Falls der «Aufräumer» auspackt, gibt es ein Erdbeben

Die Handschellen klickten am Montag in Dallas. Genaro García Lunas Geschichte ist verrückter, als Netflix sie erfinden könnte. Seine Komplizen dürften nun zittern.

Mit solchen Aktionen machte García Luna Jagd auf Drogen-Kriminelle, dabei liess er sich offenbar vom Sinaloa-Kartell schmieren: Razzia in einem mexikanischen Drogen-Versteck. Foto: Reuters

Mit solchen Aktionen machte García Luna Jagd auf Drogen-Kriminelle, dabei liess er sich offenbar vom Sinaloa-Kartell schmieren: Razzia in einem mexikanischen Drogen-Versteck. Foto: Reuters

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Die Entführung soll sich in der ersten Hälfte der Nullerjahre ereignet haben, auf der Autobahn zwischen Mexiko-Stadt und der 60 Kilometer südlich davon gelegenen Stadt Cuernavaca. Genaro García Luna ist in seinem Dienstwagen unterwegs, begleitet von Leibwächtern. Ohne sie wäre er als Chef einer kurz zuvor geschaffenen Spezialeinheit keine Sekunde sicher.

Und offensichtlich ist er es auch so nicht. Ein auf mehrere Autos verteiltes Kommando bremst den Dienstwagen aus, García Luna befiehlt seinen Männern, ruhig zu bleiben. Er besteigt das Fahrzeug der Unbekannten, die ihn ins Versteck von Arturo Beltrán Leyva alias «El Barbas» bringen. Beltrán Leyva gehört in jenen Jahren zu den mächtigsten Figuren der mexikanischen Drogenmafia, er ist ein Verbündeter von Chapo Guzmán, dem Anführer des Sinaloa-Kartells. Später werden sich die beiden Drogenbosse zerstreiten und ihre Killerkommandos aufeinanderhetzen.

Nur vermeintlich ein Feind der Kartelle: Genaro García Luna. Foto: Tomas Bravo/Reuters

Einem Zeugen zufolge sagt Beltrán Leyva zu García Luna: «Du siehst, wie einfach es für uns ist, dich zu holen.» Er ermahnt ihn, sich an die Abmachungen zu halten, die er mit dem Sinaloa-Kartell getroffen habe. Dann lässt er den Polizeichef gehen.

All dies erscheint heute im schummrigen Licht widersprüchlicher Erinnerungen, lange zurückliegender Bestätigungen von García Lunas Leibwächtern und fragwürdiger Dementis von ihm selbst. Doch was sich diese Woche in Dallas ereignet hat, ruft jene ferne Episode zurück ins Gedächtnis der mexikanischen Öffentlichkeit. Genaro García Luna, ein bezahlter Büttel des Sinaloa-Kartells, ein Verräter im Dienste der mächtigsten Verbrecherorganisation Lateinamerikas – was damals nicht mehr als ein Verdacht war, hat nun ein vom New Yorker Staatsanwalt Richard P. Donoghue geleitetes Ermittlerteam veranlasst, den Mexikaner verhaften zu lassen.

García Luna will vor einem Luxusappartement in Dallas in seinen Sportwagen steigen, als ihn Polizisten umstellen. Der Gesuchte trägt Jeans, Turnschuhe und T-Shirt. Es ist Montag, der 9. Dezember 2019, internationaler Antikorruptionstag. Die US-Justiz beschuldigt García Luna, zwischen 2001 und 2012 vom Sinaloa-Kartell Millionen an Bestechungsgeldern entgegengenommen und das Verbrechersyndikat im Gegenzug vor dem Zugriff der Ordnungskräfte beschützt zu haben.

Bildstrecke: «El Chapo» vor Gericht in New York

Für Mexiko ist García Lunas Verhaftung ein Erdbeben. Denn 2006 hat ihn der damalige Präsident Felipe Calderón zum Secretario de seguridad pública ernannt, zum Chef des Ministeriums für öffentliche Sicherheit. García Luna wird nicht nur Mexikos höchster Polizist, sondern bald auch die einflussreichste Figur in Calderóns Kabinett.

Im Dezember 2006 setzt der rechtskonservative Präsident die Armee ein, um im Bundesstaat Michoacán ein Drogenkartell zu bekämpfen, dessen Killer zuvor fünf abgetrennte Köpfe auf die Tanzfläche einer Diskothek geworfen haben. Es ist der Beginn des sogenannten mexikanischen Drogenkriegs, der bis heute andauert und Jahr für Jahr mehr Tote fordert. Experten fällt schon bald auf, dass Mitglieder des Sinaloa-Kartells seltener verhaftet und weniger oft in militärische Auseinandersetzungen verwickelt werden als die Angehörigen anderer Gruppierungen. Den Verdacht, das sei kein Zufall, weisen Calderón und García Luna stets entrüstet zurück.

Video: So wurde El Chapo zu einem der mächtigsten Drogenbosse der Welt

Gefürchtet, geliebt, gehasst und nun verurteilt: Südamerikaexperte Sandro Benini erzählt die Geschichte von Joaquín Guzmán im Video. Video: Tamedia

Doch falls die von der US-Justiz erhobenen Anschuldigungen gegen García Luna zutreffen, steht der Mann, der den militärischen Angriff des Staates auf die Drogenmafia anführt, von Anfang an im Dienste des organisierten Verbrechens. Und weil García Luna während Calderóns sechsjähriger Amtszeit dessen engster Vertrauter und mächtigster Minister bleibt, weil der Präsident trotz aller Skandale und Kritik an ihm festhält, sieht sich Mexiko heute mit dem ungeheuerlichen Verdacht konfrontiert, auch Präsident Calderón sei im Solde des Sinaloa-Kartells gestanden.

Der ehemalige mexikanische Präsident Felipe Calderón am WEF in Davos. Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone

Es geht die irrwitzige Vermutung um, der mexikanische Drogenkrieg mit seinen mehr als hunderttausend Toten und Zehntausenden Verschwundenen, mit all den Massakern, Folterungen, Enthauptungen, von Autobahnbrücken baumelnden Leichen – dieser ganze Wahnsinn sei auch deshalb über Mexiko hereingebrochen, weil die beiden mächtigsten Männer des Landes verschleiern wollten, dass sie auf der Seite der Verbrecher standen. Die Aussage, Mexiko sei ein gescheiterter Staat, würde zumindest für die Jahre zwischen 2006 und 2012 zutreffen.

García Luna erhält zahlreiche Auszeichnungen, etwa vom FBI, von der Interpol und der spanischen Regierung.

García Luna ist eine Figur voller Rätsel und Widersprüche. Während seiner Zeit als Sicherheitsminister wirkt der gedrungene Mann bei öffentlichen Auftritten oft unbeholfen, manchmal ist es mitleiderregend, wie er sich stotternd seinen Sätzen entlanghangelt. Und doch strahlt er die Selbstgewissheit desjenigen aus, dem nichts und niemand etwas anhaben kann.

Der Minister hält sich im Hintergrund und ist zugleich süchtig nach Anerkennung. 2010 gibt er beim Medienkonzern Televisa für umgerechnet rund 10 Millionen Franken eine dreizehnteilige Serie über den angeblichen Heldenmut und die Rechtschaffenheit der mexikanischen Ordnungskräfte in Auftrag. Die Telenovela heisst «El Equipo», das Team.

Schon zuvor hat García Luna die Verhaftung eines mutmasslichen Entführerpärchens und die Befreiung von dessen Geiseln fürs Fernsehen nachstellen lassen. Dabei gaukelt er dem Publikum vor, es verfolge den Polizeieinsatz live. Später wird die Geliebte des angeblichen Entführers, eine junge Französin, trotz überwältigender Entlastungsbeweise verurteilt, was zwischen Calderón und Frankreichs damaligem Präsidenten Nicolas Sarkozy einen derart heftigen Streit provoziert, dass Beobachter phasenweise um das Fortbestehen der diplomatischen Beziehungen fürchten.

Video: Festnahme von El Chapos Sohn führt zu Gewalt

Kriegsähnliche Zustände in Culiacán: Mitglieder des Sinaloa-Kartells liefern sich Schusswechsel mit der Polizei. Video: Tamedia

Das Erstaunliche ist: García Luna ist mehr als ein korrupter Cop. Im Verlauf seiner Karriere erhält er zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, unter anderem vom FBI, der amerikanischen Antidrogenpolizei DEA, von der Interpol und der spanischen Regierung. Im Juli 2008 erscheint im Magazin der «New York Times» ein grosses Porträt über ihn, unter dem Titel «Der lange Krieg des Genaro García Luna». Der Journalist würdigt ihn als unerschrockenen Kämpfer gegen die Drogenmafia, bezeichnet ihn als «the Fixer», als Problemlöser und Aufräumer.

Falls García Luna tatsächlich für das Sinaloa-Kartell arbeitet, hindert ihn dies offensichtlich nicht daran, erfolgreich gegen andere kriminelle Organisationen vorzugehen.

2012 endet Felipe Calderóns Amtszeit und mit ihr das Regierungsamt von García Luna. Er zieht nach Miami, um eine Beratungsfirma für Sicherheit, Politik und Wirtschaft zu gründen. 2018 erscheint sein Buch «Sicherheit mit Wohlstand», und im selben Jahr beantragt García Luna die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dass er dabei gegenüber den Behörden falsche Angaben macht, wirft ihm die Staatsanwaltschaft nun ebenfalls vor. In der mexikanischen Zeitung «Milenio» fragt sich ein Kommentator, wie plausibel es sei, dass ein korrupter mexikanischer Spitzenfunktionär sich ausgerechnet in den USA niederlasse. Er sieht darin einen Hinweis auf García Lunas Unschuld. Doch die Indizien gegen den Mexikaner sind erdrückend.

Gehört der Vergangenheit an: Genaro García Luna hält eine Rede während der Präsentation der neuen Anlagen zur Erweiterung des Bundesgefängnisses in El Rincon. Foto: Alexandre Meneghini/Keystone

Schon als er noch in Mexiko lebt, häuft er einen Reichtum an, den er sich mit seinem Funktionärsgehalt niemals leisten könnte: Häuser, Wohnungen, Sportwagen, eine Harley Davidson. In Florida wohnen er und seine Ehefrau in einer Wohnung im exklusiven Küstenort Golden Beach, mehr als 300 Quadratmeter, Strandnähe, geschätzter Wert 4 Millionen Dollar. Ausserdem besitzt das Paar ein zweistöckiges Penthouse mit Seesicht in Miami. Nach der Festnahme frieren die mexikanischen Behörden elf Bankkonten ein, die dem ehemaligen Minister gehören sollen.

Das wirkt, als sei García Luna eine etwas klischiert geratene Figur aus einer Netflix-Serie. Und tatsächlich tritt in der ersten Staffel von «El Chapo» ein Protagonist mit dem Übernahmen «el Sol» auf, die Sonne. Seine Ähnlichkeit mit García Luna ist offensichtlich und sein Alias wohl eine Anspielung auf dessen Nachnamen: Luna, der Mond. Die Produzenten von Netflix haben aber nie bestätigt, dass die Figur vom früheren Sicherheitsminister inspiriert ist.

Wenn die US-Justiz einen Mann dieses Kalibers anklagt, dann muss sie sich ihrer Sache sehr sicher sein.

Beim Prozess gegen Chapo Guzmán bezeugt der Drogenboss Jesús Zambada im November 2018, er habe García Luna zweimal persönlich einen Geldkoffer überreicht, einmal mit 3, ein andermal mit 3 bis 5 Millionen Dollar. Das Kartell der Gebrüder Beltrán Leyva hat laut Zambada insgesamt 50 Millionen bezahlt. García Luna muss sich in den USA sehr sicher gefühlt haben, um nach solchen Aussagen nicht zu fliehen. Oder die Anschuldigungen sind falsch. Aber dass die US-Justiz einen Mann von diesem Kaliber verhaftet, ohne sich ihrer Sache absolut sicher zu sein, ist nahezu undenkbar. Die Festnahme des einstigen Superpolizisten nützt Donald Trump ebenso wie Mexikos heutigem Präsidenten Andrés Manuel López Obrador.

Trump kann behaupten, seine Regierung gehe gegen Drogendealer, die «bad hombres» aus dem Nachbarland, entschlossen vor, egal, wie wichtig sie einst waren. Dem linken mexikanischen Regierungschef López Obrador bietet sich die Chance, davon abzulenken, dass der Drogenkrieg auch unter ihm weitergeht und er das Wahlkampfversprechen gebrochen hat, den militärischen Einsatz gegen die Kartelle zu beenden. Mexikos heutiger Sicherheitsminister Alfonso Durazo kommentierte García Lunas Festnahme mit den Worten: «Das zeigt, welches Desaster wir geerbt haben.»

Der Prozess gegen García Luna wird in Brooklyn stattfinden, unter dem Vorsitz von Brian Cogan. Das ist der Richter, der schon das Verfahren gegen Chapo Guzmán geleitet hat. Bei einem Schuldspruch droht García Luna dieselbe Strafe, zu der im vergangenen Sommer der Chef des Sinaloa-Kartells verurteilt wurde: lebenslange Haft.

Und falls García Luna auspackt, wird es in Mexiko weitere Erdbeben geben.


Lesen Sie auch: Das Interview mit Mexikos bekanntester Investigativjournalistin
«Die Jungen wollen jetzt auch Narco werden»: Ana Lilia Pérez.

Erstellt: 13.12.2019, 15:56 Uhr

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