Evo Morales auf ewig?

Sein Mandat gilt noch vier Jahre, doch Boliviens Präsident will sich eine weitere Amtszeit genehmigen lassen. Damit riskiert «El Evo» ein Eigentor.

Damals hat es für eine neue Amtszeit gereicht: Werbeplakat für Evo Morales während des Wahlkampfs im Oktober 2014. Foto: Enric Marti (AP, Keystone)

Damals hat es für eine neue Amtszeit gereicht: Werbeplakat für Evo Morales während des Wahlkampfs im Oktober 2014. Foto: Enric Marti (AP, Keystone)

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Zwei Buchstaben und ein Apostroph sollen den Weg in Boliviens Zukunft weisen. Ein S und ein í, gepinselt in optimistischem Grün an Hauswände, Felsen, Laternenpfähle, Strommasten, sogar an die Rinnsteine der Landstrassen des Andenhochplateaus. «Sí» steht auf T-Shirts, Baseballkappen, Abziehbildern und in den Schachteln billiger Barbie-Puppen-Imitate, die im tropischen Departement Beni verteilt wurden. Dieses Jawort, grafisch eingebettet in einem Pfeil, soll die Bolivianer dazu motivieren, diesen Sonntag die Verfassung ihres Landes zu ändern. Die Frage zur Antwort lautet: «Sind Sie einverstanden, dass Präsident und Vizepräsident zweimal nacheinander wiedergewählt werden können?» Und für alle, denen das zu technisch ist, haben die Anstreicher der Regierungspartei an vielen Stellen noch drei weitere Lettern dazugepinselt: E V O.

Es geht um mehr als Paragrafen. Es geht um Evo Morales. Um Zukunft, Macht und Staatsmodell des ersten indigenen Präsidenten Südamerikas. Im Januar feierte der 56-Jährige zehn Jahre im Amt, nun ist er der am längsten regierende Staatschef in Boliviens Geschichte. Und obwohl 2014 mit über 60 Prozent für fünf weitere Jahre gewählt, möchte er nun gewährleisten, 2019 nochmals antreten zu dürfen. Als Morales’ «Movimiento al Socialismo» (MAS) im Oktober diesen Gesetzesprozess auf den Weg brachte, lag die Zustimmung bei etwa 70 Prozent. Doch nun sagen alle Institute ein äusserst knappes Ergebnis voraus. Erstmals seit 2005 geht Evo Morales nicht mehr als Sieger an die Urne. Und er muss über einen Plan B nachdenken.

Nirgends wird das deutlicher als an jenem Ort, der seit bald 500 Jahren Symbol ist für alles, was falsch läuft im Süden Amerikas. Serpentine um Serpentine zieht sich die Nationalstrasse 1 in die Höhe und umkurvt jenen magischen Kegel, der die Welt veränderte. Der «cerro rico», der reiche Berg von Potosi, «aus dessen fünf Stollenmündungen jahr­hundertelang der Reichtum rann», so Eduardo Galeano in seinen legendären «Offenen Adern Lateinamerikas».

Potosi, jene Stadt aus Staub unter einer Sonne ohne Erbarmen, wo bis heute Familien – Väter, Mütter und viele Kinder – Zink und Zinn aus dem inzwischen völlig zerschundenen cerro kratzen, hatte dereinst grösste Hoffnungen gesetzt in den Präsidenten Evo Morales, ­jenen Mann, der «erst mit 14 Jahren Unterwäsche kennen lernte», wie eine Autobiografie 2014 preisgab. Potosi, auch nach fünf Jahrhunderten Ausplünderung immer noch reich an Bodenschätzen, glaubte an das Versprechen des Regierungschefs, endlich von der Mine zur Manufaktur aufzusteigen. Der immense Salzsee von Uyuni, der die mächtigsten Reserven des Batterie-Minerals Lithium birgt, soll, so gelobt Morales, das industrielle Herz des Landes werden.

Viehzüchter und Sojabarone

«Das hören wir seit Jahren», sagt Alicia Mamani, die mit Mutter und Tante an der Plaza Limonaden und Punsch anbietet. Quer über den Platz liegt die Casa Nacional de la Moneda, wo die Spanier einst die Silbermünzen prägen liessen, daneben die Kathedrale mit ihren zwei Türmen, die grösste der vielen Kirchen Potosis und einige der wenigen, die überhaupt offen sind. «Nichts, hier hat sich nichts getan», sagt die 30-Jährige. «Was nutzt es uns, dass wir nun einen ­Indigenen als Präsidenten haben, wenn das öffentliche Krankenhaus immer noch keinen Computertomografen besitzt. Wir sind eine Bergwerksstadt, wo ständig Unfälle passieren! Alles, was wir hier fördern, geht nach La Paz oder ins Ausland.» 59,7 Prozent der Bevölkerung des Departements leben unter der Armutsgrenze. Die offenen Adern Potosis verströmen Mineralien und Menschen, täglich verlassen junge Leute die Region. Vorigen Juli marschierten Tausende ­Potosinos 500 Kilometer weit bis an den Palacio Quemado in La Paz. Doch Hausherr Morales liess sie nicht ein.

Alicia Mamani wird am Sonntag das «No» ankreuzen. Im Vorjahr, bei einem anderen Referendum, stimmte das Departement Potosi mit 90 Prozent gegen die Regierung. Dann verlor der MAS den Gouverneursposten in La Paz und sogar die Bürgermeisterwahlen in El Alto, dem längst zur Millionenstadt gewucherten einstigen Elendsviertel auf dem Hochplateau oberhalb des Regierungsortes.

Neue Verbündete gewann Morales ausgerechnet in den einst rebellischen Tiefland-Departements Beni, Pando und Santa Cruz. Morales, als langjähriger ­Gewerkschaftsführer das Verhandeln gewohnt, fand längst ein für alle lukratives Auskommen mit Viehzüchtern und Sojabaronen.

«Con Evo vamos bien», mit Evo gehts uns gut, so ein Slogan für das Sí. Dessen Hauptargument ist die immer noch solide Wirtschaftsentwicklung des Gesamtlandes. Mit 3,9 Prozent soll Boliviens Ökonomie dieses Jahr wachsen, schätzt die UNO. Doch dieses Wachstum tragen nicht mehr die Exporte aus Gas, Öl und Mineralien, die eingebrochen sind, sondern allein der Staat. Immerhin: Anders als seine taumelnden Amtskollegen Nicolás Maduro in Venezuela oder Rafael Correa in Ecuador kann Morales, der weitaus konservativer wirtschaftete als der Rest des «roten Amerika», noch aus eigener Kraft den Konsum anheizen. Weil das freilich nicht ewig funktioniert, warb der Präsident vorigen Oktober, ein paar Monate nachdem er Papst Franziskus ein Kruzifix aus Hammer und Sichel geschenkt hatte, im New Yorker Hotel Four Seasons um Investments. Die «­Financial Times» adelte ihn dafür zum «erfolgreichsten Sozialisten der Welt».

«Evo Morales ist eher ein Neopopulist», sagt Germán Gutierrez. Der Rechtsprofessor war dreimal sozialistischer Abgeordneter im nationalen Parlament und zweimaliger Bürgermeister von Boliviens rechtmässiger Hauptstadt Sucre, 150 Kilometer unterhalb der Rebellenfestung Potosi. «Morales vertritt manchmal linke, manchmal gemässigte und manchmal auch rechte Positionen. Tatsächlich hat das MAS-Modell faschis­toide Züge mit Führerkult, Einheitsdiskurs, Einflussnahmen auf Medien. Das MAS ist keine Partei, sondern eine strikt organisierte Korporation aus sozialen Bewegungen.»

Die heimliche Geliebte

In dieser Hermetik – Morales und sein Vize Álvaro García Linera kontrollieren seit MAS-Anbeginn Partei und Staat – sehen viele den Grund für dieses Referendum knapp vier Jahre vor dem Ende des Mandats. Als Morales die Macht übernahm, lautete eine der Maximen: «Hay hartos Evos por aquí» – hier gibt es unzählige Evos. Doch kürzlich sagte Aussenminister David Choquehuanca: «Es gibt nur einen Fidel, einen Gandhi, einen Mandela und einen Evo.»

Doch dessen Strahlkraft schwand in den letzten Monaten. Nach einem schweren Korruptionsskandal bei einem Förderfonds für indigene Landwirtschaft sitzen die obersten Managerinnen – langjährige Vertraute des Präsidenten – in Haft. Aber die Ministerin, eng befreundet und verschwägert mit Morales, blieb im Amt. Vor zwei Wochen kam dann noch eine Liebesaffäre des Amtschefs ans Licht. Zwischen 2005 und 2007 traf sich Morales heimlich mit der MAS-Aktivistin Gabriela Zapata, die ­dabei offenbar schwanger wurde. Nun erklärte Morales, das Kind sei nach der Geburt gestorben, und er habe Zapata seither nicht mehr wiedergesehen. Doch dann wurde publik, dass die Dame inzwischen im Topmanagement einer chinesischen Firma Geschäfte mit dem bolivianischen Staat macht. Und es kam ein Foto in die Netze, auf dem Morales und Zapata gemeinsam beim diesjährigen Karneval in die Kamera lächeln.

«Das ist das erste Mal in zehn Jahren, dass Morales direkt und persönlich angegriffen wird», sagt Altsozialist Gutierrez. Gleichwohl glaubt er, wie viele, dass Morales, dank des erheblichen Einflusses des MAS auf die Landbevölkerung, einen knappen Sieg einfahren wird. «Doch der Nimbus ist dahin. Die kommenden Jahre werden kompliziert.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2016, 21:56 Uhr

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