Feindliche Technik

US-Bürger zerstören Kaffeemaschinen, um ihre Treue zum Republikaner Roy Moore zu demonstrieren.

Aus Protest: Ein Kalifornier setzt seine Keurig-Kaffeemaschine in Brand. (12. November 2017)

Aus Protest: Ein Kalifornier setzt seine Keurig-Kaffeemaschine in Brand. (12. November 2017) Bild: Reuters

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Es mag gute Gründe geben, eine Kaffeemaschine aus dem Fenster zu werfen oder mit dem Hammer zu zertrümmern. Vielleicht ist sie verkalkt, röchelt zu laut oder kocht einfach scheussliche Brühe. In den USA allerdings gilt die Zerstörung von Kaffeemaschinen derzeit als Ausdruck von besonderem Patriotismus und rechter Gesinnung. Man kann sich das im Internet anschauen. Dort findet man Videos von Leuten, die voller Wut tadellose Geräte in Stücke schlagen. Manche beschimpfen die Maschinen vorher sogar oder zeigen ihnen den Mittelfinger.

Der Zorn trifft allerdings ausschliesslich Geräte der Firma Keurig. Nun mag es bizarr klingen, dass Leute aus politischen Gründen auf bunte Plastikgeräte eindreschen. Doch am Fall Keurig kann man sehen, in welchem geistigen Zustand sich Amerika ein Jahr nach dem Wahlsieg von Donald Trump befindet. Beschimpfungen auszuteilen, den Stinkefinger zu recken und um sich herum alles zu Klump zu schlagen – das ist ja geradezu der Modus operandi des US-Präsidenten.

Angefangen hat alles vor einigen Tagen mit einem Bericht in der «Washington Post». Darin warfen vier Frauen einem Mann namens Roy Moore vor, sie vor gut vier Jahrzehnten sexuell belästigt zu haben. Eine der Frauen war damals 14 Jahre alt, Moore war 32. Die anderen Frauen waren ebenfalls Schülerinnen. Am Montag beschuldige eine fünfte Frau Moore, sie sexuell genötigt zu haben, als sie 16 gewesen sei.

Eine weitere Frau wirft Roy Moore sexuellen Missbrauch vor. (Video: Tamedia Webvideo mit Material der AFP)

Roy Moore ist nicht irgendwer. Er ist Republikaner und kandidiert derzeit in Alabama für einen Senatssitz. Der ehemalige Richter – inzwischen 70 Jahre alt – ist ein frömmelnder, rechtspopulistischer Aussenseiter, das Parteiestablishment in Washington hätte durchaus gerne auf ihn verzichtet. Aber die Parteibasis liebt ihn und hat ihn zum Kandidaten gewählt. Moore jetzt wieder loszuwerden, ist schwierig.

Bannons Schützling

Moore räumt ein, früher mit «jungen Damen» ausgegangen zu sein. Aber er bestreitet, Frauen sexuell attackiert zu haben. Schützenhilfe bekommt er von rechten Medien, allen voran von der Internetsite «Breitbart» und dem Sender Fox News. Sie versuchen verbissen, Moore irgendwie in Schutz zu nehmen. Mal heisst es, die Vorfälle seien lange her; mal sitzen «Rechtsexperten» im Studio und sagen, Frauen seien ja dafür bekannt, Geschichten über sexuelle Übergriffe zu erfinden; mal werden die Medien, die über die Vorwürfe berichten, schlicht als Fake-News-Dreckschleudern diffamiert.

Allerdings zeigt das Gejammer nur, in welcher absurden Klemme die Rechten stecken: Eben noch haben die Republikaner voller Abscheu auf die sexistischen, übergriffigen – und natürlich linken – Filmleute gezeigt und die «Vergewaltigungskultur in Hollywood» angeprangert. So verkommen seien die Demokraten, trötete Fox. Jetzt verteidigt der Sender aus politischen Gründen einen Mann, der, als er selbst schon älter als 30 war, Sex mit minderjährigen Highschool-Mädchen haben wollte.

Bildstrecke: #MeToo: Belästigungs- und Vergewaltigungsvorwürfe

Einige intelligente Republikaner in Washington haben Moore mittlerweile aufgefordert, seine Kandidatur zurückzuziehen. Ihnen ist aufgefallen, dass die Partei, die sich stets als Hüterin von Anstand, Moral und Familienwerten aufplustert, nicht jemanden wie Moore zum Senator machen kann. Es gibt auch die Drohung, Moore wieder aus der Parlamentskammer zu werfen, sollte er die Wahl im kommenden Monat gewinnen. Aber bisher weigert sich der Kandidat, aufzugeben.

Der neue Star des Senders

Der wohl fleissigste Apologet von Moore ist der Fox-Moderator Sean Hannity. Er ist der neue Star des Senders, seit sein Kollege Bill O’Reilly geschasst wurde – weil dieser reihenweise Frauen sexuell belästigt hatte. Hannitys Erfolgsrezept ist einfach: Er ist meistens für Trump. Vor allem aber ist er immer gegen alle Trump-Gegner. Also ist er jetzt für Roy Moore. Der Firma Keurig war das irgendwann nicht mehr geheuer. In ihren Werbespots kocht ein Mann mit zugeknöpftem Polohemd und britischem Akzent in einem hübschen Vorort Kaffee für die Anwohner. Das ist demokratisches Terrain. Also teilte Keurig mit, vorerst keine Werbezeit während Hannitys Show mehr zu buchen.

Prompt brach über die Firma die Wut der Hannity-Fans herein. Es gab Boykottaufrufe, erboste Republikaner filmten sich dabei, wie sie ihre Keurig-Geräte kaputt machten. Sean Hannity verschenkte 500 Kaffeemaschinen, die seine Anhänger schreddern sollten. Dass es kein echter Boykott ist, wenn man ein bereits gekauftes und bezahltes Produkt zerstört, ging etwas unter. Dennoch bekam Keurig offenbar Angst: Am Montag gab die Firma eine Art Entschuldigung ab, man habe sich in dem Streit «nicht auf eine Seite» stellen wollen. Hannity triumphierte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 19:32 Uhr

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