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Facebook löscht vor US-Wahlen Fake-Konten

In den USA wächst die Sorge vor neuen Beeinflussungsversuchen aus Russland.

Für sein öffentliches Verhalten um die gefälschten Seiten erhält Facebook in den USA Lob. Bild: Rainier Ehrhardt (Getty Images)
Für sein öffentliches Verhalten um die gefälschten Seiten erhält Facebook in den USA Lob. Bild: Rainier Ehrhardt (Getty Images)

Der nächste Anlass war in Washington geplant, in Sichtweite des Weissen Hauses: eine Demo gegen Rechtsextreme. «Resisters» heisst die Facebook-Seite, die für Mitte August zum Protest aufgerufen hatte. 2600 Personen hatten ihr Interesse daran bekundet. Nun hat das soziale Netzwerk die Seite gelöscht. Sie stellte sich als Fälschung heraus, genauso wie 31 andere Seiten und Gruppen bei Facebook und bei der Foto-Plattform Instagram. Insgesamt wurden dort mehr als 9500 Einträge erstellt und 30 Anlässe beworben, 290'000 andere Facebook-Konten waren darauf abonniert, wie das Unternehmen am Dienstag publik machte.

Die Fake-Seiten bewirtschafteten vor allem Themen, wie sie Amerikas Linke umtreiben: Widerstand gegen Präsident Donald Trump, Widerstand gegen die Einwanderungsbehörde ICE, Widerstand gegen Rassismus. Themen also, bei denen die Urheber der Seiten bestehende gesellschaftliche Spannungen im Land aufgreifen und verstärken konnten. Die Konten wurden nach Angaben von Facebook zwischen März 2017 und Mai 2018 eingerichtet, und um ihre Beiträge und Veranstaltungshinweise zu bewerben, schalteten die Urheber Anzeigen in der Höhe von 11'000 Dollar.

Identität verschleiert

Um wen es sich bei diesen Urhebern handelt, kann Facebook laut eigenen Angaben nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Verantwortlichen für Cybersicherheit des Unternehmens wiesen darauf hin, dass es Verbindungen gibt zur russischen Trollfabrik Internet Research Agency, die mit ähnlichen Methoden in den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 eingegriffen hatte. Während sich damals jedoch die Verwendung von russischen IP-Adressen nachweisen liess, fehlen diese Spuren diesmal. Laut Facebook verwandten die Urheber der Seiten grosse Mühe darauf, ihre Identität zu verschleiern, indem sie VPN-Dienste benutzten und den Kauf von Anzeigen über Drittparteien abwickelten.

Für Sicherheitsexperten sind die Fälschungen Teil einer Desinformationskampagne, die sich für die Hintermänner in jedem Fall lohne. «Bleiben die Aktionen unentdeckt, lässt sich damit Zwiespalt säen. Fliegen sie auf, beginnen die Leute damit, auch legitime politische Proteste infrage zu stellen», sagte Graham Brookie vom Thinktank Atlantic Council bei «NBC News». Seine Organisation arbeitet mit Facebook seit Mai daran, Fake Accounts auf dem Netzwerk zu enttarnen.

Für den Schritt an die Öffentlichkeit erhielt Facebook in den USA Lob – er unterstreicht aber auch, wie sehr der Konzern immer noch mit gefälschten Inhalten kämpft. Ein Problem ist das auch angesichts der Tatsache, dass rund die Hälfte der Amerikaner ihre Nachrichten primär über Facebook bezieht.

Die Fake-Seiten widmeten sich linken Anliegen, etwa dem Widerstand gegen Trump.

Der Fall ist eines von mehreren Indizien, wonach verdeckte Operationen auf das politische System der USA anhalten und im Hinblick auf die Zwischenwahlen im Herbst zunehmen könnten. Gegenüber Kongressabgeordneten liessen Facebook-Verantwortliche laut «New York Times» durchblicken, dass sie an der russischen Urheberschaft der Fake Accounts kaum Zweifel hätten. Die demokratische Senatorin Claire McCaskill bestätigte vor einigen Tagen einen Bericht der Website «Daily Beast», wonach ihre Kampagne vergangenes Jahr Ziel eines russischen Hackerangriffs geworden sei.

Die Schreie der Extremen

Der Geheimdienstausschuss des Senats befasste sich vergangenen Mittwoch in einer schon länger geplanten Anhörung mit den Facebook-Fälschungen. Diese seien ein Beleg dafür, dass der Kreml soziale Netzwerke dazu benutze, um Spaltungen in Amerika mit gezielten Kampagnen zu vertiefen, sagte der demokratische Senator Mark Warner. «Die Russen wollen ein schwaches Amerika», sagte Richard Burr, der republikanische Vorsitzende des Senatsausschusses.

Vor dem Ausschuss sprach unter anderem John Kelly, Gründer des New Yorker Unternehmens Graphika, das sich auf Datenauswertungen in sozialen Netzwerken spezialisiert hat. Automatisierte Konten, die mit links- und rechtsextremen Inhalten gefüllt seien, verschickten über alle Plattformen gesehen bis zu dreissigmal so viele Nachrichten pro Tag wie echte Accounts aus dem politischen Mainstream, sagte Kelly: «Die Extremen schreien, während die Mehrheit nur flüstert.»

Die Warnung vor russischen Manipulationsversuchen steht schon seit Monaten im Raum – nicht nur, was Desinformationskampagnen betrifft, sondern auch Angriffe auf die politische Infrastruktur, auf Wahlregister und Zählmaschinen. In den föderalistisch ausgestalteten USA sind Wahlen Angelegenheit der einzelnen Gliedstaaten, einheitliche Sicherheitsstandards gibt es kaum. Bereits im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2016 waren 21 Bundesstaaten Ziel von Hackerangriffen geworden, die US-Geheimdienste auf Russland zurückgeführt hatten. In Illinois gelang es den Hackern dabei, an Wählerdaten heranzukommen.

Untätige Republikaner

Trotz der offenkundig realen Bedrohung haben Trump und seine Partei wenig dafür getan, Vorkehrungen zu treffen. Vor zwei Wochen lehnten die Republikaner im Repräsentantenhaus einen Vorstoss der Demokraten ab, der 380 Millionen Dollar für Sicherheitsmassnahmen vorgesehen hatte. Die wahre Bedrohung für die Wahlen sei eine andere, sagte der republikanische Abgeordnete Jim Jordan: die fehlende Ausweispflicht für Wähler.

Es ist ein altes Thema der Partei, das sie seit Jahren ins Feld führt, obwohl Studien gezeigt haben, dass es für Wahlbetrug über gefälschte Identitäten kaum Belege gibt. Kritiker sagen denn auch, es gehe den Republikanern vor allem darum, die Wahlbeteiligung bei Minderheiten zu drücken. Am Dienstagabend nahm Trump das Thema an einer Wahlkampfveranstaltung in Florida selber nochmals auf: Es brauche jetzt eine Ausweispflicht. Zu den Fake Accounts auf Facebook sagte er nichts.

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