Es wird Licht!

Donald Trumps Psyche benötigt Sensibilität und Sonnenschein. Sein Stab liefert vor allem gute Nachrichten.

Strahlemann im Mittelpunkt: Der US-Präsident empfängt erfolgreiche Collegesportlerinnen und <nobr>-sportler</nobr> vor dem Weissen Haus. Foto: Chip Somodevilla (EPA, Keystone)

Strahlemann im Mittelpunkt: Der US-Präsident empfängt erfolgreiche Collegesportlerinnen und -sportler vor dem Weissen Haus. Foto: Chip Somodevilla (EPA, Keystone)

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Jeder kennt ihn, den aufbrausenden und in sich selbst verliebten Chef, ein lauter, doch zutiefst verunsicherter Egomane. Er existiert in Unternehmen und Verbänden, auf Redaktionen und natürlich in der Politik. Mit ihm umzugehen ist eine Kunst, und nirgends ist diese Kunst höher entwickelt als in Donald Trumps Weissem Haus.

Der Präsident muss oft ruhiggestellt werden, auch muss man ihm schmeicheln. Andernfalls drohen Eruptionen per Twitter, die den sofortigen Einsatz der Müllbrigade erfordern. Sie putzt hinterher, dementiert, klärt ab und tut doch so, als habe sie nichts getan. Denn keinesfalls darf die Putzkolonne ins Blickfeld des Präsidenten geraten.

Der Stab ist unterdessen stets dabei, Trump möglichst bei Laune zu halten. Der Präsident verschlinge Umfragen, täglich verfolge er das demoskopische Stimmungsbarometer, verriet Trumps gelegentlicher Freund Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey. Da allgemein zugängliche Erhebungen, beispielsweise von Gallup, allesamt erbärmlich ausfallen und beunruhigende Minusrekorde aufweisen, versteckt sie der Stab in der Schublade.

Ein Witz, aber gut für Trumps Blutdruck

Statt Trump derlei Downer zuzumuten, werden ihm interne Umfragen vorgelegt. Eingeweihte sagen, sie seien ein Witz, aber gut für Trumps Blutdruck. Sie suggerieren, dass der Präsident auf der amerikanischen Beliebtheitsskala gleichauf mit Bambi liegt.

Lobpreis und -hudelei ist ebenfalls ein beliebtes Mittel zur Dämpfung von Trumps Impulsen. Man streichelt sein Ego, vorbildlich wurde die Methode vor Monaten bei einer Kabinettssitzung demonstriert: Alle Minister sangen Hosianna, jeder fühlte sich geehrt, von Trump auserkoren worden zu sein, und schwor ewige Treue. Der Präsident sass dabei, sichtlich zufrieden und glücklich über so viel Zuneigung.

Verbales Valium à la Ty Cobb tut dem Präsidenten gut.

Verliert Trump die innere Ruhe und trifft eine hochgefährliche Entscheidung, verschleppt der Stab die Implementierung, bis der präsidiale Sturm verklungen ist. Meistens hat Trump bis dahin vergessen, was er eigentlich wollte.

Besonders delikat ist das Management der trumpschen Psyche, wenn es um Russland geht. Seit Wochen aber wundert sich Washington über die Ruhe des Präsidenten, sein Zen und Om im Hier und Jetzt. Sonderankläger Bob Mueller mag wühlen, die Nation aber bleibt von Ausbrüchen verschont: Die Twitter-Maschine stösst keine Unartigkeiten aus, kaum noch erregt sich ihr Inhaber über «Hexenjagden» und die Ungerechtigkeit einer Welt, in der er verfolgt wird, während Hillary Clinton frei herumläuft.

Video: Trumps häufigste Falschaussagen

Mehr als fünf falsche oder irreführende Behauptungen macht der US-Präsident am Tag (Video: Tamedia)

Den Schlüssel zu dieser Verhaltensmodifizierung besitzt Trumps Anwalt Ty Cobb. Er sieht aus wie ein amerikanischer Literat aus der Zeit des Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert und scheint über eine extrem sonnige Disposition zu verfügen. Muellers Gewühle und Gestochere, versichert Cobb seinem Mandanten, sei bald vorbei, der Sonderankläger eruiere bereits die letzten Abzweigungen vor Moskau, zu befürchten sei mithin nichts.

Dass Cobb prophezeite, die Recherche Muellers sei spätestens am amerikanischen Erntedankfest vorbei, sollte Trump indes zu denken geben: Das Erntedankfest steht diesen Donnerstag an, vorbei ist jedoch nichts. Nun sagt Cobb, Anfang Januar oder irgendwann im kommenden Winter packe Mueller ein, niemand brauche sich zu ängstigen. Solch verbales Valium tut dem Präsidenten gut, die Aussicht auf ein baldiges Ende ohne Schrecken äussert sich in seiner bemerkenswerten Abgeklärtheit.

TV-Nachrichten statt Baldrian

Die «Washington Post», ein Folterinstrument im Besitz von Jeff Bezos, den Trump zusammen mit der Zeitung am liebsten auf eine Umlaufbahn jenseits des Jupiters schiessen möchte, ist hingegen weniger zuversichtlich. Ty Cobb möge dem Präsidenten tägliche Wiegenlieder vorsingen, die Ermittlungen Muellers aber gewännen stetig an Fahrt, behauptete die Zeitung am Wochenende.

Diese Ermittlungen glichen einem «Aufrollen im Stil der Gambino-Familie», zitiert das Blatt dann einen Trump wohlgesonnenen Republikaner. Die Gambino-Familie war ein New Yorker Mafiabetrieb. Und sie wurde tatsächlich von den Strafverfolgern «aufgerollt».

Dass der Stab dem Präsidenten diese Story wohlweislich vorenthalten hat, nützt nichts: Statt Baldrian konsumiert Trump allabendlich vor dem Zubettgehen die TV-Nachrichten, darunter auch jene auf CNN, wo die Gambino-Story gross verbraten wurde. Sein Team im Weissen Haus hat es bislang nicht gewagt, die Fernbedienung des Präsidenten so zu modifizieren, dass immer – egal, worauf Trump drückt! – «Fox News» auf dem Bildschirm erscheint.

Bis dahin wird der Präsident manchmal die innere Balance verlieren, trotz Ty Cobb und den zahlreichen Ergebenheitsbekundungen des Stabs. Aber immerhin legt sich Trump dank der stabilisierenden Interventionen seiner Mitarbeiter dieser Tage nicht mit Kim Jong-un oder Mueller an. Er kämpft mit schwarzen Uni-Basketballspielern und deren Vätern sowie Hillary Clinton. Es ist also alles cool und unter Kontrolle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 18:07 Uhr

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