?

Einem der Anwälte gelingt es, eine Botschaft der Gefangenen aufzunehmen. Die in der Schweiz wohnhafte Venezolanerin sagt darin, dass ihr die Solidarität von venezolanischen und ausländischen Unterstützern Kraft gebe. Quelle: Foro Penal Venezolano

Steyci Escalonas Anwältin heisst Theresly Malave. Sie gehört zu einem Anwaltskollektiv, das sich auf die Verteidigung von politischen Gefangenen spezialisiert hat. In einem Telefongespräch mit Redaktion Tamedia sagt Malave, es gebe keinen Zweifel, dass Steyci Escalona und Gilber Caro zu Unrecht beschuldigt würden. Die Ordnungskräfte hätten ihnen die Waffe und den Sprengstoff ins Auto gelegt. Dass die Polizei Unschuldigen Drogen oder Waffen unterschiebe, sei in Venezuela alltäglich.

Sass sie auf der Sprengstoffkiste?

«Vor ihrer Verhaftung sind die beiden stundenlang quer durch das halbe Land gefahren. Dabei haben sie mehrere Strassensperren passiert, ohne dass die Polizei irgendetwas gefunden hätte», sagt Malave. Ausserdem stehe im Protokoll, die Kiste mit dem Sprengstoff habe auf dem Beifahrersitz gelegen, während ein von den Ordnungskräften aufgenommenes Foto zeige, dass sich auf den Rücksitzen die in Kolumbien eingekauften Waren und sonstiges Gepäck befanden. «Steyci Escalona hätte also auf der Sprengstoffkiste sitzen müssen.» Ohnehin sei bei einer Zivilistin nicht die Militärjustiz zuständig, sondern ein ziviles Gericht.

Die Venezolanerin Steyci Escalona ist in Dübendorf wohnhaft. ­
Die Venezolanerin Steyci Escalona ist in Dübendorf wohnhaft. ­

Silvio Fernández, der Erste Sekretär der venezolanischen Botschaft in Bern, sagt auf Anfrage, er kenne den Fall Escalona nur aus den Medien. Er könne deshalb keine Stellung beziehen, aber eines sei sicher: «Es gibt in Venezuela keine politischen Gefangenen, sondern nur gefangene Politiker. Sie alle haben Verbrechen begangen, für die sie in fairen Prozessen verurteilt wurden.» Was Menschenrechtsorganisationen, internationale Medien, die UNO und die EU seinem Lande vorwerfen, sagt Fernández, sei eine einzige schamlose Diffamierungskampagne.

In der Schweiz hat Escalona gemeinsam mit anderen venezolanischen Auswanderern gegen die Regierung ihres Landes demonstriert. Sie hat Lilian Tintori, die Ehefrau von Leopoldo López, in Genf getroffen, und einmal ist sie mit einer Delegation nach Brüssel gereist, um EU-Parlamentariern eine Unterschriftensammlung zugunsten politischer Gefangener zu überreichen. Bühlmann ist mit seiner Frau dreimal in Venezuela in den Ferien gewesen, doch er spricht kaum Spanisch und hat sich nie intensiv mit dem Land auseinandergesetzt. «Aber ich fand es gut, dass Steyci sich engagierte.»

Der hilflose Ehemann daheim

Bühlmann arbeitet bei einer Transportfirma, seine Arbeit nennt er «bodenständig». Er kann noch immer nicht glauben, dass ihn ein Ereignis am anderen Ende der Welt aus seinem Leben katapultiert hat. Dass das Glück seiner Frau, und damit auch sein eigenes, von Entscheiden abhängt, die er nicht vorhersehen und nicht beeinflussen kann. Dass die Macht der venezolanischen Militärjustiz plötzlich bis nach Dübendorf reicht. Manchmal denkt er, Steyci werde nach den 45 Tagen Untersuchungshaft freikommen. «Was haben sie davon, eine Frau einzusperren, die in der Schweiz lebt und für die Regierung keine Gefahr darstellt?» Er sei überzeugt, dass Steyci so lange stark bleibe, wie sie auf ihre baldige Entlassung hoffen könne. Manchmal denkt Bühlmann auch, es sei unklug von ihr gewesen, mit einem bekannten Oppositionellen unterwegs zu sein. Man wisse doch, wie gnadenlos die Regierung gegen ihre Kritiker vorgehe. Hätte er, Bühlmann, sie auf ihrer Reise nach Venezuela begleitet, wäre das alles nicht passiert.

Und manchmal kommen jene schwarzen Gedanken, die der Ehemann «wirklich brutal» nennt: ein Prozess, ein Schuldspruch, langjährige Haft in einem venezolanischen Gefängnis. «Das ist ein Abgrund. Das ist unvorstellbar.» Vielleicht tut sich dieser Abgrund ein Stück weit auf, als Vizepräsident Tareck El Aissami nach der Verhaftung von Steyci Escalona und Gilber Caro vor die Fernsehkameras tritt. Er spricht im nüchternen Ton eines Bilanzprüfers, zeigt eine Karte mit der Reiseroute der Verhafteten und Bilder der angeblich beschlagnahmten Waffe sowie des Sprengstoffs.

«Sie hat aus der Ferne gegen ihr Land agitiert und Beziehungen zu rechtsextremen Gruppen unterhalten.»

Vizepräsident Tareck El Aissami

Er erwähnt, dass Caro vor langer Zeit wegen Drogenhandels und Mordes im Gefängnis sass. Für die Opposition ist der Politiker, der offen über seine kriminelle Vergangenheit spricht, ein Beispiel für Läuterung und geglückte Resozialisierung. Für den Vizepräsidenten blieb er immer ein gewöhnlicher Krimineller, und jetzt ist er auch ein Terrorist. Über Steyci Escalona sagt El Aissami: «Sie hat aus der Ferne gegen ihr Land agitiert und Beziehungen zu rechtsextremen Gruppen unterhalten.» Escalona und Caro sind die erste Beute des neuen Anti-Putsch-Kommandos. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie dessen Chef wieder frei lässt?

Wenn Bühlmann die Angehörigen seiner Frau über Whatsapp und Skype fragt, ob sie etwas Neues wüssten, übersetzt ihm ein spanischsprachiger Freund die Antworten. Manchmal hat Bühlmann den Eindruck, die Familie behaupte, es gehe der Gefangenen gut, um ihn zu beruhigen. Besuch von Angehörigen durfte Escalona bisher nicht empfangen. Das ist der Grund, weshalb Bühlmann noch nicht nach Venezuela gereist ist. Aber wenn seine Frau nicht bald freikomme, werde er gehen. Bloss sei der Gedanke entsetzlich, allein wieder zurückzukommen.

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